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Die Karte 0 – El Matto (Der Narr) des Sola-Busca-Tarots eröffnet den Zyklus mit einer der ungewöhnlichsten und vielschichtigsten Darstellungen der gesamten frühneuzeitlichen Tarotkunst. Im Gegensatz zum späteren Narr des Tarot de Marseille oder des Rider-Waite-Smith-Tarots handelt es sich nicht um eine heitere oder unbekümmerte Figur, sondern um einen einsamen, verwahrlosten Wanderer, dessen Erscheinung von Armut, Ausgrenzung und existenzieller Unsicherheit geprägt ist. Bereits bei einer systematischen ikonographischen Bestandsaufnahme treten die charakteristischen Merkmale deutlich hervor. Die Hauptfigur nimmt nahezu die gesamte Komposition ein. Sie erscheint als magerer Mann unbestimmten Alters, dessen Körper leicht nach vorne geneigt ist und dessen Haltung den Eindruck vermittelt, als bewege er sich ziellos durch die Landschaft. Seine Kleidung besteht aus einem zerrissenen und vielfach geflickten Gewand, das an mehreren Stellen aufgerissen ist und teilweise den Körper freigibt. Das ungeordnete Haar und der entrückte Gesichtsausdruck unterstreichen den Eindruck eines Menschen, der außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung steht. In einer Hand trägt er einen langen Wanderstab, an dessen Ende ein Bündel oder Beutel befestigt ist, das seinen gesamten weltlichen Besitz symbolisiert. Die andere Hand ist geöffnet oder leicht ausgestreckt, wodurch die Bewegung der Figur noch ungerichteter und spontaner erscheint.
Begleitfiguren fehlen vollständig. Weder andere Menschen noch Engel, Dämonen oder mythologische Wesen treten hinzu. Gerade diese vollständige Isolation gehört zu den auffälligsten Merkmalen der Bildkomposition und hebt den Narren als Grenzgänger zwischen Gesellschaft und Wildnis hervor. Umso bedeutender werden die beiden Tiere, die den eigentlichen symbolischen Gegenpol zur Hauptfigur bilden. Im oberen Bereich der Figur befindet sich ein schwarzer Rabe, der entweder auf der Schulter sitzt oder unmittelbar hinter ihr erscheint und die Bewegung des Narren begleitet. Am unteren Bildrand greift ein Hund das Bein oder das zerrissene Gewand des Wanderers an. Diese Kombination aus Rabe und Hund stellt eines der markantesten ikonographischen Merkmale der Karte dar und unterscheidet den Sola-Busca-Narren deutlich von nahezu allen späteren Tarotausprägungen. Weitere Gegenstände sind auf das Wesentliche reduziert. Neben dem Wanderstab mit dem daran befestigten Bündel sind lediglich das zerrissene Gewand, einfaches Schuhwerk beziehungsweise teilweise entblößte Füße sowie der steinige Boden mit niedriger Vegetation zu erkennen. Waffen, Herrschaftsinsignien, Bücher oder religiöse Attribute fehlen vollständig. Am oberen Kartenrand befindet sich die Inschrift „EL MATTO“, welche die Figur eindeutig bezeichnet. Weitere Schriftzüge oder erläuternde Texte sind innerhalb der Bildfläche nicht vorhanden. Der Hintergrund zeigt eine offene Landschaft ohne Gebäude oder architektonische Elemente. Weder Städte noch Tempel oder Burgen begrenzen den Raum. Die Figur bewegt sich über unebenen Boden zwischen Steinen und Pflanzen unter einem hellen Himmel, der frei von Sternen, Planeten oder anderen Himmelszeichen bleibt. Farblich dominieren erdige Braun-, Ocker- und Grüntöne, ergänzt durch Graublau im Hintergrund. Die zerrissene helle Kleidung hebt sich deutlich von der Landschaft ab, während der tiefschwarze Rabe den stärksten Hell-Dunkel-Kontrast der gesamten Komposition bildet und dadurch unweigerlich den Blick des Betrachters auf sich zieht.
