SAE Filmliste The Sola-Busca Tarot
https://www.youtube.com/playlist?list=PLUxw8z1U6whk
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–https://www.amazon.de/Sola-Busca-Tarot-Museum-Quality/dp/0738761168
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Werkausgabe Sola Busca – Bände I und II
Band I – https://buchshop.bod.de/das-sola-busca-tarot-band-i-volker-h-schendel-9783696729370
Band II – https://buchshop.bod.de/sola-busca-tarot-band-ii-volker-h-schendel-9783696729639
Kommentar – https://publicdomainreview.org/collection/sola-busca/
Zusammenfassung für beide Bände
Als PdF – https://talk.vonabisw.de/Busca/Zusammenfassung.pdf
Übersicht 1 – https://talk.vonabisw.de/Busca/Uebersicht.pdf
Übersicht 2 – https://talk.vonabisw.de/Busca/Uebersicht2.pdf
Rezensionen für beide Bände
1 – https://talk.vonabisw.de/Busca/Rezension1.pdf
2 – https://talk.vonabisw.de/Busca/Rezension2.pdf
3 – https://talk.vonabisw.de/Busca/Rezension3.pdf
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Die beiden Bände „Das Sola Busca Tarot – Die Großen Arcana“ und „Sola Busca Tarot – Die Kleinen Arcana“ erschließen gemeinsam alle 78 Karten dieses außergewöhnlichen Renaissance-Tarots. Dabei entsteht weit mehr als ein klassisches Nachschlagewerk zu einzelnen Karten. Die Ausgabe verbindet genaue Bildbetrachtung mit Geschichte, Mythologie, Hermetik, Neuplatonismus, Astrologie und philosophischen Fragen nach Freiheit, Verantwortung und persönlicher Entwicklung.
Band I widmet sich den 22 Großen Arcana und liest sie als zusammenhängenden Weg: vom offenen Anfang über Entscheidung, Macht, Wandel und Erkenntnis bis zur bewussten Einordnung des Menschen in ein größeres Ganzes. Band II überträgt diese Gedanken auf die 56 Kleinen Arcana. Stäbe, Schwerter, Kelche und Münzen stehen dabei für unterschiedliche Kräfte des Lebens – für Wollen und Handeln, Denken und Entscheiden, Gefühle und Beziehungen sowie Arbeit, Körper und materielle Wirklichkeit.
Besonders faszinierend ist die Aufmerksamkeit für die farbigen Kartenbilder. Figuren, Gesten, Werkzeuge, Gefäße und andere Details werden sorgfältig betrachtet und in größere Zusammenhänge eingeordnet. Dadurch wird das Sola Busca als lebendiger Bildkosmos erfahrbar, dessen Themen auch nach mehr als 500 Jahren erstaunlich gegenwärtig wirken.
Beide Bücher ergänzen sich hervorragend: Der erste Band vermittelt die große Entwicklungsgeschichte, der zweite zeigt ihre Bedeutung im täglichen Leben. Eine gehaltvolle und anregende Gesamtausgabe für alle, die sich für Tarot, Renaissancekunst, Symbolwelten oder philosophische Bilddeutung interessieren.
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Band I: Die Großen Arcana
Das Sola Busca Tarot – Band I – Die Großen Arcana – Volker H. Schendel – Hardcover – 352 Seiten – ISBN-13: 9783696729370 – Verlag: BoD – Books on Demand – Erscheinungsdatum: 26.08.2026 – Sprache: Deutsch – 19 x 27 cm
Preis: 135,00 €

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Inhalt von Band I
„Das Sola Busca Tarot – Band I: Die Großen Arcana“ eröffnet einen umfassenden Zugang zu einem der ältesten vollständig erhaltenen Tarotspiele Europas. Im Mittelpunkt stehen die zweiundzwanzig Großen Arcana, die im Buch vollständig und in Farbe abgebildet werden. Die farbigen Darstellungen machen die besondere Gestaltung der Karten mit ihren Figuren, Gewändern, Waffen, Symbolen und rätselhaften Gegenständen anschaulich und ermöglichen es, die jeweiligen Bildbeschreibungen unmittelbar nachzuvollziehen.
Das gegen Ende des 15. Jahrhunderts entstandene Sola-Busca-Tarot besitzt eine außergewöhnliche Bildsprache. Anstelle der aus späteren Tarotspielen bekannten Figuren begegnen dem Betrachter historische, mythologische und biblische Persönlichkeiten. Könige, Feldherren und Gestalten der antiken Überlieferung bilden einen vielschichtigen Bilderkosmos, in dem sich Geschichte, Mythologie, Philosophie und spirituelle Vorstellungen der italienischen Renaissance miteinander verbinden.
Einführende Kapitel stellen die Entstehungszeit sowie die Herkunfts- und Besitzgeschichte des Kartenspiels vor. Sie führen in das kulturelle Umfeld von Ferrara und Venedig ein und beleuchten mögliche Beziehungen zu humanistischen Kreisen und bedeutenden Familien der Renaissance. Weitere Themen sind neuplatonische und hermetische Vorstellungen, die damalige Astrologie, die Alexanderlegende und die Symbolwelt des Saturn. Auch die Idee, umfangreiches Wissen in kleinen, dicht komponierten Bildern zu bewahren, wird ausführlich behandelt.
Zusätzliche Abschnitte widmen sich den Hofkarten, Alexander dem Großen, Georgios Gemistos Plethon und Plutarch. Sie zeigen, wie antike Überlieferungen, Herrschaftsvorstellungen und unterschiedliche Bilder vom Aufbau des Kosmos in die Gestaltung des Sola Busca eingeflossen sein können. Außerdem wird dargestellt, wie einzelne Motive dieses historischen Kartenspiels später im Waite-Smith-Tarot und in anderen modernen Tarotdecks wiederaufgenommen wurden.
Den Hauptteil bildet die ausführliche Betrachtung sämtlicher Großen Arcana. Von Mato, dem Narren, bis zu Nabuchodenasor, der Welt, wird jede Karte einzeln vorgestellt und in ihrer farbigen Gestaltung gezeigt. Die begleitenden Texte beschreiben die dargestellten Personen, ihre Haltung und Kleidung sowie die vorhandenen Tiere, Pflanzen, Waffen, Gefäße und Herrschaftszeichen. Historische und mythologische Zusammenhänge werden ebenso einbezogen wie philosophische, astrologische und alchemistische Bedeutungen.
In ihrer Abfolge entfalten die Karten einen symbolischen Entwicklungsweg. Er beginnt mit Aufbruch und der Entdeckung der eigenen Möglichkeiten, führt durch Erfahrungen von Erkenntnis, Macht und Verantwortung und schließt auch Prüfungen, Bindungen, Verluste und tiefgreifende Veränderungen ein. Die späteren Karten greifen Themen wie Hoffnung, innere Klarheit, Erneuerung und ein bewusstes Verhältnis zur Welt auf.
Durch die Verbindung der ausführlichen Erläuterungen mit den vollständigen farbigen Kartendarstellungen entsteht ein anschauliches Gesamtbild der Großen Arcana des Sola Busca. Das Buch lädt dazu ein, die Kunst und Gedankenwelt der Renaissance kennenzulernen und die Karten als zusammenhängende Bilderfolge über menschliche Entwicklung, Selbsterkenntnis und innere Ordnung zu betrachten.
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Buchhandlungen
Thalia – https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1081460271
Osiander – https://www.osiander.de/shop/home/artikeldetails/A1081460271
Orell Füssli – https://www.orellfuessli.ch/shop/home/artikeldetails/A1081460271
Rezension
Das Sola Busca Tarot Band I – Die Großen Arcana – ist kein Buch, das seine Leserinnen und Leser mit einem freundlichen Händedruck am Eingang begrüßt und ihnen anschließend zwanzig leicht verständliche Kartenbedeutungen serviert. Es öffnet eher eine schwere Tür in einer venezianischen Seitengasse des späten 15. Jahrhunderts. Dahinter klirren Waffen, Sterne leuchten über merkwürdigen Gefäßen, antike Herrscher stehen in Rüstung herum, und irgendwo scheint Saturn mit ernster Miene die Zeit zu zählen.
