O – Der Narr

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Die Karte 0 – El Matto (Der Narr) des Sola-Busca-Tarots eröffnet den Zyklus mit einer der ungewöhnlichsten und vielschichtigsten Darstellungen der gesamten frühneuzeitlichen Tarotkunst. Im Gegensatz zum späteren Narr des Tarot de Marseille oder des Rider-Waite-Smith-Tarots handelt es sich nicht um eine heitere oder unbekümmerte Figur, sondern um einen einsamen, verwahrlosten Wanderer, dessen Erscheinung von Armut, Ausgrenzung und existenzieller Unsicherheit geprägt ist. Bereits bei einer systematischen ikonographischen Bestandsaufnahme treten die charakteristischen Merkmale deutlich hervor. Die Hauptfigur nimmt nahezu die gesamte Komposition ein. Sie erscheint als magerer Mann unbestimmten Alters, dessen Körper leicht nach vorne geneigt ist und dessen Haltung den Eindruck vermittelt, als bewege er sich ziellos durch die Landschaft. Seine Kleidung besteht aus einem zerrissenen und vielfach geflickten Gewand, das an mehreren Stellen aufgerissen ist und teilweise den Körper freigibt. Das ungeordnete Haar und der entrückte Gesichtsausdruck unterstreichen den Eindruck eines Menschen, der außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung steht. In einer Hand trägt er einen langen Wanderstab, an dessen Ende ein Bündel oder Beutel befestigt ist, das seinen gesamten weltlichen Besitz symbolisiert. Die andere Hand ist geöffnet oder leicht ausgestreckt, wodurch die Bewegung der Figur noch ungerichteter und spontaner erscheint.

Begleitfiguren fehlen vollständig. Weder andere Menschen noch Engel, Dämonen oder mythologische Wesen treten hinzu. Gerade diese vollständige Isolation gehört zu den auffälligsten Merkmalen der Bildkomposition und hebt den Narren als Grenzgänger zwischen Gesellschaft und Wildnis hervor. Umso bedeutender werden die beiden Tiere, die den eigentlichen symbolischen Gegenpol zur Hauptfigur bilden. Im oberen Bereich der Figur befindet sich ein schwarzer Rabe, der entweder auf der Schulter sitzt oder unmittelbar hinter ihr erscheint und die Bewegung des Narren begleitet. Am unteren Bildrand greift ein Hund das Bein oder das zerrissene Gewand des Wanderers an. Diese Kombination aus Rabe und Hund stellt eines der markantesten ikonographischen Merkmale der Karte dar und unterscheidet den Sola-Busca-Narren deutlich von nahezu allen späteren Tarotausprägungen. Weitere Gegenstände sind auf das Wesentliche reduziert. Neben dem Wanderstab mit dem daran befestigten Bündel sind lediglich das zerrissene Gewand, einfaches Schuhwerk beziehungsweise teilweise entblößte Füße sowie der steinige Boden mit niedriger Vegetation zu erkennen. Waffen, Herrschaftsinsignien, Bücher oder religiöse Attribute fehlen vollständig. Am oberen Kartenrand befindet sich die Inschrift „EL MATTO“, welche die Figur eindeutig bezeichnet. Weitere Schriftzüge oder erläuternde Texte sind innerhalb der Bildfläche nicht vorhanden. Der Hintergrund zeigt eine offene Landschaft ohne Gebäude oder architektonische Elemente. Weder Städte noch Tempel oder Burgen begrenzen den Raum. Die Figur bewegt sich über unebenen Boden zwischen Steinen und Pflanzen unter einem hellen Himmel, der frei von Sternen, Planeten oder anderen Himmelszeichen bleibt. Farblich dominieren erdige Braun-, Ocker- und Grüntöne, ergänzt durch Graublau im Hintergrund. Die zerrissene helle Kleidung hebt sich deutlich von der Landschaft ab, während der tiefschwarze Rabe den stärksten Hell-Dunkel-Kontrast der gesamten Komposition bildet und dadurch unweigerlich den Blick des Betrachters auf sich zieht.