Eine genauere Betrachtung der einzelnen Bildzonen verdeutlicht den sorgfältigen Aufbau der Komposition. Der obere Bildrand wird zunächst von der Kartenbezeichnung „EL MATTO“ beherrscht. Darunter öffnet sich der helle Himmel, der frei von weiteren Symbolen bleibt und dadurch den Raben umso stärker hervorhebt. Seine erhöhte Position über der Schulter des Narren verleiht ihm die Funktion eines ständigen Begleiters oder Beobachters, der den Wanderer gleichsam überschattet. Die linke Bildhälfte wird vor allem von der Landschaft und dem langen Wanderstab mit dem daran befestigten Bündel bestimmt. Die offene Umgebung betont den Charakter der Wanderschaft und verweist auf das Fehlen eines festen Zieles oder einer Heimat. Die rechte Bildhälfte wird vom Körper des Narren beherrscht, während sich im unteren Bereich der angreifende Hund befindet. Zwischen Mensch und Tier entsteht die stärkste Bewegung der gesamten Darstellung, da der Hund den Wanderer verfolgt und an seinem Gewand oder Bein zerrt. Das eigentliche Zentrum der Komposition bildet die Gestalt des Narren selbst. Seine leicht nach vorne geneigte Haltung vermittelt Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Auffällig ist, dass sein Blick nicht dem Hund gilt, sondern scheinbar in die Ferne oder nach innen gerichtet ist. Dadurch entsteht der Eindruck einer Figur, deren Aufmerksamkeit weniger der äußeren Welt als einem inneren Zustand gilt. Der untere Bildrand wird von steinigem Boden und niedriger Vegetation geprägt. Hier erscheint der Hund als einzige aktive Kraft innerhalb der materiellen Welt. Seine Position unmittelbar an den Füßen des Wanderers erinnert an mittelalterliche Darstellungen des heimatlosen Pilgers oder Bettlers, dessen Weg von Gefahren begleitet wird. Während der Hund den Bereich des Irdischen besetzt, übernimmt der Rabe den oberen Bildraum und schafft dadurch eine vertikale Achse zwischen materieller und geistiger Ebene.
Die kunsthistorische Forschung beschreibt die ikonographischen Grundelemente dieser Karte bemerkenswert einheitlich. Peter Mark Adams hebt insbesondere hervor, dass der Narr nicht als bloßer Possenreißer verstanden werden darf, sondern als Grenzfigur zwischen gesellschaftlicher Ordnung und initiatorischer Erfahrung. Für Adams besitzen insbesondere der schwarze Rabe sowie die extreme Armut der Figur zentrale Bedeutung. Auch die Kommentare des von Lo Scarabeo herausgegebenen Faksimiles nennen regelmäßig dieselben ikonographischen Konstanten: den Wanderstab mit Bündel, das zerrissene Gewand, den angreifenden Hund, den schwarzen Raben und die menschenleere Landschaft. Die Forschungen von Gertrude Moakley und Michael Dummett betonen ebenfalls, dass der Narr des Sola-Busca-Tarots wesentlich stärker moralisch und philosophisch aufgeladen ist als seine Entsprechungen im Tarot de Marseille. Besonders der Rabe wird immer wieder als ikonographischer Schlüssel hervorgehoben. Innerhalb der hermetischen und alchemischen Forschung wird er häufig mit der Nigredo, der ersten Phase der alchemischen Wandlung, verbunden und als Zeichen von Auflösung, Melancholie und dem Beginn eines tiefgreifenden Transformationsprozesses verstanden. Kunsthistorisch lässt sich seine Bedeutung zunächst allgemeiner als Symbol des Unglücks, der Einsamkeit und des Todes beschreiben, doch gerade diese Mehrdeutigkeit verleiht der Karte ihre außergewöhnliche Tiefe. Ebenso konstant wird der Hund interpretiert. Während er in späteren Tarots häufig lediglich als störendes oder angreifendes Tier erscheint, wird er im Sola Busca vielfach als Verkörperung der materiellen Welt, der Triebnatur oder jener Kräfte verstanden, welche den Wanderer an die Welt binden und seinen Weg erschweren.
