Das Sola Busca Tarot ist eines der rätselhaftesten Zeugnisse der italienischen Renaissance. Es ist nicht einfach ein frühes Tarotspiel, sondern kann als verschlüsseltes esoterisches Lehrsystem gelesen werden: eine visuelle ars memoriae, ein hermetisches Initiationsbuch und möglicherweise eine Art paganes Renaissance-Grimoire.
Der Begriff „Grimoire“ ist dabei nicht im Sinne eines mittelalterlichen Zauberbuches mit einfachen Rezepturen zu verstehen, sondern als ein komplex codiertes Werk der Renaissance-Magie, in dem Bilder, Namen, Zahlen, Planetensymbole, mythologische Figuren und alchemische Prozesse ein zusammenhängendes Weltmodell bilden.
Der Sola Busca Tarot steht an der Schnittstelle von:
- Hermetik
- Neuplatonismus
- Orphismus
- Chaldäischen Orakeln
- astrologischer Magie
- Alchemie
- Renaissance-Mysterienkulten
- christlich überformter antiker Paganität
- ars memoriae
- ritueller Bildmagie
1. Historischer Kontext: Die Renaissance als Wiedergeburt des Paganen
Der Sola Busca entstand um 1491 in Norditalien, vermutlich im venezianischen oder lombardischen Umfeld. Die Renaissance war eine Zeit, in der antike Texte wiederentdeckt wurden:
- Marsilio Ficino übersetzte Platon und den Corpus Hermeticum.
- Giovanni Pico della Mirandola verband Platonismus, Kabbala und christliche Mystik.
- Astrologie und Magie galten nicht als Aberglaube, sondern als Wissenschaften über die Verbindung von Mensch und Kosmos.
Der Mensch wurde als Mikrokosmos verstanden:
Der Mensch trägt in sich die Struktur des gesamten Universums.
Der Sola Busca Tarot visualisiert genau dieses Weltbild.
2. Warum „Pagan Renaissance Grimoire“?
Ein klassisches Grimoire enthält:
- Namen übernatürlicher Wesen
- kosmologische Ordnung
- magische Korrespondenzen
- Rituale
- Methoden der Transformation
Der Sola Busca erfüllt diese Kategorien auf symbolischer Ebene.
Namen und Gestalten
Die Trumpfkarten zeigen keine abstrakten Tugenden wie spätere Tarots, sondern:
- antike Helden
- römische Figuren
- mythologische Gestalten
- historische Namen
- Götter- und Halbgötterbilder
Beispiele:
- Metellus
- Catone
- Sesto
- Lentulo
- Nerone
- Alessandro
- Deotauro
Diese Namen funktionieren wie magische Signaturen.
In Renaissance-Magie besitzt der Name Macht, weil er eine kosmische Identität bezeichnet.
3. Die Metaphysik des Sola Busca
Neuplatonisches Weltbild
Die Grundstruktur entspricht dem Neuplatonismus:
Das Eine (Henosis)
↓
Der Nous (göttlicher Geist)
↓
Weltseele (Anima Mundi)
↓
Planetensphären
↓
Elementare Welt
↓
Materie
Diese Bewegung ist zugleich:
- kosmischer Abstieg
- menschlicher Fall
- Weg der Rückkehr
Der Tarot zeigt daher nicht nur Wahrsagung, sondern eine Seelenreise zurück zum Ursprung.
4. Die Rolle von Plotin und Henosis
Wie bei Plotinus ist das höchste Ziel:
Henosis
= Vereinigung mit dem Einen.
Der Initiand muss:
- die niederen Bindungen überwinden
- die Leidenschaften reinigen
- die kosmischen Kräfte erkennen
- den göttlichen Ursprung wiederfinden
Die Karten können als Stationen dieses Aufstiegs gelesen werden.
5. Kosmologie: Der Mensch als astrologisches Wesen
Der Sola Busca ist stark astrologisch geprägt.
Die Renaissance-Magie ging davon aus:
Die Sterne zwingen nicht, aber sie wirken als kosmische Kräfte.
Die Welt ist ein Netz von Entsprechungen:
Makrokosmos
↓
Planet
↓
Metall
↓
Pflanze
↓
Tier
↓
Mensch
↓
Seelenzustand
Dies ist die Grundlage der astrologischen Magie.
6. Verbindung zur Picatrix
Die wichtigste Parallele besteht zum mittelalterlich-arabischen Magiebuch:
Picatrix
(arabisch: Ghāyat al-Ḥakīm)
Die Picatrix war eines der wichtigsten Bücher der Renaissance-Magie.
Sie beschreibt:
- Planetengeister
- Talismane
- astrologische Zeitwahl
- Bildermagie
- Einwirkung kosmischer Kräfte
7. Die Bildmagie der Picatrix und der Sola Busca
Die Picatrix lehrt:
Ein Bild ist nicht nur Darstellung.
Ein Bild kann ein Gefäß kosmischer Kräfte sein.
