Der Begriff „non-ordinary states of consciousness“ (NOSC) bzw. „Altered States of Consciousness“ (ASC) bezeichnet Bewusstseinsformen, die sich qualitativ vom gewöhnlichen Alltagsbewusstsein unterscheiden. Im Deutschen werden sie meist als veränderte Bewusstseinszustände (VBZ), außergewöhnliche Bewusstseinszustände oder nicht-alltägliche Bewusstseinszustände bezeichnet. Gemeint sind Erfahrungsräume, in denen die gewöhnliche Wahrnehmung von Zeit, Raum, Ich-Grenzen und Wirklichkeit verändert ist. Dazu gehören etwa mystische Erfahrungen, Trance, Ekstase, Initiationserlebnisse, tiefe Meditation, schamanische Zustände, Visionen, Traumzustände, Nahtoderfahrungen oder durch Pflanzenstoffe und andere psychotrope Mittel ausgelöste Bewusstseinsveränderungen. Im historischen Umfeld der Renaissance, in dem das Sola-Busca-Tarot entstand, wurden solche Zustände nicht primär psychologisch verstanden, sondern als Zugänge zu verborgenen kosmischen, göttlichen oder philosophischen Wirklichkeitsebenen.
Das Sola-Busca-Tarot (entstanden um 1491/1493 in Norditalien) kann als ein visuelles System betrachtet werden, das den Betrachter in einen symbolischen Raum führt, der nicht nur intellektuell entschlüsselt werden soll, sondern eine Veränderung der Wahrnehmung anstrebt. Die Karten funktionieren weniger wie ein modernes Wahrsagesystem, sondern eher wie ein ikonographisches Gedächtnis- und Initiationssystem. Die Kombination aus antiken Heldenfiguren, astrologischen Anspielungen, alchemistischen Symbolen, hermetischen Motiven und philosophischen Themen erzeugt einen Bildraum, der den Betrachter aus dem gewöhnlichen Denken herausführt und eine imaginative oder kontemplative Erfahrung ermöglicht.
In diesem Sinne kann das Sola-Busca-Tarot als ein Medium für nicht-alltägliche Bewusstseinszustände verstanden werden. Die Betrachtung der Karten folgt einem Prinzip, das in der Renaissance eng mit der Idee der Imaginatio verbunden war. Die Vorstellungskraft galt damals nicht lediglich als Fantasie, sondern als eine aktive Erkenntniskraft, die zwischen der materiellen Welt und höheren geistigen Sphären vermitteln konnte. Besonders in hermetischen und neuplatonischen Traditionen wurde die Imagination als ein innerer Wahrnehmungsraum verstanden, durch den der Mensch verborgene Zusammenhänge erkennen konnte.
Viele Karten des Sola-Busca-Tarots zeigen Situationen, die eine gewöhnliche rationale Interpretation überschreiten. Figuren erscheinen als historische Persönlichkeiten, mythische Helden oder allegorische Gestalten, deren Identität oft bewusst mehrdeutig bleibt. Diese Mehrdeutigkeit ist charakteristisch für symbolische Systeme, die nicht nur Informationen vermitteln, sondern Bewusstseinsprozesse auslösen wollen. Der Betrachter wird aufgefordert, in einen Dialog mit den Bildern einzutreten. Dadurch entsteht ein Zustand, der mit moderner Terminologie als veränderte Aufmerksamkeit, symbolische Trance oder imaginativer Bewusstseinszustand beschrieben werden könnte.
Besonders deutlich wird dies bei den zahlreichen Anspielungen auf Alchemie. Die alchemistische Arbeit war in der Renaissance nicht nur ein chemisches Experiment, sondern ein spirituell-psychologischer Transformationsprozess. Der äußere Vorgang der Metallverwandlung spiegelte eine innere Wandlung des Menschen wider. Begriffe wie nigredo (Auflösung und Dunkelphase), albedo (Reinigung) und rubedo (Vollendung) beschreiben symbolische Bewusstseinsprozesse. Das Sola-Busca-Tarot enthält zahlreiche Bildmotive, die als Stationen einer solchen inneren Transformation gelesen werden können. Die Karten bilden damit eine Art visuellen Weg durch Krisen, Prüfungen, Erkenntnis und Erneuerung.