Eine abschließende ikonographische Plausibilitätsprüfung zeigt, welche Elemente für die Aussage der Karte unverzichtbar sind. Das auffälligste fehlende Motiv wäre zweifellos der Rabe. Ohne ihn verlöre die Darstellung ihren wichtigsten symbolischen Akzent und damit einen wesentlichen Teil ihrer hermetischen und alchemischen Deutungsmöglichkeiten. Ebenso unverzichtbar ist der Hund, denn erst sein Angriff erzeugt die dramatische Spannung der Szene und macht aus dem Wanderer eine bedrohte Figur. Der Wanderstab mit dem daran befestigten Bündel bildet das klassische Zeichen des heimatlosen Reisenden; ohne dieses Attribut wäre die Identifikation der Figur als Wanderer oder Narr erheblich erschwert. Auch das zerrissene Gewand gehört zu den tragenden ikonographischen Elementen, weil es Armut, gesellschaftliche Randständigkeit und den Bruch mit der sozialen Ordnung sichtbar macht. Schließlich besitzt auch die offene, menschenleere Landschaft eine wesentliche Funktion. Wären Stadt, Tempel oder höfische Architektur dargestellt, verlöre die Figur ihre existentielle Isolation und damit einen zentralen Bestandteil ihrer Aussage. Gerade die Verbindung aus einsamem Wanderer, schwarzem Raben, angreifendem Hund, zerrissener Kleidung, Wanderstab mit Bündel und offener Landschaft bildet die unverwechselbare ikonographische Identität des Narren im Sola-Busca-Tarot und macht ihn zu einer der symbolisch dichtesten Darstellungen innerhalb des gesamten Kartenzyklus.
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MATO · 0
Apollo, Marsyas und die Schwelle der Erkenntnis
MATO, die Null des Sola-Busca-Tarots, eröffnet die Bildfolge nicht als bloße Gestalt des törichten Wanderers. Die Karte führt vielmehr an eine Schwelle: an den Übergang zwischen Natur und Form, Instinkt und Maß, ungeordnetem Klang und vollendeter Harmonie. In ihrer eigentümlichen Verbindung von Blasinstrument, schwarzem Vogel, Federschmuck, teilweise entblößtem Körper und aufragender Berglandschaft scheint eine antike Konstellation aufzuleuchten: Marsyas und Apollo.
Die Gestalt im Zentrum ist nicht einfach ein Musiker. Sie erscheint als ein Wesen an der Grenze des Menschlichen, noch tief in der Natur verwurzelt und doch bereits auf eine höhere Ordnung ausgerichtet. Das Instrument an seinem Mund macht den Atem hörbar; der Vogel an seiner Schulter bringt eine unsichtbare Gegenwart in die Szene; die Berge öffnen hinter ihm den Weg nach oben. Alles an MATO scheint auf einen noch nicht vollzogenen Übergang hinzuweisen.
Der schwarze Vogel
Der schwarze Vogel ist der eigentliche Schlüssel der Karte. Er sitzt unmittelbar neben dem Kopf der Gestalt und bildet mit ihr beinahe ein Gegenüber. Der Blick des Menschen scheint sich auf das Tier zu richten, während der Vogel seinerseits zum Menschen gewendet ist. Dadurch entsteht zwischen beiden ein stiller Dialog: Der Mensch schaut auf ein Zeichen, dessen Bedeutung er vielleicht noch nicht vollständig erkennt.
In der klassischen Mythologie gehört der Rabe beziehungsweise die Krähe zu Apollo. Die Erzählung von Koronis berichtet, dass der ursprünglich helle Vogel durch Apollos Fluch schwarz wurde. Seine dunkle Färbung ist daher nicht einfach ein Symbol des Niedrigen oder Bedrohlichen. Sie trägt die Spur apollinischer Macht in sich. Das vermeintlich dunkle Tier gehört dem Gott des Lichts.
Apollo muss auf der Karte nicht selbst erscheinen. Er ist durch sein Attribut gegenwärtig. Der Vogel vertritt ihn, so wie in der emblematischen Bildsprache eine Gottheit durch ihr Zeichen sichtbar werden kann. Neben der wilden, musizierenden Gestalt entsteht damit eine unsichtbare zweite Figur:
MATO – Marsyas – Apollo.
Der Gott bleibt körperlich abwesend und ist dennoch anwesend. Er erscheint nicht als Person, sondern als geistiges Prinzip: als Blick, Prüfung, Maß und Ordnung.
Marsyas und die Musik der Natur
Das Blasinstrument vertieft die Verbindung zu Marsyas. Dieser gehört zur Welt der Silenoi, des Waldes und der ursprünglichen Natur. Er wird mit dem Aulos und anderen Blasinstrumenten verbunden und fordert Apollo zu einem musikalischen Wettstreit heraus.
Damit stehen sich nicht bloß zwei Musiker gegenüber. Es begegnen sich zwei musikalische Welten:
- Marsyas verkörpert Atem, Körper, Natur und unmittelbaren Klang.
- Apollo verkörpert Maß, Proportion, Harmonie und geistige Ordnung.
