Die Bezeichnung des Sola-Busca-Tarocchi als „Grimoire“ ist vor allem mit der modernen Forschung von Peter Mark Adams verbunden, der das Deck nicht primär als Spielkarten oder als Vorläufer späterer Wahrsagepraktiken interpretiert, sondern als eine verschlüsselte, magisch-rituelle Bildhandschrift der Renaissance. In dieser Perspektive erscheinen die 78 Karten als ein kohärentes visuelles System, in dem sich Mythologie, Alchemie, Astrologie, Theurgie und politische Symbolik überlagern. Dabei ist entscheidend, dass der Begriff „Grimoire“ keine historische Selbstbezeichnung darstellt, sondern eine moderne Deutungskategorie ist. In der Forschung besteht zwar weitgehend Einigkeit darüber, dass das Sola-Busca-Deck tief in hermetisch-alchemischen Vorstellungswelten verankert ist, doch die weitergehende These Adams’, es handle sich um ein konkret kodiertes Ritualbuch eines Saturn-Kultes, bleibt umstritten und wird kontrovers diskutiert.
Historisch ist das Sola-Busca-Tarot im venezianisch-ferraresischen Kulturraum des späten 15. Jahrhunderts zu verorten. Es gilt als das älteste vollständig erhaltene Tarotspiel mit illustrierten Zahlenkarten und wurde als Kupferstichserie von außergewöhnlicher künstlerischer Qualität geschaffen; die bekannte kolorierte Fassung befindet sich heute in der Pinacoteca di Brera. Diese Entstehungszeit ist entscheidend für das Verständnis seiner möglichen Funktionen, denn die Renaissance kannte keine strikte Trennung zwischen Kunst, Naturforschung, Magie und Philosophie. Humanistische Gelehrte beschäftigten sich zugleich mit Platonismus und Neuplatonismus, mit Hermetik, Kabbala, Astrologie, Alchemie, antiken Mysterienkulten und christlicher Mystik. Vor diesem Hintergrund konnte ein Bildzyklus gleichzeitig ästhetisches Kunstwerk, philosophisches Meditationsinstrument, Gedächtnissystem und magisches Werkzeug sein.
Was das Sola-Busca in diesem Kontext „grimoiresk“ erscheinen lässt, ist die strukturelle Nähe zu klassischen magischen Handbüchern. Ein Grimoire enthält typischerweise Namen übernatürlicher oder historisch aufgeladener Wesen, kosmologische Ordnungen, symbolische Systeme, ritualisierte Abläufe sowie verschlüsselte Anweisungen und Diagramme. Adams erkennt genau solche Elemente im Sola-Busca wieder, insbesondere in der Verwendung historischer Figuren als Träger esoterischer Bedeutung. Die Trumpfkarten zeigen Persönlichkeiten wie Alexander den Großen, Nero, Julius Caesar, Cato, Cleopatra, Saul oder dionysische Gestalten. Diese erscheinen jedoch nicht als bloße historische Referenzen, sondern werden zu symbolischen Verdichtungen eines hermetischen Weltbildes transformiert. So steht Alexander der Große (Alecxandro M.) nicht nur für militärische Eroberung, sondern für Initiation: für die Verbindung mit Ägypten, mit Zeus-Ammon, mit verborgenem Wissen und mit der alchemischen Königssymbolik. Die historische Figur wird damit zum Archetyp eines eingeweihten Herrschers, der politische Macht und spirituelle Erkenntnis vereint.
Eine zentrale Bedeutungsebene des Decks bildet die Alchemie. Forscherinnen wie Sofia Di Vincenzo sowie andere Interpreten haben darauf hingewiesen, dass zahlreiche Karten klassische alchemische Transformationsprozesse spiegeln. Die Abfolge von Nigredo, Albedo, Citrinitas und Rubedo manifestiert sich in Bildmotiven von Tod und Zerfall, Reinigung, Erleuchtung und Wiedergeburt. In dieser Lesart fungiert das Sola-Busca als ein visuelles Laboratorium der Transformation, in dem nicht die materielle Herstellung des Steins der Weisen im Vordergrund steht, sondern die symbolische Umwandlung des Menschen selbst. Die Karten bilden gewissermaßen Stationen eines inneren Initiationswegs, der durch Krise, Läuterung und Erneuerung führt.