Wer das Sola Busca Tarot zum ersten Mal sieht, könnte zunächst vermuten, jemand habe die vertraute Tarotwelt in eine Werkstatt für historische Sonderanfertigungen geschickt. Statt Magier, Kaiserin oder Eremit begegnen einem Matus, Panfilio, Catone, Nerone und Nabuchodenasor. Ihre Namen wirken wie Auszüge aus einer antiken Chronik, einem Humanistenbrief und einem besonders eigensinnigen Theaterstück zugleich. Dazu kommen Lanzen, Schilde, Feuerstellen, Werkzeuge, ungewöhnliche Gefäße und Gesten, die offenkundig etwas meinen, aber zunächst nicht verraten wollen, was genau.
Gerade diese eigentümliche Fremdheit nimmt der Band ernst. Er versucht nicht, aus dem Sola Busca ein modernes Tarot mit historischen Kostümen zu machen. Die Karten werden nicht vorschnell in ein vertrautes Schema gezwungen, sondern dürfen zunächst fremd bleiben: kantig, gelehrt, dramatisch und gelegentlich so rätselhaft wie ein Fundstück aus einer Truhe, deren Schlüssel verloren gegangen ist.
Ein Tarot aus einer anderen Welt
Das Sola Busca gehört zu den faszinierendsten erhaltenen Kartenspielen der Renaissance. Seine Bilderwelt steht weit entfernt von späteren Tarottraditionen, die heute vielen Menschen geläufig sind. Die Großen Arcana zeigen keine leicht wiedererkennbaren Archetypen mit festgelegtem Personal. Stattdessen treten historische, legendäre und literarisch überlieferte Gestalten auf, deren Bedeutung sich aus einem breiten kulturellen Hintergrund erschließt.
Der Band führt in diesen Hintergrund hinein. Norditalien gegen Ende des 15. Jahrhunderts bildet den geistigen und politischen Horizont: Venedig, Ferrara und Padua, Handelsstädte und Höfe, Humanisten und Gelehrte, antike Texte und christliche Deutungen, Astrologie, höfische Machtfragen und spekulative Philosophie. In einer solchen Welt konnten Figuren aus Rom, Babylon, Griechenland oder dem Alexanderroman nebeneinander auftreten, ohne dass dies als Widerspruch empfunden werden musste.
Das Buch liest die Trümpfe daher nicht wie eine Reihe isolierter Rätselbilder. Vielmehr erscheinen sie als Bewohner eines großen, etwas überfüllten Renaissancehauses. In einem Raum diskutiert vielleicht Aristoteles über Tugend, im nächsten plant ein Herrscher seine Karriere, in einem dritten wird ein alchemistisches Gefäß erhitzt, und auf dem Flur wartet Saturn mit einer Sanduhr, damit niemand die Folgen seines Handelns vergisst.
Dabei ist die historische Vorsicht des Bandes besonders wertvoll. Das Kartenspiel heißt nicht deshalb Sola Busca, weil ein geheimnisvoller Renaissance-Meister mit diesem Namen es erfunden hätte. Die Bezeichnung geht vielmehr auf eine spätere Besitzgeschichte zurück. Solche Informationen wirken auf den ersten Blick unspektakulär, erfüllen aber eine wichtige Funktion: Sie schaffen festen Boden unter den Füßen, bevor man sich an die schillernden, symbolischen und manchmal geradezu labyrinthischen Deutungen der Bilder heranwagt.
Alexander, Saturn und andere Mitspieler
Ein großer Erzählstrom des Buches führt in die Welt Alexanders des Großen. Dort tauchen Namen auf, die weit über die historische Biographie des makedonischen Königs hinausweisen: Olympias, Philipp, Ammon und Nektanebos. Sie gehören zu einer langen Überlieferung, in der Alexander nicht nur als Eroberer erscheint, sondern als Kind ungewöhnlicher Herkunft, als Figur zwischen göttlicher Abstammung, politischer Propaganda, Verkleidung, Magie und weltgeschichtlichem Ehrgeiz.
Der Alexanderroman war für das Mittelalter und die Renaissance keine bloße Abenteuerlektüre. Er bot ein Denkfeld für Fragen, die auch im Sola Busca immer wieder aufscheinen: Was macht einen Herrscher legitim? Wo endet Begabung, und wo beginnt Selbstüberschätzung? Wann wird Wissen zur Einsicht, wann zum Mittel der Manipulation? Welche Rolle spielen Herkunft, Täuschung und Inszenierung für Macht?
So werden die Kartenfiguren nicht auf eine einzige Botschaft reduziert. Ein Herrscher ist nicht einfach Herrschaft, ein Krieger nicht einfach Mut, ein Gelehrter nicht automatisch Weisheit. Die Bilder behalten Reibung. Sie können Stärke und Gefahr, Berufung und Größenwahn, Schutz und Gewalt zugleich enthalten. Das macht sie lebendig. Das Sola Busca wirkt dadurch weniger wie ein moralisches Bilderbuch als wie ein Renaissance-Drama, in dem jede Figur schon beim ersten Auftritt einen Schatten in die Szene mitbringt.
Neben Alexander steht Saturn als eine der großen atmosphärischen Kräfte des Decks. Saturn ist hier nicht nur der Planet der Schwermut oder der dunklen Stimmung. Er verkörpert ebenso Dauer, Gedächtnis, Geduld, Begrenzung, Konzentration und das Gewicht der Zeit. Seine Welt ist nicht unbedingt bequem, aber sie ist genau. Sie fragt nicht bloß, was jemand will, sondern auch, ob dieser Wunsch Bestand hat.
Unter einem solchen saturnischen Blick erhalten Waffen, Verletzungen, Lasten, Arbeit und Feuer eine besondere Färbung. Sie werden zu Bildern von Prüfung und Verdichtung. Ein Schwert kann Macht bedeuten, aber ebenso Verantwortung. Feuer kann zerstören, reinigen oder verwandeln. Eine schwere Last kann niederdrücken, zugleich aber etwas sichtbar machen, das im Leichten und Bequemen verborgen geblieben wäre. Das Sola Busca scheint seine Figuren selten unangefochten davonzulassen. Fast alle müssen irgendwann mit dem rechnen, was sie tun, besitzen oder begehren.
Karten als große Erzählung
Den Kern des Bandes bilden die Einzeldeutungen der zweiundzwanzig Trümpfe. Namen, historische Vorlagen und literarische Überlieferungen werden ebenso berücksichtigt wie Kleidung, Körperhaltung, Blickrichtung, Gegenstände und Bilddetails. Das ist wichtig, denn im Sola Busca kann eine Handhaltung so viel Gewicht haben wie ein Name, ein Schild mehr erzählen als ein Gesicht und ein Gefäß zu einer Art philosophischem Nebenraum werden.
Besonders anregend ist die Aufmerksamkeit für Wiederholungen und Veränderungen. Motive erscheinen nicht nur einmal. Sie wandern durch die Folge, kehren verändert wieder oder erhalten in einer späteren Karte eine neue Wendung. Ein Objekt, das zunächst bloß rätselhaft wirkt, kann später in einen anderen Zusammenhang treten und dadurch erst seine Spannung entfalten. So entsteht allmählich der Eindruck, die Großen Arcana führten ein Gespräch miteinander.
Matus steht am Beginn dieser Folge. Seine Nähe zur späteren Figur des Narren ist erkennbar, doch der Band behandelt ihn nicht als bloße Vorstufe eines bekannten Tarotarchetyps. Matus ist kein bequemes Etikett. Er lässt sich eher als eine Figur des Anfangs verstehen: jemand, der noch nicht weiß, wohin der Weg führt, aber bereits unterwegs ist. Er besitzt Offenheit, Unfertigkeit, Beweglichkeit und vielleicht auch jene besondere Form von Glück, die Menschen manchmal haben, bevor sie verstehen, wie kompliziert alles werden kann.