Der Klang des Marsyas entsteht aus dem Atem und damit aus dem Körper selbst. Er ist spontan, leidenschaftlich und naturhaft. Die Musik Apollos hingegen verweist auf die Kithara beziehungsweise Lyra, auf die Beherrschung des Klanges und seine Einfügung in ein höheres Gesetz.
In MATO ist dieser Wettstreit noch nicht dargestellt. Aber er ist bereits vorbereitet. Die Gestalt spielt ihr Instrument, doch sie ist noch nicht in die apollinische Ordnung eingetreten. Der Ton ist schon da; die Prüfung steht noch bevor.
Die Herausforderung und die Häutung
Der Mythos des Marsyas besitzt für eine hermetisch-neuplatonische Deutung eine besondere Kraft. Marsyas wagt es, Apollo herauszufordern. Seine Niederlage endet nicht in einer bloßen musikalischen Unterlegenheit: Apollo lässt ihn häuten.
Die Häutung ist ein radikales Bild der Entkleidung. Die äußere Hülle wird entfernt; alles, worin sich das Wesen an seine sichtbare, körperliche Gestalt bindet, wird abgenommen. In einer initiatischen Lesart lässt sich darin eine Folge erkennen:
Herausforderung – Niederlage – Entkleidung – Reinigung – Verwandlung.
MATO befindet sich am Anfang dieser Bewegung. Die Gestalt ist noch nicht gehäutet, aber sie erscheint bereits teilweise entblößt. Eine Schulter liegt frei, die Beine sind nackt, und das Gewand hängt lose und unregelmäßig am Körper. Die Grenze zwischen bekleideter Zivilisation und ungeschützter Natur ist bereits gelockert.
MATO ist daher weder vollständig bekleidet noch vollständig entkleidet. Er befindet sich in einem Zwischenzustand: Die alte Gestalt ist noch vorhanden, aber sie verliert ihre Geschlossenheit. Die Karte zeigt den Augenblick vor der eigentlichen Verwandlung.
Federn zwischen Mensch und Tier
Auch der ungewöhnliche Kopfschmuck erhält im Licht des Marsyas-Mythos eine neue Bedeutung. Die Federn oder laubartigen Formen verleihen der Gestalt etwas Animalisches. Sie verweisen auf Wald, Wildheit und die unmittelbare Zugehörigkeit zur Natur.
Marsyas ist kein kultivierter olympischer Gott. Er gehört einer älteren, körperlicheren und ursprünglich wilden Sphäre an. Seine Musik kommt nicht aus einer abstrakten Theorie der Harmonie, sondern aus dem Atem, aus dem Leib und aus der lebendigen Bewegung der Natur.
Die Federn verbinden den Kopf der Gestalt zugleich mit dem schwarzen Vogel. Auf dem Kopf erscheinen Federn; neben dem Kopf sitzt der Vogel Apollos. So werden zwei Ebenen des Vogelmotivs einander angenähert:
- die Federn als Zeichen der naturhaften, animalischen Existenz;
- der Vogel als Zeichen der göttlichen und apollinischen Erkenntnis.
Die Gestalt steht damit zwischen zwei Formen der Natur. Sie trägt die eine an sich und begegnet der anderen außerhalb ihrer selbst. Das Niedere und das Höhere, das Wilde und das Geistige, befinden sich in unmittelbarer Nähe.
Apollo als unsichtbarer Lehrer
Apollo wird in der Karte durch drei Elemente gegenwärtig: den Vogel, die Musik und das Gegenüber. Der Vogel verweist auf die Gottheit, das Instrument auf den Wettstreit, und der Blick der Gestalt stellt zwischen beiden eine Beziehung her.
Der Mensch blickt nicht ins Leere. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf ein Zeichen. Darin liegt vielleicht die feinste Bewegung der Karte. Erkenntnis beginnt nicht mit dem Besitz der Wahrheit, sondern mit der richtigen Ausrichtung des Blicks.
Die Gestalt besitzt den Körper, die Bewegung und das Instrument. Der Vogel hingegen besitzt die Botschaft. Er ist klein, aber geistig übergeordnet. MATO schaut auf etwas, das außerhalb seiner selbst liegt und ihm doch bereits zugeordnet ist. In diesem Blick beginnt die Einweihung.
Der Schüler begegnet dem Lehrer zunächst nicht in dessen voller Gestalt, sondern in einem Zeichen. Apollo erscheint nicht als sichtbare Person, sondern als Hinweis auf eine Ordnung, die sich erst noch erschließen muss.