Den radikalsten Interpretationsschritt unternimmt Adams mit seiner Saturn-These. Ihm zufolge bildet Saturn den verborgenen Schlüssel des gesamten Decks. Diese Gottheit erscheint in unterschiedlichen kulturellen Maskierungen, etwa als Kronos, Baal Hammon, Ammon oder als kosmischer Demiurg und Herr der Zeit. In spätantiker und hermetischer Tradition steht Saturn nicht einfach für das Böse, sondern für Zeitlichkeit, Begrenzung, Tod, kosmische Ordnung und die Notwendigkeit einer Initiation durch Zerstörung und Wiedergeburt. Adams argumentiert, dass das Sola-Busca eine Art visuelle Liturgie einer saturnischen Theurgie darstellt: ein System, in dem der Initiierte durch die „Dunkelheit“ Saturns hindurchgehen muss, um zu höherer Erkenntnis zu gelangen. Gerade diese These, die das Deck als verschlüsseltes Ritualbuch einer elitären Saturn-Religion interpretiert, ist der spekulativste Teil seiner Forschung.
Eng damit verbunden ist die dionysische Symbolik, die im Deck ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Verschiedene Karten enthalten Hinweise auf Dionysos, auf ekstatische Transformation, Opferdarstellungen, Maskierung und Grenzüberschreitung. Diese Motive erinnern an antike Mysterienkulte, in denen der symbolische Tod des alten Selbst, die Begegnung mit dem Göttlichen und die Wiedergeburt zentrale Elemente waren. Das Sola-Busca lässt sich in dieser Perspektive als eine Art Initiationsdrama in Bildern lesen, in dem sich saturnische Strenge und dionysische Ekstase ergänzen.
Ein entscheidender Punkt dieser Deutung ist, dass das Deck vermutlich nicht primär für Wahrsagerei konzipiert wurde. Die heute verbreitete Praxis des Tarotlegens entwickelte sich erst deutlich später. Stattdessen kann das Sola-Busca als theurgisches Instrument verstanden werden, also als ein Mittel zur Annäherung an göttliche Kräfte, zur Meditation über kosmische Ordnungen und zur Transformation des Bewusstseins. In Adams’ Interpretation handelt es sich um eine visuelle Liturgie, die möglicherweise im Kontext einer kleinen, gebildeten Elite der Renaissance verwendet wurde.
In diesem Zusammenhang wird häufig Ludovico Lazzarelli als möglicher geistiger Bezugspunkt diskutiert. Lazzarelli, ein Humanist und Hermetiker des 15. Jahrhunderts, verband christliche Theologie mit hermetischer Philosophie und beschäftigte sich intensiv mit der Übersetzung und Kommentierung entsprechender Texte. Einige Forscher vermuten, dass seine Ideenwelt den symbolischen Hintergrund des Sola-Busca geprägt haben könnte, auch wenn eine direkte Verbindung bislang nicht nachgewiesen ist.
Eine weitere interpretative Perspektive sieht das Deck als ein „magisches Gedächtnissystem“. In Analogie zur ars memoriae der Renaissance, wie sie etwa bei Giordano Bruno oder Giulio Camillo begegnet, könnten die Karten als visuelle Speicher komplexer Wissensordnungen fungieren. Jede Karte verbindet dabei Personen, planetarische Kräfte, Tugenden und Laster, mythologische Narrative und philosophische Konzepte. Ein Grimoire wäre in diesem Sinne nicht notwendigerweise ein Zauberbuch mit expliziten Beschwörungsformeln, sondern ein symbolischer Speicher kosmischen Wissens, der durch kontemplative Betrachtung erschlossen wird.