Danach folgt keine einfache Karriereleiter vom Unwissenden zum Erleuchteten. Stattdessen entfaltet sich eine Abfolge von Begegnungen mit Macht, Ordnung, Ehrgeiz, Verlust, Gefahr, Umkehr und Veränderung. Manche Figuren wirken wie Modelle gelungener Haltung, andere wie Warnzeichen in Menschengestalt. Wieder andere verweigern eine eindeutige Zuordnung und bleiben absichtlich doppeldeutig. Das passt zum Charakter des Decks: Es ist nicht daran interessiert, seine Karten mit einem einzigen Satz zu erledigen.
Die Trümpfe lassen sich dadurch als Weg lesen. Nicht unbedingt als Weg durch ein klar bestimmtes historisches Einweihungsritual, sondern als innere Bewegung. Der Mensch tritt in die Welt, trifft auf Verlockungen, wird mit Durchsetzungskraft und Widerstand konfrontiert, erlebt Grenzen und muss herausfinden, was von seinem Selbstbild übrig bleibt, wenn die äußeren Insignien der Macht einmal nicht mehr reichen.
Gefäße, Sterne, Feuer
Ein besonders schöner Strang der Untersuchung gilt den Gefäßen. Im Sola Busca tauchen sie in unterschiedlichen Formen auf: als Behälter, Schalen, technische oder rituell wirkende Objekte, als Dinge, die etwas aufnehmen, bewahren, mischen oder verwandeln können. Ein Gefäß ist in diesem Buch niemals nur Dekoration. Es kann leer oder gefüllt, offen oder geschlossen, nützlich oder geheimnisvoll sein. Es hat, wenn man so will, eine stille Karriere im Hintergrund der Bilder.
Der Vergleich mit Ludovico Lazzarellis Crater Hermetis erweitert diesen Gedankenraum. In hermetischen und neuplatonischen Zusammenhängen kann das Gefäß für Aufnahmefähigkeit, Mischung, Reinigung und geistige Erneuerung stehen. Es verweist auf die Möglichkeit, dass etwas aufgenommen werden muss, bevor es verstanden oder verwandelt werden kann. Ein Gefäß ist damit nicht bloß ein Behälter, sondern ein Ort des Übergangs.
Der Band macht daraus keine starre Formel. Nicht jede Schale wird zum kosmischen Symbol, nicht jeder Topf zur geheimen Weisheitsmaschine. Gerade diese Beweglichkeit ist überzeugend. Die historischen Vergleichstexte liefern keine fertigen Schlüssel, sondern öffnen Möglichkeiten. Sie helfen, die Bilder genauer anzusehen, ohne ihnen ihre Eigenwilligkeit zu nehmen.
Auch Feuer, Sterne, Werkzeuge und Waffen erscheinen in diesem Sinn als bewegliche Zeichen. Sie gehören nicht zu einem Symbollexikon, das überall dieselbe Übersetzung bereithält. Ihre Bedeutung verändert sich mit Figur, Szene und Stellung innerhalb der Folge. Das ist vielleicht die wichtigste Einladung des Buches: genauer schauen, langsamer verbinden, den Gegenständen Zeit lassen.
Für wen dieser Band leuchtet
Dieser erste Band zu den Großen Arcana richtet sich an Menschen, die nicht nur wissen möchten, „was eine Karte bedeutet“, sondern fragen, wie eine Bildwelt entsteht und welche Geschichten, Denkformen und kulturellen Spannungen in ihr weiterleben. Wer sich für Tarotgeschichte interessiert, findet hier reiches Material. Wer Renaissancekultur, Mythologie, Astrologie, Hermetik, Neuplatonismus oder die Nachwirkung antiker Stoffe erkundet, begegnet einem ungewöhnlichen visuellen Archiv.
Das Buch eignet sich besonders für eine Lektüre in Etappen. Eine Karte kann zum Ausgangspunkt für einen längeren Gedankengang werden; ein Name führt in den Alexanderroman, ein Gefäß zu hermetischen Vorstellungen, eine Rüstung zu Fragen der Macht und Selbstinszenierung. Man muss nicht alles beim ersten Durchgang endgültig einordnen. Im Gegenteil: Das Sola Busca gewinnt gerade dadurch, dass bestimmte Motive nach einer Pause wieder auftauchen und dann plötzlich vertrauter wirken.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Kartenspiels, das sich nicht zähmen lassen möchte. Das Sola Busca ist gelehrt, wild, dunkel glänzend und voller Figuren, die mehr wissen oder mehr verbergen, als sie auf den ersten Blick erkennen lassen. Das Sola Busca Tarot Band I: Die Großen Arcana bietet einen kundigen Zugang zu dieser Welt, ohne ihre Rätsel wegzuräumen. Es stellt Türen auf, zeigt historische Wege und lässt genügend Raum dafür, dass Leserinnen und Leser selbst noch ein Stück weiter durch dieses seltsame Renaissance-Labyrinth gehen.
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Band II: Die Kleinen Arcana
Sola Busca Tarot Band II – Die Kleinen Arcana – Volker H. Schendel – Hardcover – 588 Seiten – ISBN-13: 9783696729639 – Verlag: BoD – Books on Demand – Erscheinungsdatum: 26.08.2026 – Sprache: Deutsch – – 19 x 27 cm –
Preis: 149,00 €
https://buchshop.bod.de/sola-busca-tarot-band-ii-volker-h-schendel-9783696729639

Inhalt von Band II
„Das Sola Busca Tarot – Band II: Die Kleinen Arcana“ widmet sich ausführlich den sechsundfünfzig Kleinen Arcana eines der ältesten vollständig erhaltenen Tarotspiele Europas. Im Mittelpunkt stehen die vier Kartenreihen der Stäbe, Schwerter, Kelche und Münzen. Sämtliche Karten werden vollständig in Farbe dargestellt. Dadurch lassen sich die besondere Farbgebung, die Figuren, Gegenstände, Gewänder, Waffen, Gefäße und zahlreichen Einzelheiten der historischen Bildwelt unmittelbar betrachten und gemeinsam mit den Erläuterungen erschließen.
Das gegen Ende des 15. Jahrhunderts entstandene Sola-Busca-Tarot nimmt innerhalb der Tarotgeschichte eine besondere Stellung ein. Anders als bei vielen anderen frühen Kartenspielen zeigen seine Zahlenkarten nicht nur die jeweilige Anzahl an Stäben, Schwertern, Kelchen oder Münzen. Jede Karte besitzt eine eigenständige, figurenreiche Szene. Menschen tragen, bearbeiten oder betrachten Gegenstände, führen Handlungen aus und treten in rätselhafte Beziehungen zu ihrer Umgebung. So entsteht eine zusammenhängende Bilderwelt, in der sich Geschichte, Mythologie, Astrologie, Alchemie und die Philosophie der Renaissance begegnen.
Einführende Kapitel stellen die Entstehungs- und Besitzgeschichte des Sola-Busca-Tarots sowie sein kulturelles Umfeld vor. Behandelt werden die gelehrten und höfischen Kreise von Ferrara und Venedig, mögliche Verbindungen zur Familie Este und die Bedeutung antiker Überlieferungen für die Renaissance. Weitere Themen sind neuplatonische und hermetische Vorstellungen, die Alexanderlegende, die Symbolik des Saturn sowie die Idee, umfangreiches Wissen in kleinen, kunstvoll gestalteten Bildern zu verdichten.
Zusätzliche Abschnitte beschäftigen sich mit den Hofkarten, Alexander dem Großen, Georgios Gemistos Plethon und Plutarch. Auch heidnisch-antike Weltbilder, unterschiedliche Vorstellungen vom Aufbau des Kosmos und die Bedeutung astrologischer sowie magischer Traditionen werden erläutert. Darüber hinaus wird gezeigt, wie einzelne Motive des Sola Busca später in das Waite-Smith-Tarot und in weitere moderne Tarotdecks übernommen wurden.
Den umfangreichsten Teil bildet die Einzelbetrachtung aller sechsundfünfzig Kleinen Arcana. Jede der vier Kartenreihen wird vollständig behandelt: vom Ass über die Zahlenkarten Zwei bis Zehn bis zu Bube, Ritter, Königin und König. Alle Karten sind in Farbe abgebildet und werden anhand ihrer Bildkomposition, ihrer Figuren und ihrer symbolischen Einzelheiten ausführlich beschrieben. Auf diese Weise können die historischen Darstellungen und ihre möglichen Bedeutungsebenen unmittelbar miteinander verbunden werden.
