
*******
Die Karte VII „Deo Tauro“ des Sola Busca Tarot lässt sich noch präziser als ein Knotenpunkt verschiedener, historisch überlagerter Symbolsysteme verstehen, in dem sich antike Religionsvorstellungen, astrologische Zeitmodelle und neuplatonische Metaphysik zu einer eigentümlich dichten Bildformel verdichten. Entscheidend ist dabei, dass der Stier nicht lediglich als Motiv erscheint, sondern als Träger einer ontologischen Spannung: Er verkörpert eine Form von Energie, die zugleich schöpferisch und gefährlich, lebensspendend und bindend ist. Genau diese Ambivalenz macht ihn im Kontext von Mysterienreligionen und hermetischer Philosophie zu einem bevorzugten Symbol.
Im Mithraskult wird diese Spannung in der Tauroktonie dramatisch inszeniert. Der Stier ist dort nicht einfach ein Opfer unter anderen, sondern das zentrale Medium einer kosmischen Transformation. Die Szene ist deshalb so eigentümlich statisch und zugleich aufgeladen, weil sie keinen historischen Moment darstellt, sondern einen immerwährenden kosmischen Akt: die Freisetzung gebundener Lebenskraft. In diesem Sinn fungiert der Stier als eine Art „Verdichtungspunkt“ der Natur, als ein Gefäß, in dem sich die produktive Kraft des Kosmos sammelt. Mithras wiederum ist nicht bloß ein Gott unter anderen, sondern die Instanz, die diese gebundene Kraft in eine neue Ordnung überführt. Die Tötung ist daher weniger Zerstörung als vielmehr Entfaltung.
Überträgt man diese Struktur auf „Deo Tauro“, so wird verständlich, warum die Karte nicht den Akt der Tötung zeigen muss, um dennoch in denselben Symbolraum zu gehören. Die Widmung „dem Stiergott“ verschiebt den Akzent: Der Stier erscheint hier nicht nur als zu überwindende Naturkraft, sondern bereits als sakralisierte, göttlich aufgeladene Macht. Damit wird eine Perspektive eröffnet, in der das Verhältnis von Gott und Stier nicht ausschließlich antagonistisch ist, sondern dialektisch. Der Stier ist zugleich das, was überwunden werden muss, und das, was diese Überwindung überhaupt erst ermöglicht, weil er die notwendige Energie bereitstellt.
Gerade hier berührt die Karte eine zentrale Idee des Renaissance-Neuplatonismus: dass die Materie nicht einfach das Niedere ist, sondern ein unverzichtbares Durchgangsstadium im Prozess der Rückkehr zum Göttlichen. Ficino und andere Denker hätten den Stier daher nicht als bloßes Symbol der Triebhaftigkeit gelesen, sondern als Ausdruck einer anima mundi, die sich in der sichtbaren Natur manifestiert. „Deo Tauro“ könnte in diesem Sinn als eine Art kultische Anerkennung dieser kosmischen Lebenskraft verstanden werden – nicht im Sinne ihrer Verehrung als Endpunkt, sondern als notwendige Stufe innerhalb einer hierarchisch geordneten Wirklichkeit.
Die astrologische Dimension vertieft diese Lesart erheblich. Wenn der Stier mit einem vergangenen Weltzeitalter verbunden ist – etwa mit einer Phase, in der der Frühlingspunkt im Zeichen Taurus lag –, dann wird seine „Überwindung“ zu einem Bild für kosmischen Wandel. Die Tauroktonie lässt sich dann als mythologische Codierung der Präzession lesen: Ein Zeitalter wird „geopfert“, damit ein neues entstehen kann. In dieser Perspektive wird „Deo Tauro“ zu einer Art Erinnerungsbild an eine vergangene kosmische Ordnung, die zugleich noch wirksam ist, weil ihre Energie weiterhin im Weltgefüge präsent bleibt.
Auffällig ist dabei, dass der Stier im Mithraskult nicht isoliert erscheint, sondern in ein Netzwerk von Tieren und Himmelszeichen eingebunden ist. Skorpion, Schlange, Hund und die Präsenz von Sol und Luna verweisen auf ein umfassendes astrologisches Schema. Der Stier steht also nicht nur für sich selbst, sondern für eine Position innerhalb eines zyklischen Systems von Kräften. Überträgt man diese Struktur auf das Tarot, dann erscheint „Deo Tauro“ nicht als isolierte Karte, sondern als Teil einer Abfolge, in der unterschiedliche kosmische Prinzipien nacheinander aktiviert werden. Die Zahl VII markiert dabei einen Übergangspunkt: eine Phase, in der Bewegung, Lenkung und bewusste Steuerung ins Zentrum treten.
Hier ergibt sich eine besonders interessante Verbindung zur Wagen-Symbolik. Während der klassische „Carro“ die Beherrschung gegensätzlicher Kräfte zeigt, deutet „Deo Tauro“ auf die Quelle dieser Kräfte selbst. Der Wagenlenker steht gewissermaßen bereits einen Schritt weiter: Er hat die rohe Energie integriert und kann sie lenken. „Deo Tauro“ hingegen konfrontiert den Betrachter noch mit der ursprünglichen Potenz dieser Energie. In dieser Lesart bildet die Karte eine Art Vorstufe zur eigentlichen Herrschaft: Sie zeigt nicht den Sieg, sondern die Begegnung mit dem, was überhaupt erst bezwungen werden kann.
Diese Begegnung besitzt eine initiatische Qualität. In den Mysterienreligionen war das Erleben der göttlichen Kraft oft mit einer Erfahrung der Überwältigung verbunden. Der Stier steht genau für diese Erfahrung: für die Konfrontation mit einer Macht, die größer ist als das individuelle Selbst. Die „Tötung“ oder Überwindung des Stieres kann daher als symbolischer Tod des alten Selbst verstanden werden. Erst durch diese Erfahrung wird ein neuer, höherer Zustand möglich. „Deo Tauro“ hält diesen Moment gewissermaßen in der Schwebe: zwischen Anerkennung der Macht und der Notwendigkeit ihrer Transformation.
In der hermetischen Perspektive schließlich lässt sich die Karte als Ausdruck eines grundlegenden Prinzips lesen: Solve et coagula – löse und verbinde. Der Stier repräsentiert das „Coagulierte“, die verdichtete, gebundene Energie der Natur. Der göttliche Aspekt – implizit in der Widmung „Deo“ enthalten – steht für das lösende, ordnende Prinzip, das diese Verdichtung aufbricht und in eine höhere Form überführt. Dass beide in der Bezeichnung untrennbar miteinander verbunden sind, ist entscheidend: Es gibt keine Transformation ohne das Material, das transformiert wird.
Damit erscheint „Deo Tauro“ letztlich als eine Art visuelle Gleichung: Naturkraft und göttliche Ordnung sind keine Gegensätze, sondern zwei Pole eines einzigen Prozesses. Der Stier ist nicht nur das, was geopfert wird, sondern auch das, was im Opfer veredelt wird. In dieser Spannung liegt die eigentliche Tiefe der Karte. Sie zeigt nicht einfach ein mythologisches Motiv, sondern eine Denkfigur, die den gesamten spätantiken und Renaissance-Kosmos durchzieht: dass das Göttliche nicht außerhalb der Welt steht, sondern sich gerade in der Transformation der Welt manifestiert.
