Georgios Gemistos Plethon (ca. 1355–1452), der sich selbst nach dem Philosophen Platon in „Plethon“ umbenannte, gehört zu den bedeutendsten geistigen Wegbereitern der italienischen Renaissance und nimmt in zahlreichen modernen Deutungen des Sola-Busca-Tarots eine Schlüsselstellung ein. Obwohl es keinen historischen Beleg dafür gibt, dass Plethon unmittelbar an der Entstehung des Sola-Busca-Tarots beteiligt war oder dessen Schöpfer beeinflusste, sehen verschiedene Autoren – insbesondere Peter Mark Adams – in seinem Denken einen wesentlichen philosophischen Hintergrund für das geistige Milieu, aus dem das Deck hervorging. Das Sola-Busca-Tarot erscheint aus dieser Perspektive nicht lediglich als Spiel oder als Sammlung moralischer Allegorien, sondern als visuelles Kompendium neuplatonischer, hermetischer, pythagoreischer und orphischer Ideen, deren Wiederbelebung Plethon maßgeblich gefördert hatte.
Plethon lebte im spätbyzantinischen Reich und wurde insbesondere durch seine Teilnahme am Konzil von Ferrara-Florenz (1438–1439) bekannt. Während dieses Konzils brachte er zahlreiche griechische Handschriften sowie sein tiefes Wissen über Platon, die Neuplatoniker und die spätantiken Mysterien nach Italien. Seine Vorträge über die Überlegenheit Platons gegenüber Aristoteles beeindruckten führende Humanisten nachhaltig. Zu seinen Zuhörern gehörten unter anderem Cosimo de’ Medici, dessen Interesse an der platonischen Philosophie schließlich zur Gründung der Florentiner Platonischen Akademie beitrug, sowie Marsilio Ficino, der später Platons Gesamtwerk und den hermetischen Corpus ins Lateinische übersetzte. Damit wurde Plethon zu einem entscheidenden Vermittler jener philosophischen Strömungen, welche die geistige Landschaft Oberitaliens in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nachhaltig prägten.
Für das Sola-Busca-Tarot ist insbesondere Plethons Versuch bedeutsam, eine umfassende kosmologische Weltanschauung zu entwerfen, in der die sichtbare Welt als Ausdruck einer geordneten metaphysischen Hierarchie verstanden wird. Sein Werk Nomoi („Gesetze“), das nur fragmentarisch erhalten ist, beschreibt eine hierarchisch strukturierte Wirklichkeit, in der die Götter, planetarischen Mächte und kosmischen Intelligenzen gemeinsam die Ordnung des Universums hervorbringen. Diese Vorstellung ähnelt der symbolischen Architektur des Sola-Busca-Tarots, dessen Karten vielfach als Darstellung einer spirituellen Hierarchie gelesen werden können, in der Planetengötter, historische Herrscher, alchemische Prozesse und moralische Prüfungen miteinander verbunden sind.
Plethons Philosophie stellt den Menschen als Mittler zwischen der materiellen und der göttlichen Welt dar. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, durch Selbsterkenntnis, philosophische Kontemplation und tugendhaftes Handeln an der göttlichen Ordnung teilzuhaben. Diese Idee entspricht der in modernen hermetischen Interpretationen des Sola-Busca-Tarots vertretenen Auffassung, dass die Karten einen Initiationsweg darstellen, auf dem der Suchende schrittweise die niederen Leidenschaften überwindet und sich den höheren Ebenen des Bewusstseins nähert. Die zahlreichen Krieger, Könige und Helden des Decks erscheinen dann weniger als historische Persönlichkeiten denn als personifizierte Entwicklungsstufen der Seele.
Von besonderer Bedeutung ist Plethons Rückgriff auf den Neuplatonismus und die orphisch-pythagoreische Tradition. Er verstand die antike Religion nicht als bloßen Mythos, sondern als Träger zeitloser metaphysischer Wahrheiten. Nach seiner Auffassung offenbarten Mythen, Rituale und Symbole eine tiefere kosmische Wirklichkeit, die nur durch philosophische Einweihung erkannt werden könne. Genau diese Verbindung von Bildsymbolik und verborgener Weisheit sehen zahlreiche moderne Autoren im Sola-Busca-Tarot verwirklicht. Die ungewöhnlichen Figuren, rätselhaften Attribute, Waffen, Pflanzen, Tiere und astrologischen Hinweise des Decks bilden demnach keine zufälligen Dekorationen, sondern ein bewusst verschlüsseltes philosophisches Programm.