Die Stäbe stehen im Zusammenhang mit Kraft, Arbeit, Bewegung und zielgerichtetem Handeln. Ihre Karten zeigen, wie menschlicher Wille aufgebaut, geprüft und in eine sinnvolle Richtung gelenkt werden kann. Dabei entfaltet sich ein Weg von der ersten schöpferischen Energie über Anstrengung und Verantwortung bis zur bewussten Beherrschung der eigenen Kräfte.
Die Schwerter führen in die Welt des Denkens, Entscheidens und Unterscheidens. Sie veranschaulichen, dass Klarheit Grenzen schaffen und Ordnung ermöglichen kann. Zugleich erzählen ihre Bilder von den Folgen menschlicher Entscheidungen, von Auseinandersetzung, Schutz, Trennung und der Suche nach einer Erkenntnis, die sich mit Verantwortung verbindet.
Die Kelche bilden die Sphäre des Empfangens, der inneren Erfahrung und der Wandlung. Das Gefäß erscheint als Sinnbild für das, was aufgenommen, bewahrt, gemischt und weitergegeben wird. Die Karten beschäftigen sich mit Offenheit, Inspiration, Beziehung und der Fähigkeit, zwischen bereichernder Fülle und überwältigender Erfahrung zu unterscheiden.
Die Münzen stellen Gewicht, Wert, Maß, Austausch und sichtbare Verwirklichung in den Mittelpunkt. In ihnen verbindet sich geistige Erkenntnis mit dem konkreten Leben. Sie zeigen, wie Ideen und Fähigkeiten eine greifbare Gestalt erhalten und wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Besitz, Arbeit und materiellen Möglichkeiten entstehen kann.
Gemeinsam entfalten die vier Reihen einen umfassenden symbolischen Entwicklungsweg. Denken, Wille, Empfänglichkeit und praktische Gestaltung erscheinen als Kräfte, die einander ergänzen. Die Karten erzählen von menschlicher Tätigkeit, von Belastungen und Prüfungen, aber auch von Reifung, Ausgleich und der Verwirklichung innerer Erkenntnisse im täglichen Leben.
Durch die Verbindung ausführlicher Erläuterungen mit den vollständigen farbigen Darstellungen sämtlicher Kleiner Arcana entsteht ein anschauliches Gesamtbild dieses außergewöhnlichen Renaissance-Tarots. Das Buch lädt dazu ein, jede Karte aufmerksam zu betrachten und die vier Reihen als vielschichtige Bildfolgen über Erkenntnis, Handeln, Wandlung und die bewusste Gestaltung des Lebens kennenzulernen.
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Verlagsinformationen:
BoD – Books on Demand GmbH
Überseering 33
22297 Hamburg
Internet: https://www.bod.de
Erscheinungsjahr: 2026
Das Sola Busca Tarot – Band I und Band II erschließen das Tarotdeck als bedeutendes kulturhistorisches Zeugnis der oberitalienischen Renaissance. Im Vordergrund stehen die Kultur Ferraras und Venedigs um 1491, der Renaissancehumanismus, die Wiederentdeckung der Antike sowie die politischen, gesellschaftlichen, philosophischen und religiösen Vorstellungen dieser Epoche.
Das vermutlich 1491 entstandene Sola-Busca-Tarot ist nicht nur ein historisches Kartenspiel, sondern ein vielschichtiger Bildzyklus und eine außergewöhnliche Quelle zur Kulturgeschichte der italienischen Renaissance. Seine Darstellungen greifen antike, historische, mythologische und biblische Gestalten auf und verbinden sie mit der höfischen Bildungs- und Bildkultur Oberitaliens.
In beiden Bänden werden sämtliche 78 Karten des vollständig erhaltenen Sola-Busca-Tarots farbig abgebildet. Band I enthält die 22 Großen Arcana, Band II die 56 Kleinen Arcana. Die vollständige farbige Wiedergabe ermöglicht es, die Bildkompositionen, Figuren, Symbole, Inschriften und ikonografischen Einzelheiten unmittelbar nachzuvollziehen und vergleichend zu untersuchen.
Die Bücher betrachten diese Bildwelt im Kontext der kulturellen Beziehungen zwischen Ferrara und Venedig. Sie behandeln die Rezeption der griechisch-römischen Antike, humanistische Bildung, historische Herrschaftsvorstellungen, religiöse Ideen, Mythologie und die symbolische Kommunikation an den oberitalienischen Höfen. Dadurch ermöglichen sie einen interdisziplinären Zugang zur Gedanken- und Vorstellungswelt des späten 15. Jahrhunderts.
Das vollständig erhaltene und kolorierte Exemplar des Sola-Busca-Tarots befindet sich heute in der Pinacoteca di Brera in Mailand und wurde dort 2009 im Rahmen einer Ausstellung einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert.
Beide Bände eignen sich insbesondere als Ergänzung für Bibliotheksbestände aus den Bereichen Kulturgeschichte, Kunstgeschichte, Renaissanceforschung, Geschichte Italiens, Ikonografie, Philosophie, Religionswissenschaft und historische Bildforschung.
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Abstract für Band I und Band II
Zuerst braucht der Mensch Wille. – Später muss er erkennen, dass Wille nicht genügt. – Er braucht Erkenntnis. – Später muss er erkennen, dass auch Erkenntnis zur Projektion werden kann. – Er gewinnt Macht. – Später muss er seinen Anspruch auf Macht relativieren. – Und schließlich begegnet er mit NENBROTO der Möglichkeit, dass sogar derjenige, der den ganzen Weg „verstanden“ hat, gerade dadurch wieder der Selbstüberhöhung verfällt.
In Band II die im ersten Band entwickelte Welt auszuweiten: historische Figuren, philosophische Hintergründe, Hermetik, Neuplatonismus, Alchemie, Mythologie und die Beziehungen zwischen diesen Bereichen.
Insgesamt das Sola Busca nicht lediglich zu entschlüsseln, sondern als gegenwärtigen hermetischen Einweihungsweg neu zu konstituieren. In einer systematischen Hermeneutik. Aus den 78 Bildern entsteht ein philosophischer Transformationsweg, dessen Ziel nicht die Akkumulation geheimen Wissens, sondern zunehmend die Relativierung von Wille, Macht, Interpretation und schließlich des Erkenntnissubjekts selbst ist.