Eine genauere Betrachtung der einzelnen Bildzonen verdeutlicht den sorgfältigen Aufbau der Komposition. Der obere Bildrand wird zunächst von der Kartenbezeichnung „EL MATTO“ beherrscht. Darunter öffnet sich der helle Himmel, der frei von weiteren Symbolen bleibt und dadurch den Raben umso stärker hervorhebt. Seine erhöhte Position über der Schulter des Narren verleiht ihm die Funktion eines ständigen Begleiters oder Beobachters, der den Wanderer gleichsam überschattet. Die linke Bildhälfte wird vor allem von der Landschaft und dem langen Wanderstab mit dem daran befestigten Bündel bestimmt. Die offene Umgebung betont den Charakter der Wanderschaft und verweist auf das Fehlen eines festen Zieles oder einer Heimat. Die rechte Bildhälfte wird vom Körper des Narren beherrscht, während sich im unteren Bereich der angreifende Hund befindet. Zwischen Mensch und Tier entsteht die stärkste Bewegung der gesamten Darstellung, da der Hund den Wanderer verfolgt und an seinem Gewand oder Bein zerrt. Das eigentliche Zentrum der Komposition bildet die Gestalt des Narren selbst. Seine leicht nach vorne geneigte Haltung vermittelt Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Auffällig ist, dass sein Blick nicht dem Hund gilt, sondern scheinbar in die Ferne oder nach innen gerichtet ist. Dadurch entsteht der Eindruck einer Figur, deren Aufmerksamkeit weniger der äußeren Welt als einem inneren Zustand gilt. Der untere Bildrand wird von steinigem Boden und niedriger Vegetation geprägt. Hier erscheint der Hund als einzige aktive Kraft innerhalb der materiellen Welt. Seine Position unmittelbar an den Füßen des Wanderers erinnert an mittelalterliche Darstellungen des heimatlosen Pilgers oder Bettlers, dessen Weg von Gefahren begleitet wird. Während der Hund den Bereich des Irdischen besetzt, übernimmt der Rabe den oberen Bildraum und schafft dadurch eine vertikale Achse zwischen materieller und geistiger Ebene.

Die kunsthistorische Forschung beschreibt die ikonographischen Grundelemente dieser Karte bemerkenswert einheitlich. Peter Mark Adams hebt insbesondere hervor, dass der Narr nicht als bloßer Possenreißer verstanden werden darf, sondern als Grenzfigur zwischen gesellschaftlicher Ordnung und initiatorischer Erfahrung. Für Adams besitzen insbesondere der schwarze Rabe sowie die extreme Armut der Figur zentrale Bedeutung. Auch die Kommentare des von Lo Scarabeo herausgegebenen Faksimiles nennen regelmäßig dieselben ikonographischen Konstanten: den Wanderstab mit Bündel, das zerrissene Gewand, den angreifenden Hund, den schwarzen Raben und die menschenleere Landschaft. Die Forschungen von Gertrude Moakley und Michael Dummett betonen ebenfalls, dass der Narr des Sola-Busca-Tarots wesentlich stärker moralisch und philosophisch aufgeladen ist als seine Entsprechungen im Tarot de Marseille. Besonders der Rabe wird immer wieder als ikonographischer Schlüssel hervorgehoben. Innerhalb der hermetischen und alchemischen Forschung wird er häufig mit der Nigredo, der ersten Phase der alchemischen Wandlung, verbunden und als Zeichen von Auflösung, Melancholie und dem Beginn eines tiefgreifenden Transformationsprozesses verstanden. Kunsthistorisch lässt sich seine Bedeutung zunächst allgemeiner als Symbol des Unglücks, der Einsamkeit und des Todes beschreiben, doch gerade diese Mehrdeutigkeit verleiht der Karte ihre außergewöhnliche Tiefe. Ebenso konstant wird der Hund interpretiert. Während er in späteren Tarots häufig lediglich als störendes oder angreifendes Tier erscheint, wird er im Sola Busca vielfach als Verkörperung der materiellen Welt, der Triebnatur oder jener Kräfte verstanden, welche den Wanderer an die Welt binden und seinen Weg erschweren.

Eine abschließende ikonographische Plausibilitätsprüfung zeigt, welche Elemente für die Aussage der Karte unverzichtbar sind. Das auffälligste fehlende Motiv wäre zweifellos der Rabe. Ohne ihn verlöre die Darstellung ihren wichtigsten symbolischen Akzent und damit einen wesentlichen Teil ihrer hermetischen und alchemischen Deutungsmöglichkeiten. Ebenso unverzichtbar ist der Hund, denn erst sein Angriff erzeugt die dramatische Spannung der Szene und macht aus dem Wanderer eine bedrohte Figur. Der Wanderstab mit dem daran befestigten Bündel bildet das klassische Zeichen des heimatlosen Reisenden; ohne dieses Attribut wäre die Identifikation der Figur als Wanderer oder Narr erheblich erschwert. Auch das zerrissene Gewand gehört zu den tragenden ikonographischen Elementen, weil es Armut, gesellschaftliche Randständigkeit und den Bruch mit der sozialen Ordnung sichtbar macht. Schließlich besitzt auch die offene, menschenleere Landschaft eine wesentliche Funktion. Wären Stadt, Tempel oder höfische Architektur dargestellt, verlöre die Figur ihre existentielle Isolation und damit einen zentralen Bestandteil ihrer Aussage. Gerade die Verbindung aus einsamem Wanderer, schwarzem Raben, angreifendem Hund, zerrissener Kleidung, Wanderstab mit Bündel und offener Landschaft bildet die unverwechselbare ikonographische Identität des Narren im Sola-Busca-Tarot und macht ihn zu einer der symbolisch dichtesten Darstellungen innerhalb des gesamten Kartenzyklus.