Herkunfts- und Besitzgeschichte (Provenienz) des Sola Busca Tarot

Das Sola-Busca-Tarot entstand am Ende des 15. Jahrhunderts in der italienischen Renaissance, wahrscheinlich im Zusammenhang mit Ferrara und Venedig. Lange wurde diskutiert, ob Ferrara oder Venedig der eigentliche Entstehungsort war. Die Kupferstiche stehen stilistisch in einer Tradition, die mit Ferrara verbunden wurde, während die vollständige Bemalung und mehrere Hinweise auf den Karten stark auf einen venezianischen Zusammenhang deuten. Die heutige Forschung sieht besonders die venezianische Elitekultur als entscheidenden Kontext.

Der entscheidende Name ist Marin Sanudo der Jüngere (1466–1536), ein venezianischer Humanist, Historiker und Sammler. Auf mehreren Karten finden sich Hinweise, die mit Sanudo verbunden werden: insbesondere das Monogramm „M.S.“ sowie heraldische Zeichen, die als Bezüge zu venezianischen Adelsfamilien wie Sanudo und Venier interpretiert wurden. Die Pinacoteca di Brera beschreibt deshalb Sanudo als möglichen Besitzer und als die Person, die für die Kolorierung des Decks in Venedig im Jahr 1491 verantwortlich gewesen sein könnte.

Damit entsteht ein neues Bild:

Das Deck war vermutlich kein anonymes Spielkartenprodukt, sondern ein humanistisches Luxusobjekt innerhalb des venezianischen Adels- und Gelehrtenmilieus. Marin Sanudo gehörte zu jener Elite, die sich für antike Geschichte, römische Vorbilder, Chronistik, Philosophie und auch für alchemische oder hermetische Wissensformen interessierte. Gerade dies erklärt die ungewöhnliche Bildsprache: Die Karten zeigen nicht einfache Tarot-Symbole, sondern römische Feldherren, Könige, Philosophen und Figuren aus der antiken Geschichte.

Die Verbindung zu Ferrara ist dennoch wichtig. Ferrara war eines der großen Zentren der italienischen Renaissance, besonders für Tarotproduktion, Humanismus, Astrologie und alchemische Studien. Eine verbreitete Forschungshypothese sieht den Ursprung der Druckplatten beziehungsweise die künstlerische Vorbereitung in einem ferrarischen Umfeld, während das fertige kolorierte Luxusdeck nach Venedig gelangte.

Die Vorstellung, dass das Deck von Ferrara als Geschenk nach Venedig gelangte, gehört in diesen Zusammenhang: Ferrara und Venedig standen in engem politischen und kulturellen Austausch, aber ein eindeutig dokumentierter Schenkungsakt des Sola-Busca-Decks ist nicht sicher nachgewiesen. Es ist daher besser zu formulieren: Das Deck könnte aus dem ferrarischen Kunstmilieu stammen oder dort beeinflusst worden sein und in den Besitz eines venezianischen Humanisten wie Marin Sanudo gelangt sein.

Erst viel später erscheint die Besitzgeschichte, aus der der heutige Name Sola-Busca hervorgeht:

Im 19. Jahrhundert befand sich das vollständige kolorierte Deck bei der Marchesa Busca (geb. Duchessa Serbelloni). Sie machte es Gelehrten zugänglich und ermöglichte die Untersuchung dieses außergewöhnlichen Renaissanceobjekts.

Danach gelangte es in den Besitz des Conte Sola beziehungsweise der Familie Sola. Aus diesen beiden späteren Besitzerbezeichnungen entstand die moderne Bezeichnung:

Sola + Busca = Sola-Busca-Tarot

Dies ist also keine Familie, sondern eine Kombination zweier Provenienznamen.

Die gesamte korrigierte Entwicklung lautet:

Ferrara/Venetien – Renaissance-Humanistenkreis (um 1491)
möglicher venezianischer Besitzer Marin Sanudo der Jüngere
spätere unbekannte Besitzphasen
Marchesa Busca (geb. Serbelloni)
Conte Sola / Familie Sola
italienischer Staat (2009)
Pinacoteca di Brera, Mailand

Gerade für die Interpretation nach Peter Mark Adams ist diese Korrektur entscheidend: Der Schlüssel zum Deck liegt nicht in einer späteren „Tarottradition“, sondern in einem Netzwerk aus Ferrara, Venedig, Adel, Humanismus, antiker Geschichtsschreibung, politischer Symbolik und möglicherweise hermetisch-alchemischem Wissen. Marin Sanudo und sein venezianisches Umfeld gehören damit wahrscheinlich zu den wichtigsten Schlüsseln zum Verständnis des ursprünglichen Programms des Decks.