Buchhandlungen
Thalia – https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1081460245
Hugendubel – https://www.hugendubel.de/de/buch_gebunden/volker_h_schendel-sola_busca_tarot_band_ii-54498147-produkt-details.html
Osiander – https://www.osiander.de/shop/home/artikeldetails/A1081460245
Orell Füssli – https://www.orellfuessli.ch/shop/home/artikeldetails/A1081460245
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Rezension
Bildarchäologie der Kleinen Arcana im Sola Busca Tarot
Volker H. Schendel. – Das Sola Busca Tarot Band II – Die Kleinen Arcana
Mit dem zweiten Band seiner Sola-Busca-Studien wendet sich Volker H. Schendel den 56 Kleinen Arcana zu, jenem Teil des Decks, der in der älteren Tarotforschung lange als bloße Ergänzung der Trümpfe behandelt wurde, obwohl gerade hier eine der bemerkenswertesten Eigenheiten des Sola Busca liegt. Denn anders als in den meisten frühen Tarocchi sind die Zahlenkarten nicht auf wiederholte Farbzeichen reduziert, sondern in eigenständige, teils groteske, teils rätselhafte Bildszenen überführt. Band II nimmt diese Bilder nicht als illustrative Nebenzone, sondern als Träger eines eigenständigen, durch die vier Farben gegliederten, Symbolsystems ernst. Der Band folgt dabei einer klaren, wenn auch weit ausgreifenden Grundannahme – Die Kleinen Arcana lassen sich weder mit den späteren Bedeutungen des Waite-Smith-Tarots noch mit einer bloßen Liste einzelner Symbolentsprechungen angemessen erschließen. Ihre Bildsprache verlangt eine doppelte Arbeit. Einerseits müssen sichtbare Befunde Gegenstände, Körperhaltungen, Inschriften, Zahlen, Wiederholungen und Kompositionen genau beschrieben werden. Andererseits bedürfen diese Befunde eines historischen Horizonts, der Humanismus, antike Exempla, Alexanderroman, Astrologie, Hermetik, Neuplatonismus, Alchemie und höfische Bildkultur umfasst. Gerade diese Verbindung ist die große Stärke des Buches. Schendel bemüht sich konsequent darum, zwischen dem Bildbefund, einer historisch plausiblen Kontextualisierung und einer weiterführenden hermetischen Lesart zu unterscheiden. Das ist beim Sola Busca methodisch unverzichtbar. Das Deck lädt wie kaum ein anderes zur Überdeutung ein – Ein Gefäß scheint rasch zum Krater des Nous zu werden, eine Schlange zur alchemistischen Chiffre, ein Vogel zur Gottheit oder ein Schwert zur feststehenden geistigen Funktion. Schendel setzt hier wiederholt Grenzen. Nicht jedes Gefäß wird automatisch zum Crater Hermetis, nicht jede dunkle Szene zum Saturnritual und nicht jede Namensähnlichkeit zum Beweis direkter Abhängigkeit erklärt. Besonders überzeugend ist diese Vorsicht dort, wo der Band die historische Fremdheit der Karten gegen moderne Tarotgewohnheiten verteidigt. Die Stäbe werden nicht einfach als Feuer, die Schwerter nicht schlicht als Luft, die Kelche nicht pauschal als Gefühl und die Münzen nicht als Geld gelesen. Stattdessen erscheinen die vier Reihen als unterschiedliche Erfahrungsräume. Die Stäbe behandeln Arbeit, Bewegung, Last, Wachstum und gerichtete Kraft; die Schwerter bündeln Entscheidung, Trennung, Waffe, Urteil und mögliche Verletzung; die Kelche kreisen um Gefäßlichkeit, Verschluss, Innerlichkeit und Bewahrung; die Münzen führen in Materialität, Gewicht, Prägung, Arbeit, Feuer und Dauer. Diese Zuordnungen bleiben im besten Sinn dynamisch. Gerade die wiederkehrende Betonung von Last, Bindung, Grenze und Bearbeitung bewahrt die Deutung davor, aus den Farben psychologische Schablonen zu machen. Das Sola Busca erscheint nicht als Vorform moderner Persönlichkeitsdiagnostik, sondern als Bildwelt, in der Erkenntnis an Körper, Werkzeuge, politische Macht und materielle Widerstände gebunden bleibt. Der umfangreichste Teil des Bandes besteht aus Einzelinterpretationen. Hier zeigt sich Schendels besondere Fähigkeit zur langsamen Bildlektüre. Die Karten werden zunächst nahezu archäologisch betrachtet: Wie viele Gegenstände sind sichtbar? Wo steht eine Figur? Was wird berührt, gehalten, getragen oder gerade nicht getan? Erst danach folgt die Deutung. Diese Reihenfolge ist überzeugend, weil sie den Bildern ihre Widerständigkeit lässt. Gerade bei den Kleinen Arcana, deren Szenen oft keiner eindeutigen Erzählung folgen, ist die genaue Beschreibung kein bloßes Vorspiel, sondern bereits ein Teil der Erkenntnis. Zugleich entwickelt der Band über die Einzelkarten hinaus größere Bewegungen. Die Stabreihe wird unter anderem im Horizont von Arbeit, Landwirtschaft und alchemischem opus gelesen. Die Schwerter führen in eine Welt von Grenzziehung, Verdichtung, Entscheidung und zunehmend belastender Vielheit. Die Kelche verbinden geschlossene und geöffnete Gefäßformen mit Fragen nach Erinnerung, Aufnahmefähigkeit und verborgenem Inneren. Die Münzen schließlich führen am stärksten in die Sphäre der Verkörperung – Form muss getragen, geprägt, gewogen, gesammelt, erhitzt und bewahrt werden. Die leitende Idee eines Einweihungsweges gibt diesen Beobachtungen einen übergreifenden Zusammenhang. Sie ist als hermeneutisches Modell durchaus produktiv. Das Sola Busca zeigt nicht den Aufstieg durch eine harmlose Symbolleiter, sondern eine Folge von Prüfungen – Der Mensch muss unterscheiden, ohne zu verhärten; handeln, ohne der eigenen Macht zu verfallen; aufnehmen, ohne sich zu verlieren; verkörpern, ohne das Sichtbare zum letzten Maßstab zu machen. Der Band liest die Kleinen Arcana deshalb als eine Schule der Form. Gerade an diesem Punkt liegt allerdings auch seine methodische Grenze. Der Einweihungsweg ist nicht als historisch dokumentierte Gebrauchsanweisung des Decks nachweisbar. Schendel sagt das selbst vielfach und deutlich. Dennoch erzeugt die Wiederkehr derselben hermetischen Begriffe Saturn, Grenze, Wandlung, Läuterung, Daimon, Nous, geistige Geburt stellenweise den Eindruck eines sehr geschlossenen Gesamtmodells. Die Vorsicht der Einzelaussagen und die starke Kohärenz der Gesamtdeutung stehen dabei in einer produktiven, aber nicht spannungsfreien Beziehung. Der Leser muss daher akzeptieren, dass sich das Buch zwischen Kunstgeschichte, Symbolforschung und hermetischer Meditation bewegt. Als streng quellenkritische Rekonstruktion einer ursprünglichen Kartenlehre kann es nicht gelesen werden. Dafür ist die Überlieferungslage des Sola Busca zu lückenhaft, die Autorschaft ungeklärt und die genaue Funktion des Spiels unbekannt. Als historisch informierte, methodisch reflektierte Großdeutung besitzt der Band jedoch erhebliches Gewicht. Eine zentrale Rolle spielt dabei Peter Mark Adams – The Game of Saturn. Schendel übernimmt dessen These nicht unkritisch, sondern behandelt sie als weitreichendes Deutungsangebot: ein Modell, das Gewalt, Opfer, Herrschaft, Begrenzung und kosmische Macht im Sola Busca zusammenzusehen versucht. Besonders gelungen ist, dass der Band Adams Saturn-Deutung nicht als endgültigen Schlüssel ausgibt. Sie wird als hermetische Konstruktion ernst genommen, ohne an die Stelle eines urkundlichen Beweises zu treten. Auch die Alexanderüberlieferung wird differenziert behandelt. Die Namen Alecxandro, Olinpia, Amone, Natanabo und R. Filipo bilden innerhalb der Hofkarten ein erkennbares Bezugsfeld. Der Band trennt jedoch sorgfältig zwischen dem historischen Alexander, den literarischen Fassungen des Alexanderromans und der späteren hermetischen Weiterdeutung. Dadurch wird die legendäre Zeugung durch Nektanebos und Ammon nicht zur historischen Nachricht, sondern zu einem wirkmächtigen Mythos über Herkunft, Maskierung, astrologische Zeit und Herrschaft. Die Kehrseite der Materialfülle liegt in der Länge einzelner Kartendeutungen. Die wiederholte Absicherung gegen vorschnelle Identifikationen ist sachlich notwendig, wird aber bisweilen redundant. Auch die immer wiederkehrende Rückbindung an Saturn, Alexander, Este-Kontext und hermetische Wiedergeburt erzeugt über große Strecken ein starkes Deutungsfeld, das den Eigenklang einzelner Karten gelegentlich überlagert. Eine straffere editorische Führung hätte die argumentative Kraft mancher Kapitel noch erhöht. Das mindert den Wert des Bandes jedoch nicht grundsätzlich. Im Gegenteil: Gerade weil Schendel die Kleinen Arcana nicht als Nachtrag zu den Trümpfen behandelt, sondern als komplexen Kosmos aus Bild, Materialität, Zahl und Beziehung, leistet Band II einen wichtigen Beitrag zur ernsthaften Beschäftigung mit dem Sola Busca. Er zeigt, dass die Zahlenkarten nicht nur Vorläufer späterer szenischer Tarotbilder sind, sondern ein eigenständiges Experiment der Renaissance-Bildkultur. Das Sola Busca Tarot Band II – Die Kleinen Arcana – ist kein Handbuch für schnelle Deutungen und keine abschließende Entschlüsselung eines angeblich vollständig rekonstruierbaren Geheimwissens. Sein Ertrag liegt anderswo: in der geduldigen Schulung des Blicks, in der methodischen Unterscheidung von Befund und Hypothese und in der Weigerung, die verstörende Fremdheit der Bilder vorschnell zu beruhigen. Für Leserinnen und Leser mit Vorkenntnissen in Tarotgeschichte, Renaissancekultur, Hermetik und ikonologischer Methodik ist der Band deshalb eine anregende, ambitionierte und diskussionswürdige Studie.