Ein astrologisches Bild (imagines) wird geschaffen:
- unter einem bestimmten Sternstand
- mit bestimmten Symbolen
- mit bestimmten Farben
- mit bestimmten Materialien
Der Sola Busca Tarot funktioniert ähnlich:
Die Bilder sind nicht dekorativ.
Sie sind ikonographische Container von Wissen.
8. Ritualpraxis: Wie könnte ein Renaissance-Magier den Tarot verwendet haben?
Man muss vorsichtig sein:
Es gibt keinen direkten Beweis, dass der Sola Busca als Ritualdeck benutzt wurde.
Aber innerhalb der Renaissance-Magie wäre eine Verwendung denkbar:
1. Kontemplation (contemplatio)
Der Magier betrachtet ein Bild.
Nicht rational analysierend, sondern meditativ.
2. Ars memoriae
Das Bild aktiviert gespeichertes Wissen:
- Mythologie
- Astrologie
- Tugenden
- Laster
- kosmische Prinzipien
3. Imaginatio
Hier kommt die Renaissance-Auffassung der Vorstellungskraft hinzu.
Die imaginatio ist nicht bloße Fantasie.
Sie ist ein Vermittlungsorgan zwischen:
- Geist
- Seele
- Kosmos
Dies entspricht späteren Vorstellungen von:
- Henri Corbins mundus imaginalis
- Jungs aktiver Imagination
9. Alchemische Dimension
Der Sola Busca zeigt viele alchemische Themen:
- Tod
- Zerstörung
- Reinigung
- Wiedergeburt
- Verwandlung
Der Initiand durchläuft:
Nigredo
Schwärzung
→ Auflösung des alten Selbst
Albedo
Reinigung
→ Erkenntnis
Rubedo
Vollendung
→ neuer Mensch
Die Tarotreise ist damit eine alchemische Initiation.
10. Saturn und die dunkle Initiation
Eine zentrale Figur ist Saturn.
In Renaissance-Magie ist Saturn nicht einfach „negativ“.
Saturn bedeutet:
- Zeit
- Grenze
- Tod
- Konzentration
- Weisheit
- Melancholie
Bei Marsilio Ficino besitzt Saturn eine doppelte Natur:
Er kann den Menschen gefangen halten – oder zur höchsten philosophischen Erkenntnis führen.
11. Paganismus und christliche Oberfläche
Der Sola Busca entstand in einer Zeit, in der offener Paganismus unmöglich war.
Deshalb arbeitet die Renaissance mit einer Verschlüsselung:
Äußerlich:
- römische Geschichte
- klassische Helden
Innerlich:
- hermetische Philosophie
- Mysterienweg
- kosmische Initiation
Das ist typisch für Renaissance-Esoterik.
12. Der Sola Busca als Initiationsweg
Eine mögliche Struktur:
Karten 0–10
Die Begegnung mit der materiellen Welt
Karten 11–21
Konfrontation mit kosmischen Kräften
Karten 22–56
Heldenweg, Prüfungen, Transformation
Karten 57–78
Vollendung, Erkenntnis, kosmische Integration
(Die genaue Zuordnung ist in der Forschung umstritten.)
13. Vergleich mit späterem Tarot
Der Rider–Waite Tarot übernimmt viele Ideen indirekt:
- Tarot als Initiationssystem
- Bilder als psychologische Symbole
- archetypische Entwicklung
Aber:
Der Sola Busca ist stärker:
- pagan
- astrologisch
- alchemisch
- historisch verschlüsselt
Während Waite stärker:
- christlich-esoterisch
- kabbalistisch
- viktorianisch
interpretiert.
14. Hermetische Interpretation nach Lazzarelli, Corbin und Jung
Ludovico Lazzarelli
Der Mensch ist ein göttliches Wesen im Prozess der Erinnerung an seinen Ursprung.
Der Tarot wäre ein Weg der restitutio:
Rückkehr zur göttlichen Natur.
Henri Corbin
Die Bilder gehören zum mundus imaginalis:
Eine Zwischenwelt zwischen:
- Sinnlichkeit
- reiner Geistigkeit
Die Figuren sind nicht nur Symbole, sondern können als lebendige imaginale Gestalten erfahren werden.
C. G. Jung
Der Tarot wäre eine Folge von Archetypen:
- Schatten
- Tod
- Transformation
- Selbstwerdung
Der Sola Busca zeigt den Individuationsprozess in mythologischer Sprache.
Fazit
Der Sola Busca Tarot kann mit großer Berechtigung als ein paganes Renaissance-Grimoire in Bildern verstanden werden:
Nicht als Zauberbuch im volkstümlichen Sinn, sondern als:
ein visuelles Initiationssystem, das die Kosmologie der Renaissance-Magie kodiert.
Seine Grundidee lautet:
Der Mensch ist ein Mikrokosmos.
Durch Wissen, Imagination und Transformation kann er die verborgene Ordnung des Kosmos erkennen und zu seinem göttlichen Ursprung zurückkehren.
Die Verbindung zu Picatrix, Hermetik, astrologischer Magie und neuplatonischer Metaphysik macht den Sola Busca zu einem der frühesten und komplexesten Beispiele eines Tarots als esoterischer Kosmologie.