Plethons Lehre vom Kosmos weist zudem zahlreiche Berührungspunkte mit der Hermetik auf. Obwohl er kein Hermetiker im engeren Sinn war, verband er platonische Metaphysik mit astrologischen, theologischen und kosmologischen Vorstellungen, die später in der Renaissance-Hermetik weiterentwickelt wurden. Im Sola-Busca-Tarot wird diese Synthese häufig in der Verbindung von Planetensymbolik, alchemischen Motiven und moralischer Transformation erkannt. Das Deck präsentiert den Menschen als Mikrokosmos, dessen innere Entwicklung den Gesetzen des Makrokosmos entspricht – ein Grundgedanke sowohl des Neuplatonismus als auch der hermetischen Philosophie.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist Plethons politische Philosophie. Er entwarf die Vision einer geistig erneuerten Elite, die ihre Herrschaft nicht allein aus Geburt oder militärischer Macht ableitet, sondern aus philosophischer Erkenntnis und moralischer Tugend. Diese Idee erinnert an die häufig vertretene These, dass das Sola-Busca-Tarot für einen kleinen Kreis hochgebildeter Humanisten und Adelsfamilien geschaffen wurde, insbesondere für das Umfeld der Este. Das Deck wäre demnach kein Volksprodukt, sondern ein intellektuelles Lehrwerk, dessen Symbolik nur Eingeweihten vollständig zugänglich war.
Plethons Wiederbelebung der antiken Mysterienreligionen bildet ebenfalls einen wichtigen Interpretationsschlüssel. Er vertrat die Ansicht, dass die Weisheit des Zoroaster, des Orpheus, des Pythagoras und Platon auf eine gemeinsame Urtradition zurückgehe. Diese Vorstellung einer prisca theologia, einer uralten, allen Religionen gemeinsamen Weisheit, wurde später von Marsilio Ficino und Giovanni Pico della Mirandola weiterentwickelt. Viele Interpreten erkennen im Sola-Busca-Tarot genau einen solchen Versuch, unterschiedlichste Traditionen – antike Mythologie, Bibel, Hermetik, Astrologie, Alchemie und Geschichte – zu einer universalen Symbolsprache zu verschmelzen.
Schließlich besitzt Plethons Denken auch für die alchemische Deutung des Decks große Bedeutung. Obwohl er selbst keine alchemischen Traktate verfasste, verstand er die Vervollkommnung des Menschen als einen Prozess innerer Läuterung und Vergöttlichung. Dieser Gedanke entspricht der alchemischen Transformation von der prima materia zum philosophischen Gold und findet sich nach Ansicht moderner Forscher in zahlreichen Bildmotiven des Sola-Busca-Tarots wieder. Die Karten beschreiben demnach nicht nur äußere Ereignisse, sondern den inneren Wandel der Seele, die durch Prüfungen, Opfer und Erkenntnis schließlich ihre ursprüngliche göttliche Natur wiedererlangt.
Aus historischer Sicht bleibt festzuhalten, dass es keinen direkten Nachweis für einen Einfluss Plethons auf die Gestaltung des Sola-Busca-Tarots gibt. Sein Tod erfolgte mehrere Jahrzehnte vor der Entstehung des Decks, und keine zeitgenössische Quelle nennt ihn im Zusammenhang mit dessen Auftraggebern oder Künstlern. Dennoch gilt Plethon heute als einer der wichtigsten geistigen Wegbereiter jener neuplatonisch-hermetischen Renaissancekultur, aus der das Sola-Busca-Tarot hervorging. Seine Wiederentdeckung Platons, seine Synthese antiker Weisheitstraditionen, seine kosmologische Philosophie und seine Vision einer philosophischen Initiation liefern einen überzeugenden ideengeschichtlichen Rahmen, innerhalb dessen sich das Sola-Busca-Tarot als verschlüsseltes Werk der Renaissance-Hermetik, der platonischen Metaphysik und der spirituellen Selbsterkenntnis verstehen lässt.
