Review – https://talk.vonabisw.de/Divination/Adams1.pdf
Peter Mark Adams ist vor allem durch sein Buch The Game of Saturn: Decoding the Sola-Busca Tarocchi (2017) bekannt geworden, in dem er eine radikal neue Interpretation des berühmten venezianisch-italienischen Tarotdecks Sola Busca (um 1491) entwickelt. Sein Werk wurde nicht nur in esoterischen Kreisen, sondern auch in einzelnen akademischen Besprechungen wahrgenommen. Adams selbst weist darauf hin, dass The Game of Saturn in zwei führenden akademischen Fachzeitschriften rezensiert worden sei.
Eine umfassende Einordnung von Adams’ Ansatz muss zwischen seinem innovativen ikonographischen Modell und der akademischen Diskussion über seine weitreichenden historischen Schlussfolgerungen unterscheiden.
Peter Mark Adams und die Neubewertung des Sola-Busca-Tarots
Das traditionelle akademische Narrativ über Tarotgeschichte – stark geprägt durch Forscher wie Michael Dummett – ging lange davon aus, dass Tarotkarten zunächst Spielkarten waren und dass eine eigentliche esoterische, kabbalistische oder magische Deutung erst im 18. Jahrhundert in Frankreich entstand. Adams stellt diese Chronologie grundsätzlich infrage.
Seine Hauptthese lautet:
Das Sola-Busca-Tarot sei kein gewöhnliches Spielkartenprodukt gewesen, sondern ein verschlüsseltes Initiations- und Ritualsystem der italienischen Renaissance, das philosophische, astrologische, magische und politische Botschaften einer aristokratischen Elite transportierte.
Für Adams bildet Saturn den zentralen Schlüssel:
- Saturn/Kronos steht für die archaische Macht vor der olympischen Ordnung.
- Saturnische Symbolik verbindet sich mit Melancholie, Zeit, Tod, Umkehrung der Hierarchie und verborgenem Wissen.
- Die Karten erscheinen als visuelles System einer saturnischen Theurgie, also einer rituellen Praxis, bei der Bilder, Namen und mythologische Figuren als operative magische Zeichen verstanden werden.
Die akademischen Rezensionen von Adams’ Werk
Die Aussage „reviewed by two leading academics“ bezieht sich vor allem auf die Rezeption von The Game of Saturn. Adams nennt insbesondere zwei akademische Rezensionen als bedeutend.
1. Rezension: Dr. Renato Duarte Fonseca
Eine besonders wichtige Stimme ist:
Renato Duarte Fonseca
Er wird als Professor für Philosophie genannt und bewertet Adams’ Arbeit trotz Vorbehalten als wissenschaftlich ernstzunehmenden Beitrag. Seine Kernaussage:
Adams’ Werk sei „remarkably well-written, researched and argued“ und erhöhe das Niveau der Tarotforschung.
Die Bedeutung dieser Bewertung liegt darin, dass Fonseca nicht einfach Adams’ gesamte Interpretation übernimmt, sondern gerade den methodischen Wert hervorhebt:
- die genaue ikonographische Analyse,
- die Verbindung von Renaissancekunst, Philosophie und Ritualgeschichte,
- die ernsthafte Behandlung des Sola-Busca-Decks als kulturelles Artefakt.
Er sieht also den Wert nicht unbedingt darin, dass jede einzelne historische Rekonstruktion bewiesen wäre, sondern darin, dass Adams neue Forschungsfragen eröffnet.
2. Zweite akademische Rezeption
Die zweite akademische Besprechung wird von Adams ebenfalls als eine der führenden Rezensionen seines Buches bezeichnet.
Dabei ist wichtig: Adams’ Arbeit wurde nicht von der gesamten Tarot- oder Renaissanceforschung übernommen. Die Rezeption ist eher kontrovers:
Befürworter sehen in ihm einen Forscher, der ein lange vernachlässigtes Material ernst nimmt:
- die ungewöhnliche Auswahl der Figuren,
- die Verbindung mit antiken Herrschern,
- astrologische Strukturen,
- mythologische Verschlüsselungen,
- politische Anspielungen der Renaissance.
