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Die Karte XIIII BOCHO des Sola-Busca-Tarots gehört zu den besonders rätselhaften Karten des Decks, weil sie – anders als das spätere Standard-Tarot – nicht einfach eine allegorische Tugend oder eine archetypische Figur darstellt, sondern eine konkrete historische Gestalt der Antike. Peter Mark Adams identifiziert Bocho mit Bocchus I. (lateinisch Bocchus), König von Mauretanien, einer Figur aus dem Umfeld des Jugurthinischen Krieges, wie er vor allem durch Bellum Iugurthinum überliefert ist.
Bocchus war König von Mauretanien im 2. Jahrhundert v. Chr. und zunächst Schwiegervater und Verbündeter von Jugurtha, dem König von Numidien. Jugurtha befand sich in einem langen Krieg gegen Rom. Als die römische Macht immer stärker wurde, änderte Bocchus seine politische Strategie. Er verhandelte heimlich mit den Römern und entschied sich schließlich, Jugurtha auszuliefern. Der römische Feldherr Gaius Marius und sein Unterhändler Sulla erhielten dadurch einen entscheidenden Vorteil: Jugurtha wurde gefangen genommen und nach Rom gebracht.
In der römischen Geschichtsschreibung erscheint Bocchus deshalb als eine ambivalente Figur: Er ist nicht einfach ein Held oder Schurke, sondern ein Beispiel für politischen Opportunismus, wechselnde Loyalitäten und die Kunst des Überlebens zwischen Großmächten.
Im Sola-Busca-Kontext ist dies von großer Bedeutung. Die Karte trägt nicht den Namen einer Tugend wie „Temperantia“, sondern einen Eigennamen. Dadurch wird der Betrachter gezwungen, nicht abstrakt moralisch, sondern historisch-politisch zu denken. BOCHO verkörpert eine Welt, in der Macht durch Bündnisse, Verrat, Diplomatie und Geheimwissen bewegt wird.
Bei Adams ist diese historische Ebene mit der politischen Kultur der Renaissance verbunden. Das Sola-Busca-Tarot entstand in einer Zeit, in der italienische Fürstenhöfe und Patrizierfamilien intensiv die antike Geschichte studierten. Die Geschichten von Plutarch, Sallust, Livius und anderen Autoren dienten nicht nur der Bildung, sondern waren Spiegel politischer Handlungsmuster. Ein Renaissance-Herrscher betrachtete antike Figuren wie Alexander, Caesar, Scipio oder Bocchus als Beispiele dafür, wie Macht funktioniert.
Gerade für venezianische Eliten war die Figur des Bocchus interessant. Die Republik Venedig beruhte auf einem hochentwickelten System von Diplomatie, Geheimverhandlungen und wechselnden Bündnissen. Ein venezianischer Patrizier konnte in Bocchus ein politisches Lehrstück erkennen: Nicht rohe Gewalt entscheidet allein über Geschichte, sondern Information, Verhandlung und die Fähigkeit, den richtigen Moment zu wählen.
Die Karte steht deshalb in einem Spannungsfeld:
Bocchus als Verräter:
Aus römischer Sicht war er derjenige, der seinen Verbündeten Jugurtha preisgab.
Bocchus als Staatsmann:
Aus einer machiavellistischen Perspektive könnte er als jemand erscheinen, der die Interessen seines eigenen Reiches über persönliche Loyalität stellte.
Bocchus als Symbol der verborgenen Macht:
Er handelt nicht offen auf dem Schlachtfeld, sondern durch geheime Kommunikation und politische Manipulation.
Diese Mehrdeutigkeit ist typisch für das Sola-Busca-Tarot. Die Figuren sind keine einfachen moralischen Symbole, sondern komplexe historische „Agenten“. Sie besitzen Handlungsmacht (agency) und verkörpern bestimmte Strategien des menschlichen Handelns.
Im weiteren hermetisch-neuplatonischen Umfeld des Decks kann BOCHO auch als Figur des Saturn-Prinzips gelesen werden. Saturn steht in der Renaissance nicht nur für Alter, Begrenzung und Melancholie, sondern auch für:
- politische Klugheit,
- Geduld,
- Berechnung,
- geheime Pläne,
- langfristige Strategie.