Die Musik als kosmische Ordnung
Hier öffnet sich die neuplatonische Dimension der Karte. In der platonischen und neuplatonischen Tradition ist Harmonie nicht bloß eine Eigenschaft schöner Musik. Sie besitzt ontologischen Rang. Die Welt ist Kosmos, weil sie eine geordnete und proportionierte Ganzheit bildet.
Musik macht diese verborgene Ordnung hörbar. Sie übersetzt Proportion in Klang. Was dem Auge als Maß und Verhältnis erscheint, wird dem Ohr als Harmonie erfahrbar.
MATO steht an der Grenze zweier musikalischer Prinzipien. Auf der einen Seite erklingt der Atem des Naturwesens: unmittelbar, körperlich, instinktiv. Auf der anderen Seite steht die apollinische Form, die den Klang ordnet, begrenzt und in ein höheres Verhältnis einfügt.
Die Karte fragt daher nicht, ob die Natur überwunden oder vernichtet werden müsse. Ihre tiefere Frage lautet: Wie kann der natürliche Klang in Harmonie verwandelt werden? Wie kann der Atem des Körpers zum Träger geistiger Ordnung werden?
Ohne Atem gibt es keinen Klang. Ohne Klang gibt es keine Musik. Aber ohne Maß bleibt der Klang ungeformt. Der Weg der Einweihung besteht deshalb nicht in der Auslöschung des Niederen, sondern in seiner Erhebung und Neuordnung.
Die Null als Mysterien-Schwelle
Die Zahl 0 gibt der Karte ihre besondere Stellung. MATO ist nicht einfach der Erste einer Reihe. Er steht vor dem Ersten. Die Eins bezeichnet bereits eine bestimmte Gestalt, eine Richtung und eine Aufgabe. Die Null hingegen ist der Raum der noch unentfalteten Möglichkeit.
Sie ist Kreis und Leere, Ursprung und Schwebezustand. In einer neuplatonischen Architektur kann sie den Zustand bezeichnen, in dem die Vielheit noch nicht vollständig in einzelne Formen auseinandergetreten ist. MATO befindet sich vor der abgeschlossenen Differenzierung.
Doch diese Leere ist nicht bedeutungslos. Das apollinische Prinzip ist bereits gegenwärtig. Der Schüler steht noch vor der Erkenntnis, aber der Lehrer ist schon durch sein Zeichen anwesend. Die Ordnung ist noch nicht verwirklicht, doch sie wirft bereits ihren Schatten – oder vielmehr ihr Licht – auf die Gestalt.
MATO ist daher die Null nicht als bloße Abwesenheit, sondern als Möglichkeit. Er ist der Zustand vor der Form, in dem alle Formen noch verborgen liegen.
Der Vogel als Schwellenwächter
Die Schulter, auf der der Vogel sitzt, besitzt eine symbolisch bemerkenswerte Lage. Sie verbindet Kopf und Körper, Geist und Handlung, Wahrnehmung und Bewegung. Genau an dieser Grenze befindet sich das apollinische Zeichen.
Der Vogel bringt die höhere Ordnung an die Seite der wilden Gestalt. Er steht nicht über ihr wie ein fernes göttliches Prinzip und auch nicht unter ihr wie ein bloßes Tier. Er begleitet sie. Seine Anwesenheit ist nah, aber nicht aufdringlich. Er fordert Aufmerksamkeit, nicht Unterwerfung.
Seine Schwärze besitzt dabei eine paradoxe Qualität. Sie gehört zu einer Geschichte, in der Apollo selbst die Farbe des Vogels bestimmt. Das Dunkle ist nicht das Gegenteil des Apollinischen, sondern eine von Apollo geprägte Gestalt.
Darin liegt eine hermetische Formel:
Das Licht besitzt die Macht, die Dunkelheit zu verwandeln.
Der Vogel ist deshalb kein dämonisches Gegensymbol zum Licht. Er ist das dunkle Zeichen des Lichts – ein Bote aus der Sphäre des Unsichtbaren, der die wilde Gestalt auf eine noch nicht verstandene Erkenntnis ausrichtet.
Die Berge und der Weg nach oben
Hinter MATO erhebt sich eine ungewöhnliche Berglandschaft. Die Berge bilden eine vertikale Struktur und lenken den Blick aus der Ebene nach oben. Sie sind nicht bloße Staffage, sondern verleihen der Karte eine Richtung.
In einer neuplatonischen Lesart können sie die Bewegung von der Materie zur Seele und von der Seele zum Geist versinnbildlichen. Der Berg ist das Bild eines Aufstiegs, aber MATO hat diesen Aufstieg noch nicht vollzogen. Er steht noch auf der Erde, noch im Bereich des Körpers und der unmittelbaren Natur.