Innerhalb der Forschung lassen sich unterschiedliche Positionen unterscheiden. Die klassische Kunstgeschichte betont vor allem den Charakter des Decks als Renaissancekunstwerk, als humanistische Allegorie antiker Geschichte und moralischer Symbolik. Die alchemisch-hermetische Interpretation, vertreten unter anderem von Sofia Di Vincenzo, Paola Gnaccolini und Peter Mark Adams, hebt dagegen die Bedeutung von Transformationsprozessen, hermetischer Philosophie und Initiationssymbolik hervor. Adams’ Saturn-Grimoire-These schließlich stellt die zugespitzteste und zugleich spekulativste Lesart dar, indem sie das Deck als verschlüsseltes Ritualbuch einer spezifischen theurgischen Praxis interpretiert.
Insgesamt lässt sich das Sola-Busca-Tarot als ein „Grimoire ohne Worte“ verstehen: nicht als Sammlung von Zauberformeln, sondern als ein komplexes System von Bildern; nicht als linear gegliedertes Buch, sondern als ein Ensemble von Karten; nicht als explizite Beschwörung, sondern als symbolischer Initiationsweg. Es vereint hermetische, alchemische, astrologische und mythologische Elemente mit dem intellektuellen Horizont des Renaissance-Humanismus. In seiner stärksten Deutung erscheint es weniger als Spiel denn als verschlüsseltes Bildmanuskript, das die Transformation des Menschen im Spiegel kosmischer Kräfte inszeniert. Während Adams darin ein saturnisches Initiationsbuch erkennt, bleiben andere Forscher vorsichtiger und sprechen eher von einem vielschichtigen hermetisch-alchemischen Kunstwerk, dessen Bedeutung sich nicht auf eine einzige Lesart reduzieren lässt.
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https://www.youtube.com/watch?v=y6ndiAOgUWA&list=PLlx8qA3u_BLFaiegSkVAZv3PKd-_XOLws&index=2 – https://talk.vonabisw.de/Becca/Magic1.mp4
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Ritter / Plessner – PICATRIX – DAS ZIEL DES WEISEN – PSEUDO-MAGRITI – free download
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Astrological Magic – Basic Rituals & Meditations
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Susanne Beiweis – Saturn und Talisman – die heterogenen Begriffe der Magie am Beispiel von Marsilio Ficinos „De vita libri tres“ – https://phaidra.univie.ac.at/detail/o:1325510 – https://talk.vonabisw.de/Astrotalk3/Beiweis.pdf
Phillipson, Garry: ‘Astrology and Truth: A Context in Contemporary Epistemology’ (2020). Doctoral thesis which evaluates astrology’s truth-status in light of the three major theories of truth. – https://talk.vonabisw.de/Astrotalk3/Garry.pdf
Geheimnisakademie – Geschichte des Okkulten – https://www.youtube.com/@Geheimnisakademie-Okkultismus/videos
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Carl Jung’s Hermeticism and Alchemical Psychology Explained by Terence McKenna
https://www.youtube.com/watch?v=T69GGE_v8QI – https://talk.vonabisw.de/Becca/Jung3.mp4
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Hermetic Spirituality and the Historical Imagination: Altered States of Knowledge in Late Antiquity

Filmliste Hermetik / Hermetica – https://www.youtube.com/playlist?list=PLWfUcScvQbEyF-7bAd4yKprck9WH1wETm
Filmliste Prof. Dr. Wouter J. Hanegraaff on Hermetic Tradition – https://www.youtube.com/playlist?list=PLWfUcScvQbExTuqRk07fpUHmaOVh3KNkR
Wouter Hanegraaff – Hermetic Spirituality and The Historical Imagination – https://www.youtube.com/watch?v=7AyVkUD-5XE&list=PLWfUcScvQbExTuqRk07fpUHmaOVh3KNkR&index=5&t=4s
Hermetic Spirituality with Prof Wouter Hanegraaff – https://www.youtube.com/watch?v=RocoS-vOGFk&list=PLWfUcScvQbExTuqRk07fpUHmaOVh3KNkR&index=6&t=3s
Thesis: Astrology as the teaching of Primordial Principles not of the stars or planets. – Therefore the Planets can never be causes – only signs as representative for one of the seven Primordial Principles – now ten. – As above so below. – The Horoscope as the teaching and learning Plan for the life of the Individual. – Lord not my will, but your will be done. –
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