Bocchus handelt genau nach diesem Prinzip: Er wartet, beobachtet und entscheidet erst dann, wenn sich die Machtverhältnisse verschieben.
Die Verbindung zu den venezianischen Familien liegt daher nicht in einer Familie „Bocho“, sondern in der Art des politischen Denkens, das die Karte vermittelt. Sie passt zu einem Umfeld wie dem der venezianischen Humanisten, in dem antike Geschichte als verschlüsseltes Wissen über Staatskunst gelesen wurde.
Im Umfeld der möglichen Sola-Busca-Rezeption werden häufig Familien wie Sanudo und Venier diskutiert, weil sie Teil jener venezianischen Patrizierwelt waren, in der antike Geschichte, Astrologie, Hermetik und politische Symbolsprache zusammengehörten. Für diese Kreise wäre BOCHO keine bloße historische Figur gewesen, sondern ein Beispiel für die dunkleren Seiten politischer Weisheit: die Fähigkeit, zwischen Loyalität, Notwendigkeit und Machtinteresse zu navigieren.
Die Karte XIV BOCHO zeigt somit einen zentralen Gedanken des gesamten Sola-Busca-Tarots: Der Mensch bewegt sich in einer Welt voller verborgener Kräfte. Geschichte ist ein Spiel von Schicksal, Charakter, Intelligenz und Entscheidung – und derjenige, der die Zeichen der Zeit lesen kann, besitzt Macht.
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Marin Sanudo
Nach Peter Mark Adams bildete der Krieg von Ferrara (1482–1484) einen entscheidenden Wendepunkt in den Beziehungen zwischen der Republik Venedig und dem Hof der Este. Der militärische Konflikt hatte beide Seiten wirtschaftlich erschöpft und zugleich gezeigt, dass politische Macht im Italien der Renaissance nicht allein auf Waffen beruhte, sondern ebenso auf persönlichen Netzwerken, diplomatischem Geschick und kultureller Patronage. Der Friede von Bagnolo beendete zwar die offenen Kampfhandlungen, beseitigte jedoch nicht das tiefe gegenseitige Misstrauen. Deshalb begann unmittelbar nach dem Frieden eine Phase intensiver diplomatischer Annäherung, in der Geschenke, Heiratsprojekte, künstlerische Aufträge und humanistische Beziehungen ebenso wichtig wurden wie formelle Verträge.
Adams beschreibt die venezianische Politik dieser Jahre als das Handeln eines eng verflochtenen patrizischen Netzwerkes. Familien wie die Bembo, Barbaro, Loredan und Sanudo waren nicht lediglich politische Amtsträger, sondern zugleich Träger einer gemeinsamen humanistischen Kultur. Zwischen ihnen bestanden verwandtschaftliche Bindungen, wirtschaftliche Interessen und philosophische Gemeinsamkeiten. Gerade deshalb konnten diplomatische Beziehungen häufig über persönliche Kontakte abgewickelt werden, lange bevor offizielle Institutionen tätig wurden.
In diesem Zusammenhang misst Adams der Familie Sanudo eine besondere Bedeutung bei. Er versteht sie als Teil jener venezianischen Elite, welche zwischen den Interessen des Senats, den Handelsinteressen der Republik und den Beziehungen zu Ferrara vermittelte. Diese Vermittlung beschränkte sich nicht auf förmliche Friedensgespräche, sondern umfasste nach seiner Auffassung auch die praktische Umsetzung der politischen Aussöhnung. Dazu gehörten finanzielle Regelungen, Besitzfragen, wirtschaftliche Zugeständnisse und die Herstellung eines dauerhaften Vertrauens zwischen beiden Staaten.
Nach Adams war in der italienischen Renaissance Patronage niemals von Politik zu trennen. Geschenke waren keine bloßen Zeichen höfischer Höflichkeit, sondern Investitionen in politische Loyalität. Wer einem einflussreichen Patrizier außergewöhnliche Kunstwerke, kostbare Handschriften oder seltene Gegenstände überließ, erwartete im Gegenzug Unterstützung, Zugang zu Entscheidungsträgern oder wohlwollende Vermittlung. In diesem Sinn interpretiert Adams das Sola-Busca-Tarot nicht als gewöhnliches Spielkartendeck, sondern als außerordentlich kostbares diplomatisches Objekt, dessen ikonographische und philosophische Komplexität genau auf den Bildungshorizont eines hochrangigen venezianischen Humanisten zugeschnitten gewesen sei.