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Die Übernahme der Originalmotive des Sola Busca Tarot in das Waite/Smith Tarot
Die Veröffentlichung des Waite/Smith-Tarots im Jahr 1909
Die Veröffentlichung des Waite/Smith-Tarots im Jahr 1909 markiert den entscheidenden Wendepunkt in der Wirkungsgeschichte des Sola-Busca-Tarots. Während das Sola Busca über vier Jahrhunderte nahezu unbekannt blieb und sich nur in wenigen Privatsammlungen befand, wurden seine Bildideen durch Arthur Edward Waite und insbesondere Pamela Colman Smith in einer völlig neuen Form wiederbelebt und weltweit verbreitet. Das Sola-Busca-Tarot wurde damit zur wichtigsten historischen Vorlage für die Entwicklung des modernen illustrierten Tarots, obwohl sein Einfluss lange Zeit kaum erkannt wurde.
Das Sola-Busca-Tarot war das erste vollständig erhaltene Tarotdeck, dessen vier Farben nicht nur aus einfachen Zahlenkarten bestanden, sondern auf jeder einzelnen Pip-Karte komplexe figürliche Szenen zeigten. Diese Innovation war im ausgehenden 15. Jahrhundert einzigartig. Während nahezu alle anderen Tarots der Renaissance ihre Zahlenkarten lediglich als ornamentale Anordnung von Schwertern, Kelchen, Münzen oder Stäben darstellten, erzählte das Sola Busca bereits kleine Bildgeschichten voller Handlung, Symbolik und psychologischer Spannung. Genau dieses Prinzip wurde über 400 Jahre später zum Kern des Waite/Smith-Tarots. Pamela Colman Smith übernahm nicht einfach einzelne Motive, sondern das grundlegende Konzept einer vollständig illustrierten Kleinen Arkana. Dadurch wurde das Lesen der Karten intuitiver und erzählerischer und machte das Tarot erstmals auch ohne umfangreiche Kenntnisse der hermetischen Korrespondenzen unmittelbar verständlich. Das Rider-Waite-Smith-Tarot war nach heutigem Forschungsstand das zweite bedeutende Tarotdeck der Geschichte, das sämtliche Zahlenkarten mit eigenständigen Szenen ausstattete.
Dabei beschränkte sich die Übernahme keineswegs auf die Grundidee. Zahlreiche Bildkompositionen wurden direkt oder in stark überarbeiteter Form aus dem Sola Busca übernommen. Besonders offensichtlich ist dies bei der Drei der Schwerter. Im Sola Busca zeigt die Karte ein von drei Schwertern durchbohrtes Herz – eine Bildidee, die Pamela Colman Smith nahezu unverändert übernahm. Lediglich die dramatische Gewitterlandschaft im Hintergrund ist ihre eigene Ergänzung. Diese Karte gehört heute zu den bekanntesten Tarotbildern überhaupt und ist zugleich das deutlichste Beispiel für den direkten Einfluss des Sola Busca.
Auch andere Karten zeigen deutliche motivische Parallelen. Die Zehn der Schwerter des Waite/Smith erinnert in ihrer dramatischen Wirkung stark an die Zehn der Stäbe des Sola Busca, deren erschöpfte und überwältigte Figur das Motiv existenzieller Niederlage bereits vorwegnimmt. Ebenso lassen sich zwischen der Königin der Kelche beider Decks enge ikonographische Beziehungen erkennen. Haltung, Komposition und die kontemplative Atmosphäre weisen auf eine bewusste Orientierung Pamela Colman Smiths am italienischen Vorbild hin. Mehrere Kunsthistoriker sehen darüber hinaus Einflüsse des Sola Busca auf Karten wie Sieben der Schwerter, Neun der Stäbe, Fünf der Münzen und verschiedene Hofkarten, wobei diese Bezüge weniger wörtlich als vielmehr kompositorisch und symbolisch verstanden werden.
Entscheidend ist dabei, dass Smith die Motive nicht kopierte, sondern transformierte. Die Figuren des Sola Busca gehören einer hermetischen, alchemischen und humanistischen Bildwelt der italienischen Renaissance an. Ihre Kleidung, Waffen und Gesten verweisen auf antike Helden, historische Feldherren und komplexe philosophische Konzepte. Im Waite/Smith-Tarot werden diese gelehrten Renaissancefiguren durch allgemein verständliche Menschen ersetzt. Aus alchemischen Allegorien werden psychologische Szenen, aus humanistischen Anspielungen werden universelle menschliche Erfahrungen wie Hoffnung, Verlust, Liebe, Konflikt oder Erschöpfung. Dadurch wandelte sich das Sola-Busca-Erbe von einem aristokratischen Gelehrtenprogramm zu einer allgemein zugänglichen symbolischen Sprache.
Die eigentliche Revolution bestand deshalb weniger in einzelnen übernommenen Motiven als in der Übertragung eines gesamten Bildprinzips. Das Sola Busca bewies bereits um 1491, dass Zahlenkarten Geschichten erzählen können. Waite und Smith griffen genau diese Idee auf und entwickelten daraus das erste weltweit erfolgreiche moderne Tarot. Dieses neue Bildsystem wurde innerhalb weniger Jahrzehnte zum internationalen Standard.
Mit dem enormen Erfolg des Waite/Smith-Tarots begann eine zweite Phase der Wirkungsgeschichte des Sola Busca. Seit dem frühen 20. Jahrhundert orientierten sich Hunderte neuer Tarotdecks nicht mehr unmittelbar am historischen italienischen Original, sondern am Waite/Smith-Tarot, das seinerseits wesentliche Impulse aus dem Sola Busca übernommen hatte. Dadurch verbreitete sich die Bildsprache des Sola Busca indirekt in nahezu der gesamten modernen Tarotwelt. Zu den bekanntesten Nachfolgern gehören das Morgan-Greer Tarot, das Universal Waite Tarot, das Hanson-Roberts Tarot, das Robin Wood Tarot, das Golden Tarot, das Radiant Rider-Waite, das Universal Fantasy Tarot, das Llewellyn Tarot, das Gilded Tarot, das Shadowscapes Tarot, das Light Seer’s Tarot sowie zahllose weitere Decks, deren Kleine Arkana unmittelbar auf den Kompositionen Pamela Colman Smiths beruhen. Selbst viele digitale Tarot-Apps und Online-Tarotprogramme verwenden bis heute diese ikonographische Tradition.
Seit den 1980er Jahren begann sich das Interesse zunehmend wieder dem eigentlichen Ursprung zuzuwenden. Kunsthistoriker und Tarotforscher wie Stuart R. Kaplan, Robert M. Place, Marco F. Berti, Peter Mark Adams sowie Morena Poltronieri konnten anhand ikonographischer Vergleiche immer deutlicher nachweisen, dass zahlreiche charakteristische Elemente des Waite/Smith-Tarots ihre eigentliche Quelle im Sola Busca besitzen. Damit wandelte sich die historische Bewertung grundlegend. Das Sola Busca wird heute nicht mehr lediglich als kurioses Renaissance-Tarot angesehen, sondern als entscheidendes Bindeglied zwischen den höfischen Tarocchi des 15. Jahrhunderts und der weltweiten Tarotkultur des 20. und 21. Jahrhunderts.
