Die Übernahme der Originalmotive des Sola Busca Tarot in das Waite/Smith Tarot und in andere Decks ab 1909

Die Veröffentlichung des Waite/Smith-Tarots im Jahr 1909 markiert den entscheidenden Wendepunkt in der Wirkungsgeschichte des Sola-Busca-Tarots. Während das Sola Busca über vier Jahrhunderte nahezu unbekannt blieb und sich nur in wenigen Privatsammlungen befand, wurden seine Bildideen durch Arthur Edward Waite und insbesondere Pamela Colman Smith in einer völlig neuen Form wiederbelebt und weltweit verbreitet. Das Sola-Busca-Tarot wurde damit zur wichtigsten historischen Vorlage für die Entwicklung des modernen illustrierten Tarots, obwohl sein Einfluss lange Zeit kaum erkannt wurde.

Das Sola-Busca-Tarot war das erste vollständig erhaltene Tarotdeck, dessen vier Farben nicht nur aus einfachen Zahlenkarten bestanden, sondern auf jeder einzelnen Pip-Karte komplexe figürliche Szenen zeigten. Diese Innovation war im ausgehenden 15. Jahrhundert einzigartig. Während nahezu alle anderen Tarots der Renaissance ihre Zahlenkarten lediglich als ornamentale Anordnung von Schwertern, Kelchen, Münzen oder Stäben darstellten, erzählte das Sola Busca bereits kleine Bildgeschichten voller Handlung, Symbolik und psychologischer Spannung. Genau dieses Prinzip wurde über 400 Jahre später zum Kern des Waite/Smith-Tarots. Pamela Colman Smith übernahm nicht einfach einzelne Motive, sondern das grundlegende Konzept einer vollständig illustrierten Kleinen Arkana. Dadurch wurde das Lesen der Karten intuitiver und erzählerischer und machte das Tarot erstmals auch ohne umfangreiche Kenntnisse der hermetischen Korrespondenzen unmittelbar verständlich. Das Rider-Waite-Smith-Tarot war nach heutigem Forschungsstand das zweite bedeutende Tarotdeck der Geschichte, das sämtliche Zahlenkarten mit eigenständigen Szenen ausstattete.

Dabei beschränkte sich die Übernahme keineswegs auf die Grundidee. Zahlreiche Bildkompositionen wurden direkt oder in stark überarbeiteter Form aus dem Sola Busca übernommen. Besonders offensichtlich ist dies bei der Drei der Schwerter. Im Sola Busca zeigt die Karte ein von drei Schwertern durchbohrtes Herz – eine Bildidee, die Pamela Colman Smith nahezu unverändert übernahm. Lediglich die dramatische Gewitterlandschaft im Hintergrund ist ihre eigene Ergänzung. Diese Karte gehört heute zu den bekanntesten Tarotbildern überhaupt und ist zugleich das deutlichste Beispiel für den direkten Einfluss des Sola Busca.

Auch andere Karten zeigen deutliche motivische Parallelen. Die Zehn der Schwerter des Waite/Smith erinnert in ihrer dramatischen Wirkung stark an die Zehn der Stäbe des Sola Busca, deren erschöpfte und überwältigte Figur das Motiv existenzieller Niederlage bereits vorwegnimmt. Ebenso lassen sich zwischen der Königin der Kelche beider Decks enge ikonographische Beziehungen erkennen. Haltung, Komposition und die kontemplative Atmosphäre weisen auf eine bewusste Orientierung Pamela Colman Smiths am italienischen Vorbild hin. Mehrere Kunsthistoriker sehen darüber hinaus Einflüsse des Sola Busca auf Karten wie Sieben der Schwerter, Neun der Stäbe, Fünf der Münzen und verschiedene Hofkarten, wobei diese Bezüge weniger wörtlich als vielmehr kompositorisch und symbolisch verstanden werden.

Entscheidend ist dabei, dass Smith die Motive nicht kopierte, sondern transformierte. Die Figuren des Sola Busca gehören einer hermetischen, alchemischen und humanistischen Bildwelt der italienischen Renaissance an. Ihre Kleidung, Waffen und Gesten verweisen auf antike Helden, historische Feldherren und komplexe philosophische Konzepte. Im Waite/Smith-Tarot werden diese gelehrten Renaissancefiguren durch allgemein verständliche Menschen ersetzt. Aus alchemischen Allegorien werden psychologische Szenen, aus humanistischen Anspielungen werden universelle menschliche Erfahrungen wie Hoffnung, Verlust, Liebe, Konflikt oder Erschöpfung. Dadurch wandelte sich das Sola-Busca-Erbe von einem aristokratischen Gelehrtenprogramm zu einer allgemein zugänglichen symbolischen Sprache.