Die Landschaft zeigt daher nicht die Vollendung, sondern die Möglichkeit. Der Weg ist sichtbar, doch die Bewegung hat erst begonnen. Die Berge bilden den Horizont einer Erkenntnis, die noch nicht erreicht ist.
So ergänzen sie die Symbolik der Null: MATO steht am Anfang einer Entwicklung, deren Richtung bereits erkennbar ist, deren Ziel aber noch offen bleibt.
Rot und Schwarz
Das rote Gewand und der schwarze Vogel bilden eine starke farbliche Polarität. Das Rot betont die Vitalität des Körpers, die Leidenschaft und die ungebändigte Lebenskraft des Naturwesens. Marsyas ist kein blutleerer Geist. Er ist körperlich, empfindsam, leidenschaftlich und von unmittelbarem Leben erfüllt.
Der schwarze Vogel hingegen trägt die apollinische Gegenwart in sich. Er ist das Zeichen des Maßes, der Prüfung und des geistigen Lichtes – allerdings in verdunkelter, rätselhafter Gestalt.
Die Karte löst diese Gegensätze nicht auf. Sie stellt sie nebeneinander:
- schwarzer Vogel und roter Körper;
- apollinisches Zeichen und marsyasische Natur;
- geistige Ordnung und körperliche Lebendigkeit;
- Dunkelheit als verborgenes Licht.
Gerade diese ungelöste Spannung macht MATO zu einer Schwellenkarte. Erkenntnis entsteht hier nicht durch die Beseitigung eines Pols, sondern durch die Begegnung beider Kräfte.
Marsyas und Apollo
Für eine hermetisch geschulte Betrachtung ist die entscheidende Frage nicht, ob Marsyas „gut“ und Apollo „böse“ sei – oder umgekehrt. Der Mythos besitzt seine tiefere Bedeutung im Verhältnis der beiden Gestalten.
Marsyas ist die Natur, Apollo die Form. Marsyas ist das ungeordnete musikalische Vermögen, Apollo die vollendete Harmonie. Marsyas ist an den Körper und den sinnlichen Klang gebunden, Apollo an Maß, Proportion und geistige Ordnung.
Marsyas muss durch die Prüfung hindurchgehen. Seine Niederlage ist deshalb nicht nur Strafe. Sie ist ein Grenzereignis. In der Häutung wird die alte Oberfläche entfernt, damit eine andere Seinsweise möglich wird.
MATO zeigt diesen Prozess noch vor seinem entscheidenden Umschlag. Die Gestalt ist noch Marsyas, aber sie steht bereits unter dem Blick Apollos. Sie spielt noch aus dem Atem der Natur, doch sie hat das Zeichen der höheren Ordnung wahrgenommen.
Die Einweihung beginnt
MATO ist in dieser Deutung nicht einfach der Narr. Er ist Marsyas an der Schwelle zu Apollo.
Das Instrument verweist auf den bevorstehenden musikalischen Wettstreit. Der Federschmuck bezeichnet die naturhafte und silenische Seite der Gestalt. Die teilweise Entblößung nimmt die spätere Häutung vorweg. Die Berge öffnen den Weg einer vertikalen Bewegung von der Erde zum Geist. Die Null bezeichnet den Zustand vor der vollzogenen geistigen Differenzierung.
Vor allem aber steht der schwarze Vogel für die unsichtbare Gegenwart Apollos. Er sagt nicht: Hier ist ein dunkles Tier. Er sagt: Apollo ist bereits hier.
Die Einweihung beginnt daher nicht erst mit der Erscheinung des Gottes und auch nicht erst mit der vollendeten Erkenntnis. Sie beginnt in dem Augenblick, in dem der Mensch das Zeichen wahrnimmt und seinen Blick auf es richtet.
MATO ist der Mensch vor der Prüfung, der Naturmensch vor der Form, der Musiker vor der Harmonie. In ihm klingt der ursprüngliche Atem der Welt. Neben ihm sitzt bereits der Bote des Gottes, der diesen Klang prüfen und verwandeln wird.
Die Null ist somit kein bloßer Anfang. Sie ist die geheimnisvolle Schwelle, an der alles noch möglich ist – und an der die höhere Ordnung bereits, wenn auch nur in Gestalt eines schwarzen Vogels, ihren ersten Anspruch erhebt.