Kritiker wenden ein:
- manche Identifikationen seien spekulativ,
- die Verbindung zu einer konkreten „venezianischen Eliteverschwörung“ sei schwer direkt nachweisbar,
- aus symbolischen Parallelen könne nicht automatisch eine historische Absicht rekonstruiert werden.
Diese Spannung macht Adams’ Werk aber gerade interessant: Es liegt zwischen Kunstgeschichte, Esoterikgeschichte, Ikonologie und spekulativer Kulturgeschichte.
Adams’ wichtigste Entdeckungsfelder im Sola-Busca
1. Alexander der Große
Eine der berühmtesten Karten des Decks ist:
König der Schwerter – Alessandro Magno
Für Adams ist Alexander nicht nur eine historische Figur, sondern ein Symbol:
- des kosmischen Herrschers,
- des Eroberers,
- des Grenzüberschreiters,
- desjenigen, der zwischen menschlicher und göttlicher Sphäre vermittelt.
Alexander verbindet sich mit hellenistischer Kosmologie und mit der Renaissance-Idee, dass antike Weisheit wiederbelebt werden könne.
2. Mithras, Saturn und die antike Mysterientradition
Adams interpretiert das Sola-Busca im Umfeld einer Renaissance-Rezeption antiker Mysterien:
- Mithras,
- Saturn/Kronos,
- Orphik,
- Neuplatonismus,
- astrologische Magie.
Das Deck wird dadurch zu einem visuellen Gedächtnisspeicher einer verlorenen oder verborgenen Tradition.
3. Politische Dimension
Ein zentraler Punkt Adams’ ist, dass das Deck nicht nur spirituell, sondern auch politisch gelesen werden müsse.
Er verbindet bestimmte Karten mit:
- venezianischen Machtstrukturen,
- aristokratischen Familien,
- Renaissancepolitik,
- verborgenem Elitenwissen.
Ein Beispiel ist die Diskussion um die Initialen M.S., die mit Marin Sanudo in Verbindung gebracht wurden, sowie Fragen nach venezianischen Bezügen.
Bedeutung für die Tarotforschung
Der eigentliche Einfluss Adams’ liegt weniger darin, dass alle seine Hypothesen akzeptiert wären, sondern darin, dass er eine neue Forschungsrichtung angestoßen hat:
Das Sola-Busca wird nicht mehr nur als Vorläufer moderner Tarotkarten betrachtet, sondern als ein komplexes Renaissance-Kunstwerk, das untersucht werden kann mit Methoden aus:
- Ikonologie,
- Religionsgeschichte,
- Renaissanceforschung,
- Hermetikforschung,
- Ritualtheorie,
- Astrologiegeschichte.
Sein späteres Buch Two Esoteric Tarots (2023) mit Christophe Poncet vertieft diese Perspektive. Dort wird der Sola-Busca-Ansatz Adams’ dem Tarot de Marseille gegenübergestellt. Die Autoren argumentieren, dass beide Decks bereits in der Renaissance esoterische Dimensionen besitzen könnten und damit die Entstehungsgeschichte des esoterischen Tarot neu bewertet werden müsse.
Zusammenfassend:
Peter Mark Adams ist heute einer der einflussreichsten unabhängigen Forscher zum Sola-Busca-Tarot, weil er das Deck von einem Randphänomen der Spielkartenkunde zu einem zentralen Dokument der Renaissance-Esoterik gemacht hat. Seine Thesen sind teilweise umstritten, aber seine ikonographische Analyse und sein Versuch, Tarot, Saturnsymbolik, Renaissancepolitik und antike Mysterientraditionen zusammenzudenken, haben die Diskussion deutlich erweitert.
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