Auch die Verbindung zu Dionysos, Orphismus und antiken Mysterientraditionen ist für die Frage nach nicht-alltäglichen Bewusstseinszuständen bedeutsam. Die antiken Mysterienkulte zielten nicht nur auf Wissensvermittlung, sondern auf eine persönliche Erfahrung des Heiligen. Der Initiierte sollte durch Rituale, symbolische Handlungen, Musik, Tanz, Mythen und ekstatische Zustände eine Veränderung seines Bewusstseins erfahren. Elemente dieser Traditionen wirkten in der Renaissance über humanistische Studien, die Wiederentdeckung antiker Texte und die Rezeption von Platonismus und Neuplatonismus weiter.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Idee des Daimon oder Genius, wie sie etwa in platonischen und neuplatonischen Traditionen erscheint. Der Daimon ist kein bloßer „Geist“ im modernen Sinn, sondern eine vermittelnde Instanz zwischen der menschlichen Seele und höheren Wirklichkeitsebenen. Im Kontext des Sola-Busca-Tarots kann der Daimon als Symbol für eine innere Führungskraft verstanden werden, die den Menschen durch unbekannte psychische und geistige Bereiche führt. Der Übergang vom normalen Bewusstsein zu einem erweiterten Bewusstseinszustand geschieht hier nicht durch Verlust der Kontrolle, sondern durch eine bewusste Öffnung gegenüber symbolischen und archetypischen Kräften.
Aus heutiger Sicht lassen sich bestimmte Erfahrungen, die durch das Sola-Busca-Tarot ausgelöst werden können, mit Konzepten der Tiefenpsychologie, insbesondere mit Carl Gustav Jungs Begriff der aktiven Imagination, vergleichen. Jung betrachtete Bilder, Symbole und innere Gestalten als Ausdruck tiefer psychischer Prozesse. Die Begegnung mit ihnen kann eine transformative Wirkung besitzen. Obwohl das Sola-Busca-Tarot Jahrhunderte vor Jung entstand, folgt es einem ähnlichen Prinzip: Bilder werden nicht nur betrachtet, sondern als lebendige psychische Wirklichkeiten erfahren.
Der Unterschied zwischen einem normalen Bild und einem Bildsystem wie dem Sola-Busca-Tarot liegt darin, dass die Karten eine Folge symbolischer Übergänge darstellen. Jede Karte kann als Schwellenraum verstanden werden, der eine bestimmte innere Haltung aktiviert. Der Betrachter bewegt sich zwischen Geschichte und Mythos, Vernunft und Intuition, Materie und Geist. Dadurch entsteht ein liminaler Bewusstseinsraum – ein Zwischenzustand, wie ihn die Anthropologie als Schwellenphase einer Initiation beschreibt.
Im modernen Verständnis der Bewusstseinsforschung könnte man sagen, dass das Sola-Busca-Tarot nicht notwendigerweise einen veränderten Bewusstseinszustand im neurophysiologischen Sinn erzeugt, wie dies etwa durch Meditation, Fasten, Trance oder psychedelische Substanzen geschehen kann. Es bietet jedoch eine symbolische Technologie der Bewusstseinsveränderung: ein kulturelles Werkzeug, das Aufmerksamkeit bündelt, Vorstellungskraft aktiviert und tiefere Schichten der Wahrnehmung zugänglich machen kann.
Gerade darin liegt die besondere Bedeutung des Sola-Busca-Tarots. Es ist weniger ein Orakel im modernen Sinne als ein Renaissance-Instrument zur Erforschung innerer Welten. Seine Bilder wirken wie Tore zwischen verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit: zwischen dem sichtbaren und unsichtbaren Kosmos, zwischen äußerer Geschichte und innerer Mythologie, zwischen rationalem Denken und visionärer Erfahrung. Der Begriff der „non-ordinary states of consciousness“ beschreibt daher einen zentralen Aspekt seiner möglichen Wirkung: Das Sola-Busca-Tarot lädt den Menschen ein, die Grenzen des gewöhnlichen Bewusstseins zu überschreiten und eine tiefere symbolische Dimension seiner eigenen Existenz zu erfahren.