Die eigentliche Revolution bestand deshalb weniger in einzelnen übernommenen Motiven als in der Übertragung eines gesamten Bildprinzips. Das Sola Busca bewies bereits um 1491, dass Zahlenkarten Geschichten erzählen können. Waite und Smith griffen genau diese Idee auf und entwickelten daraus das erste weltweit erfolgreiche moderne Tarot. Dieses neue Bildsystem wurde innerhalb weniger Jahrzehnte zum internationalen Standard.

Mit dem enormen Erfolg des Waite/Smith-Tarots begann eine zweite Phase der Wirkungsgeschichte des Sola Busca. Seit dem frühen 20. Jahrhundert orientierten sich Hunderte neuer Tarotdecks nicht mehr unmittelbar am historischen italienischen Original, sondern am Waite/Smith-Tarot, das seinerseits wesentliche Impulse aus dem Sola Busca übernommen hatte. Dadurch verbreitete sich die Bildsprache des Sola Busca indirekt in nahezu der gesamten modernen Tarotwelt. Zu den bekanntesten Nachfolgern gehören das Morgan-Greer Tarot, das Universal Waite Tarot, das Hanson-Roberts Tarot, das Robin Wood Tarot, das Golden Tarot, das Radiant Rider-Waite, das Universal Fantasy Tarot, das Llewellyn Tarot, das Gilded Tarot, das Shadowscapes Tarot, das Light Seer’s Tarot sowie zahllose weitere Decks, deren Kleine Arkana unmittelbar auf den Kompositionen Pamela Colman Smiths beruhen. Selbst viele digitale Tarot-Apps und Online-Tarotprogramme verwenden bis heute diese ikonographische Tradition.

Seit den 1980er Jahren begann sich das Interesse zunehmend wieder dem eigentlichen Ursprung zuzuwenden. Kunsthistoriker und Tarotforscher wie Stuart R. Kaplan, Robert M. Place, Marco F. Berti, Peter Mark Adams sowie Morena Poltronieri konnten anhand ikonographischer Vergleiche immer deutlicher nachweisen, dass zahlreiche charakteristische Elemente des Waite/Smith-Tarots ihre eigentliche Quelle im Sola Busca besitzen. Damit wandelte sich die historische Bewertung grundlegend. Das Sola Busca wird heute nicht mehr lediglich als kurioses Renaissance-Tarot angesehen, sondern als entscheidendes Bindeglied zwischen den höfischen Tarocchi des 15. Jahrhunderts und der weltweiten Tarotkultur des 20. und 21. Jahrhunderts.

So ergibt sich eine bemerkenswerte kulturhistorische Entwicklung: Ein nahezu vergessenes Renaissance-Deck, das über Jahrhunderte nur wenigen Sammlern bekannt war, wurde durch seine indirekte Wiedergeburt im Waite/Smith-Tarot zum eigentlichen Ursprung der Bildsprache fast aller modernen Tarotkarten. Millionen von Menschen arbeiten heute mit Symbolen, deren Wurzeln bis in das Sola-Busca-Tarot des ausgehenden Quattrocento zurückreichen, ohne sich dieser historischen Kontinuität bewusst zu sein. Damit besitzt das Sola Busca eine Wirkungsgeschichte, die weit über seine ursprüngliche Entstehungszeit hinausreicht: Es ist nicht nur das älteste vollständig illustrierte Tarot der Welt, sondern zugleich die wichtigste ikonographische Quelle des modernen Tarot seit 1909.

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Die Frage, wie Pamela Colman Smith (1878–1951) die Bildmotive des Sola-Busca-Tarots kennenlernte, gehört zu den wichtigsten und zugleich umstrittensten Themen der Tarotforschung. Heute gilt als nahezu gesichert, dass zahlreiche Motive der Kleinen Arkana des Rider-Waite-Smith-Tarots (1909) direkt vom Sola-Busca-Tarot übernommen oder stark davon inspiriert wurden. Weniger eindeutig ist jedoch die Frage, auf welchem Weg Smith Zugang zu diesem seltenen Renaissance-Deck erhielt.

Das Sola-Busca-Tarot entstand um 1490/91 in Norditalien und blieb über Jahrhunderte praktisch unbekannt. Es befand sich seit dem frühen 19. Jahrhundert in der Sammlung der Familie Busca in Mailand und war für die Öffentlichkeit kaum zugänglich. Zwar erschien bereits 1903 eine hochwertige fotografische Faksimile-Ausgabe mit 78 Tafeln durch den italienischen Kunsthistoriker Graf Francesco Malaguzzi Valeri, doch war diese Publikation in einer sehr kleinen Auflage erschienen und vor allem an Bibliotheken, Museen und bedeutende Privatsammler verteilt worden. Genau diese Veröffentlichung wird heute als der wahrscheinlichste Übertragungsweg angesehen.