So ergibt sich eine bemerkenswerte kulturhistorische Entwicklung: Ein nahezu vergessenes Renaissance-Deck, das über Jahrhunderte nur wenigen Sammlern bekannt war, wurde durch seine indirekte Wiedergeburt im Waite/Smith-Tarot zum eigentlichen Ursprung der Bildsprache fast aller modernen Tarotkarten. Millionen von Menschen arbeiten heute mit Symbolen, deren Wurzeln bis in das Sola-Busca-Tarot des ausgehenden Quattrocento zurückreichen, ohne sich dieser historischen Kontinuität bewusst zu sein. Damit besitzt das Sola Busca eine Wirkungsgeschichte, die weit über seine ursprüngliche Entstehungszeit hinausreicht: Es ist nicht nur das älteste vollständig illustrierte Tarot der Welt, sondern zugleich die wichtigste ikonographische Quelle des modernen Tarot seit 1909.
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Die Frage, wie Pamela Colman Smith (1878–1951) die Bildmotive des Sola-Busca-Tarots kennenlernte, gehört zu den wichtigsten und zugleich umstrittensten Themen der Tarotforschung. Heute gilt als nahezu gesichert, dass zahlreiche Motive der Kleinen Arkana des Rider-Waite-Smith-Tarots (1909) direkt vom Sola-Busca-Tarot übernommen oder stark davon inspiriert wurden. Weniger eindeutig ist jedoch die Frage, auf welchem Weg Smith Zugang zu diesem seltenen Renaissance-Deck erhielt.
Das Sola-Busca-Tarot entstand um 1490/91 in Norditalien und blieb über Jahrhunderte praktisch unbekannt. Es befand sich seit dem frühen 19. Jahrhundert in der Sammlung der Familie Busca in Mailand und war für die Öffentlichkeit kaum zugänglich. Zwar erschien bereits 1903 eine hochwertige fotografische Faksimile-Ausgabe mit 78 Tafeln durch den italienischen Kunsthistoriker Graf Francesco Malaguzzi Valeri, doch war diese Publikation in einer sehr kleinen Auflage erschienen und vor allem an Bibliotheken, Museen und bedeutende Privatsammler verteilt worden. Genau diese Veröffentlichung wird heute als der wahrscheinlichste Übertragungsweg angesehen.
Arthur Edward Waite war hervorragend in den Londoner Kreisen der Esoterik, der Kunstgeschichte und des Antiquariats vernetzt. Er gehörte verschiedenen Geheimgesellschaften an, insbesondere dem Hermetic Order of the Golden Dawn, und verfügte über Kontakte zu Bibliotheken, Sammlern und Verlegern. Pamela Colman Smith bewegte sich in denselben Kreisen und arbeitete für Waite als Illustratorin des neuen Tarots. Es gilt deshalb als wahrscheinlich, dass entweder Waite selbst oder einer seiner Kontakte ein Exemplar des Faksimiles besaß oder zumindest Einsicht darin nehmen konnte.
Mehrere Indizien sprechen dafür, dass Smith tatsächlich mit dem Faksimile gearbeitet hat. Die Übereinstimmungen betreffen nicht nur allgemeine Kompositionen, sondern zahlreiche sehr spezifische Details, die kaum zufällig entstanden sein können. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Kleinen Arkana. Die Zehn der Stäbe mit der Figur, die ein Bündel von Stäben trägt, geht unmittelbar auf das Sola-Busca-Blatt zurück. Auch die Drei der Schwerter mit dem zentralen Herzmotiv, die Neun der Münzen mit der einzelnen eleganten Frau im Garten sowie mehrere weitere Karten weisen eine auffallend enge ikonographische Verwandtschaft auf. Diese Gemeinsamkeiten betreffen Haltung, Anordnung der Gegenstände, räumliche Komposition und teilweise sogar einzelne Gesten.
Bemerkenswert ist dabei, dass Smith die Motive nicht einfach kopierte. Vielmehr verwandelte sie die oft rätselhaften, alchemischen und militärischen Renaissancebilder in erzählerische Szenen mit psychologischer Aussagekraft. Während das Sola-Busca-Tarot voller Anspielungen auf Humanismus, Hermetik, Alchemie und antike Geschichte ist, übersetzte Smith dieselben Grundkompositionen in allgemein verständliche Bilder menschlicher Erfahrungen. Dadurch entstand erstmals ein vollständig illustriertes Tarot der Kleinen Arkana, das unmittelbar intuitiv gelesen werden konnte.
Wo genau Smith das Sola-Busca-Faksimile gesehen hat, ist jedoch bis heute nicht dokumentiert. Es existieren weder Briefe noch Tagebucheinträge oder Verlagsunterlagen, die den Zugang eindeutig nachweisen. Deshalb haben sich mehrere Hypothesen entwickelt.
Die heute am häufigsten vertretene Annahme lautet, dass Waite ein Exemplar der Ausgabe von 1903 beschaffte und Smith dieses während der Entwurfsarbeit zur Verfügung stellte. Diese These passt sowohl zeitlich als auch inhaltlich am besten, da zwischen der Veröffentlichung des Faksimiles (1903) und der Entstehung des Rider-Waite-Smith-Tarots (1908/09) nur wenige Jahre liegen.
Eine zweite Möglichkeit ist, dass Smith das Werk in einer großen Londoner Bibliothek oder einer privaten Kunstsammlung einsehen konnte. London verfügte bereits damals über bedeutende Bestände italienischer Renaissancekunst, und Waite hatte Zugang zu entsprechenden Kreisen.
Eine dritte Hypothese nimmt an, dass andere Mitglieder des Golden Dawn oder kunsthistorisch interessierte Freunde das Faksimile besaßen. Innerhalb dieses Netzwerks wurden Bücher und seltene Drucke häufig verliehen und gemeinsam studiert.
Weniger wahrscheinlich ist dagegen die Vorstellung, Smith habe das originale Sola-Busca-Tarot selbst gesehen. Dafür existieren keinerlei Hinweise. Das Original befand sich damals weiterhin in italienischem Privatbesitz und war nur einem sehr kleinen Kreis von Forschern zugänglich.
Die moderne Forschung – unter anderem durch Autoren wie Peter Mark Adams, Christophe Poncet, Robert M. Place sowie Sofia Di Vincenzo – betrachtet den Einfluss des Sola-Busca-Tarots auf das Rider-Waite-Smith-Deck heute als gut belegt. Strittig ist nicht mehr das Ob, sondern lediglich das Wie des Zugangs. Der wahrscheinlichste Rekonstruktionsweg lautet daher:
Original Sola-Busca (1490/91) → Faksimile-Ausgabe von 1903 → Arthur Edward Waite bzw. sein Netzwerk → Pamela Colman Smith → Rider-Waite-Smith-Tarot (1909).
Damit wurde ein nahezu 400 Jahre altes Renaissance-Tarot zur wichtigsten ikonographischen Quelle des heute weltweit bekanntesten Tarotdecks. Smith übernahm dabei jedoch keine vollständigen Karten, sondern einzelne Bildideen und Kompositionen, die sie künstlerisch weiterentwickelte und in eine neue symbolische Sprache überführte. Dadurch blieb der Einfluss des Sola-Busca-Tarots lange unbemerkt und wurde erst im späten 20. Jahrhundert durch systematische Bildvergleiche eindeutig erkannt.
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Rezension für Band I
Wenn dein Tarot plötzlich Renaissance studiert hat
Es gibt Bücher, die beginnen ganz höflich. Tür auf, Schuhe abtreten, hier ist die Einleitung, dort sind die Grundlagen und bitte nicht auf den Teppich krümeln.
Und dann gibt es „Das Sola Busca Tarot Band I – Die Großen Arcana“.
Dieses Buch fühlt sich eher an, als würde man nachts versehentlich durch die falsche Tür gehen und plötzlich auf einer Renaissance-Party landen, auf der niemand weiß, wer einen eingeladen hat. Überall stehen bewaffnete Gestalten herum, irgendjemand heißt Nabuchodenasor, Saturn beobachtet die Lage vermutlich schon seit drei Jahrhunderten, und auf einem Tisch befindet sich ein Gefäß, das verdächtig danach aussieht, als hätte es eine eigene philosophische Agenda.