Nach seiner Rekonstruktion könnte das Deck deshalb Teil einer umfassenderen Strategie der Este gewesen sein, einflussreiche venezianische Kreise dauerhaft an Ferrara zu binden. Nicht Bestechung im modernen strafrechtlichen Sinn, sondern die in der Renaissance übliche Logik gegenseitiger Verpflichtungen bildet dabei den entscheidenden Hintergrund. Ein außergewöhnliches Geschenk erzeugte Dankbarkeit, Prestige und eine moralische Verpflichtung zu weiterer Zusammenarbeit.
Adams beschreibt dabei eine politische Kultur, in der persönliche Vorteile und öffentliche Aufgaben kaum voneinander zu trennen waren. Hohe venezianische Amtsträger waren gleichzeitig Diplomaten, Kaufleute, Investoren und Angehörige mächtiger Familien. Die Wahrnehmung öffentlicher Ämter eröffnete ihnen Möglichkeiten, private Beziehungen zu pflegen und ihren gesellschaftlichen Einfluss auszubauen. Aus heutiger Sicht erscheint dies leicht als Korruption; innerhalb der politischen Kultur des Quattrocento gehörte ein solches Patronagesystem jedoch weitgehend zur normalen Funktionsweise aristokratischer Herrschaft.
Vor diesem Hintergrund diskutiert Adams auch finanzielle Ausgleichsregelungen nach dem Krieg. Der Wiederaufbau der Beziehungen zwischen Ferrara und Venedig erforderte umfangreiche wirtschaftliche Vereinbarungen, bei denen Vermittler erhebliches politisches Gewicht besaßen. Wer Zugang zu beiden Höfen hatte, konnte seinen eigenen Rang innerhalb des venezianischen Patriziats erheblich steigern. Adams hebt deshalb hervor, dass politische Vermittlung selbst eine Form von sozialem Kapital darstellte. Einfluss, Ansehen, zukünftige Ämter und wirtschaftliche Chancen waren oft wertvoller als unmittelbare Geldzahlungen.
Gerade deshalb erscheint in Adams‘ Darstellung das Sola-Busca-Tarot als weit mehr als ein Kunstwerk. Das Deck wird zu einem Symbol eines philosophischen Bundes zwischen venezianischen Humanisten und dem Hof der Este. Seine Bildsprache verbindet römische Geschichte, Neuplatonismus, Hermetik, Astrologie, militärische Tugenden und politische Allegorien zu einem Programm, das sich nur einer kleinen gebildeten Elite vollständig erschloss. Wer ein solches Werk verschenkte, überreichte nicht lediglich ein luxuriöses Objekt, sondern ein Zeichen gemeinsamer geistiger Identität und gegenseitigen Vertrauens.
Wichtig ist jedoch, zwischen Adams‘ Interpretation und historisch gesicherten Tatsachen zu unterscheiden. Adams entwickelt eine anspruchsvolle, aber teilweise spekulative Rekonstruktion der politischen Netzwerke, in denen das Sola-Busca-Tarot entstand. Seine Argumentation stützt sich auf Indizien, ikonographische Analysen und personelle Verbindungen zwischen venezianischen und ferraresischen Eliten. Er erhebt nach meiner Kenntnis jedoch nicht die ausdrücklich belegte Behauptung, dass ein Mitglied der Familie Sanudo Ausgleichszahlungen nach dem Krieg von Ferrara veruntreut oder sich persönlich daran bereichert habe. Vielmehr beschreibt er eine politische Kultur der Patronage, in der persönlicher Einfluss, Geschenke, kulturelles Prestige und diplomatische Vermittlung eng miteinander verflochten waren und sich öffentliche Macht häufig auch in privatem gesellschaftlichem Gewinn niederschlug.