Arthur Edward Waite war hervorragend in den Londoner Kreisen der Esoterik, der Kunstgeschichte und des Antiquariats vernetzt. Er gehörte verschiedenen Geheimgesellschaften an, insbesondere dem Hermetic Order of the Golden Dawn, und verfügte über Kontakte zu Bibliotheken, Sammlern und Verlegern. Pamela Colman Smith bewegte sich in denselben Kreisen und arbeitete für Waite als Illustratorin des neuen Tarots. Es gilt deshalb als wahrscheinlich, dass entweder Waite selbst oder einer seiner Kontakte ein Exemplar des Faksimiles besaß oder zumindest Einsicht darin nehmen konnte.

Mehrere Indizien sprechen dafür, dass Smith tatsächlich mit dem Faksimile gearbeitet hat. Die Übereinstimmungen betreffen nicht nur allgemeine Kompositionen, sondern zahlreiche sehr spezifische Details, die kaum zufällig entstanden sein können. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Kleinen Arkana. Die Zehn der Stäbe mit der Figur, die ein Bündel von Stäben trägt, geht unmittelbar auf das Sola-Busca-Blatt zurück. Auch die Drei der Schwerter mit dem zentralen Herzmotiv, die Neun der Münzen mit der einzelnen eleganten Frau im Garten sowie mehrere weitere Karten weisen eine auffallend enge ikonographische Verwandtschaft auf. Diese Gemeinsamkeiten betreffen Haltung, Anordnung der Gegenstände, räumliche Komposition und teilweise sogar einzelne Gesten.

Bemerkenswert ist dabei, dass Smith die Motive nicht einfach kopierte. Vielmehr verwandelte sie die oft rätselhaften, alchemischen und militärischen Renaissancebilder in erzählerische Szenen mit psychologischer Aussagekraft. Während das Sola-Busca-Tarot voller Anspielungen auf Humanismus, Hermetik, Alchemie und antike Geschichte ist, übersetzte Smith dieselben Grundkompositionen in allgemein verständliche Bilder menschlicher Erfahrungen. Dadurch entstand erstmals ein vollständig illustriertes Tarot der Kleinen Arkana, das unmittelbar intuitiv gelesen werden konnte.

Wo genau Smith das Sola-Busca-Faksimile gesehen hat, ist jedoch bis heute nicht dokumentiert. Es existieren weder Briefe noch Tagebucheinträge oder Verlagsunterlagen, die den Zugang eindeutig nachweisen. Deshalb haben sich mehrere Hypothesen entwickelt.

Die heute am häufigsten vertretene Annahme lautet, dass Waite ein Exemplar der Ausgabe von 1903 beschaffte und Smith dieses während der Entwurfsarbeit zur Verfügung stellte. Diese These passt sowohl zeitlich als auch inhaltlich am besten, da zwischen der Veröffentlichung des Faksimiles (1903) und der Entstehung des Rider-Waite-Smith-Tarots (1908/09) nur wenige Jahre liegen.

Eine zweite Möglichkeit ist, dass Smith das Werk in einer großen Londoner Bibliothek oder einer privaten Kunstsammlung einsehen konnte. London verfügte bereits damals über bedeutende Bestände italienischer Renaissancekunst, und Waite hatte Zugang zu entsprechenden Kreisen.

Eine dritte Hypothese nimmt an, dass andere Mitglieder des Golden Dawn oder kunsthistorisch interessierte Freunde das Faksimile besaßen. Innerhalb dieses Netzwerks wurden Bücher und seltene Drucke häufig verliehen und gemeinsam studiert.

Weniger wahrscheinlich ist dagegen die Vorstellung, Smith habe das originale Sola-Busca-Tarot selbst gesehen. Dafür existieren keinerlei Hinweise. Das Original befand sich damals weiterhin in italienischem Privatbesitz und war nur einem sehr kleinen Kreis von Forschern zugänglich.

Die moderne Forschung – unter anderem durch Autoren wie Peter Mark Adams, Christophe Poncet, Robert M. Place sowie Sofia Di Vincenzo – betrachtet den Einfluss des Sola-Busca-Tarots auf das Rider-Waite-Smith-Deck heute als gut belegt. Strittig ist nicht mehr das Ob, sondern lediglich das Wie des Zugangs. Der wahrscheinlichste Rekonstruktionsweg lautet daher:

Original Sola-Busca (1490/91) → Faksimile-Ausgabe von 1903 → Arthur Edward Waite bzw. sein Netzwerk → Pamela Colman Smith → Rider-Waite-Smith-Tarot (1909).

Damit wurde ein nahezu 400 Jahre altes Renaissance-Tarot zur wichtigsten ikonographischen Quelle des heute weltweit bekanntesten Tarotdecks. Smith übernahm dabei jedoch keine vollständigen Karten, sondern einzelne Bildideen und Kompositionen, die sie künstlerisch weiterentwickelte und in eine neue symbolische Sprache überführte. Dadurch blieb der Einfluss des Sola-Busca-Tarots lange unbemerkt und wurde erst im späten 20. Jahrhundert durch systematische Bildvergleiche eindeutig erkannt.