Willkommen beim Sola Busca Tarot.
Wer Tarot bisher vor allem mit Magier, Kaiserin, Eremit und den üblichen Verdächtigen verbindet, bekommt hier erst einmal ein freundliches historisches „Haha, nein“. Stattdessen treten Matus, Panfilio, Catone, Nerone und andere Figuren auf, deren Namen klingen, als müsste man sie entweder in einer antiken Chronik nachschlagen oder dringend zu einer sehr extravaganten WG-Party einladen.
Genau das macht den Reiz dieses Bandes aus.
Denn hier wird nicht versucht, das Sola Busca schnell in das Tarot zu verwandeln, das man vielleicht schon kennt. Diese Karten dürfen sonderbar sein. Sie dürfen Rüstungen tragen, Waffen herumschleppen, seltsame Gesten machen und Dinge festhalten, bei denen man spontan denkt: „Okay. Und was genau soll DAS jetzt sein?“
Die Antwort lautet erfreulich oft: Schauen wir genauer hin.
Und plötzlich befindet man sich mitten im Norditalien des späten 15. Jahrhunderts.
Venedig, Ferrara und Padua bilden den Hintergrund einer Welt, in der Humanismus, antike Geschichten, christliche Vorstellungen, Astrologie, Politik, Philosophie und ziemlich große Ambitionen gleichzeitig im kulturellen Kochtopf blubbern. Figuren aus Rom, Babylon, Griechenland und literarischen Überlieferungen können hier nebeneinander auftauchen, ohne dass jemand die historische Polizei ruft.
Besonders spannend wird es rund um Alexander den Großen.
Aber natürlich wäre es für dieses Tarot viel zu langweilig, einfach nur Alexander auftreten zu lassen und Feierabend zu machen. Nein, seine ganze sagenhafte Umgebung kommt mit: Olympias, Philipp, Ammon und Nektanebos. Und damit landen wir in einer Welt, in der Abstammung kompliziert, Herrschaft dramatisch und die Grenze zwischen Geschichte, Legende, Propaganda, Verkleidung und Magie ungefähr so stabil ist wie ein Kartenhaus bei geöffnetem Fenster.
Dahinter stecken erstaunlich moderne Fragen.
Wer darf eigentlich Macht haben? Was macht jemanden zu einem legitimen Herrscher? Wann wird Ehrgeiz großartig und wann komplett größenwahnsinnig? Ist Wissen automatisch Weisheit? Und wie viel von Macht besteht möglicherweise daraus, überzeugend so zu tun, als hätte man alles unter Kontrolle?
Kurz gesagt: Renaissance, aber mit Themen, die auch heute noch problemlos eine Gruppendiskussion eskalieren lassen könnten.
Und dann kommt Saturn.
Saturn ist in diesem Kosmos nicht einfach der schlecht gelaunte Planet in der Ecke. Er bringt Zeit, Geduld, Begrenzung, Erinnerung, Konzentration und Konsequenzen mit. Im Grunde ist Saturn der Typ, der auf einer Party nichts sagt, dich aber so anschaut, dass du plötzlich über deine Lebensentscheidungen nachdenkst.
Unter diesem Blick verändern sich auch die vielen Waffen, Lasten und Feuerstellen der Karten. Ein Schwert ist dann nicht bloß „Schwert = Stärke, nächste Karte bitte“. Es kann ebenso Verantwortung mit sich bringen. Feuer kann zerstören, reinigen oder etwas verwandeln. Eine Last kann belasten – aber auch zeigen, was ein Mensch tatsächlich tragen kann.
Das Sola Busca scheint überhaupt wenig Interesse an eindimensionalen Figuren zu haben.
Hier ist ein Krieger nicht automatisch mutig, ein Herrscher nicht automatisch mächtig und ein Gelehrter nicht automatisch weise. Menschen beziehungsweise Kartenfiguren dürfen widersprüchlich sein. Stärke kann gefährlich werden. Ehrgeiz kann antreiben oder verschlingen. Schutz und Gewalt können unangenehm dicht nebeneinanderliegen.
Das macht diese alten Bilder erstaunlich lebendig.
Im Zentrum des Bandes stehen die 22 Trümpfe, die einzeln betrachtet werden. Dabei geht es nicht nur um Namen und mögliche historische Vorbilder. Kleidung, Körperhaltung, Blickrichtung, Gegenstände und kleine Details bekommen Aufmerksamkeit.
Und das ist nötig.
Denn beim Sola Busca hat man schnell das Gefühl, dass selbst ein herumstehender Topf etwas weiß, was man selbst noch nicht weiß.
Überhaupt: die Gefäße!
Sie entwickeln beinahe eine heimliche Nebenkarriere. Schalen, Behälter und merkwürdig technische oder rituell wirkende Objekte tauchen immer wieder auf. Sie können aufnehmen, bewahren, mischen oder verwandeln. Durch die Verbindung zu hermetischen und neuplatonischen Vorstellungen wird aus einem scheinbar simplen Behälter plötzlich ein möglicher Denkraum für Aufnahmefähigkeit, Reinigung und geistige Veränderung.
Das ist ungefähr der Moment, in dem man feststellt, dass man seit fünf Minuten über eine Renaissance-Schüssel nachdenkt.
Und es macht Spaß.
Denn nichts muss sofort mit einem endgültigen Etikett versehen werden. Nicht jede Schale enthält automatisch das Geheimnis des Universums. Nicht jedes Feuer bedeutet dasselbe. Sterne, Waffen, Werkzeuge und Gefäße verändern ihre Wirkung je nachdem, wo und bei wem sie auftauchen.
Dadurch beginnt man irgendwann, die Karten nicht mehr einzeln anzuschauen.
Sie scheinen miteinander zu reden.
Motive tauchen erneut auf. Gegenstände verändern ihren Zusammenhang. Eine Geste erinnert an eine andere Karte. Etwas, das zunächst völlig rätselhaft war, bekommt später plötzlich Gesellschaft – und damit eine neue Bedeutung.
Am Anfang steht Matus.
Man kann eine Verwandtschaft mit dem später bekannten Narren erkennen, doch Matus wird hier nicht einfach zum „Fool 1.0“ erklärt. Er wirkt vielmehr wie jemand am Anfang einer Reise: noch unfertig, beweglich, offen und unterwegs, ohne bereits zu wissen, welche historische, philosophische und möglicherweise ziemlich bewaffnete Gesellschaft gleich hinter der nächsten Ecke wartet.
Danach folgt keine hübsche Treppe Richtung Erleuchtung.
Zum Glück.
Stattdessen geht es durch Macht, Ehrgeiz, Ordnung, Gefahr, Verlust, Veränderung und Umkehr. Manche Gestalten könnten Vorbilder sein, andere Warnungen und wieder andere schauen einen bildlich gesprochen an und sagen: „Finde es selbst heraus.“
So entsteht aus den Großen Arcana beinahe eine Reise durch menschliche Möglichkeiten. Man tritt in die Welt, möchte etwas, kämpft um etwas, trifft auf Grenzen und muss irgendwann feststellen, dass Status, Rüstung und große Gesten nicht jede Frage beantworten.
Und genau deshalb ist dieses Buch besonders schön für Menschen, die bei Tarot nicht nur wissen wollen:
„Was bedeutet die Karte?“
Sondern:
„Warum sieht dieses verrückte Ding eigentlich so aus?“
Von dort führen die Wege überallhin. Zum Alexanderroman. Zu Astrologie und Saturn. Zu Hermetik und Neuplatonismus. Zu Renaissancepolitik, antiken Geschichten, Machtinszenierung und rätselhaften Gegenständen, die sich weigern, bloße Dekoration zu sein.
Man muss dafür auch nicht alles auf einmal verstehen.
Vielleicht ist das sogar die angenehmste Art, sich diesem Deck zu nähern: Karte anschauen, hängen bleiben, weiterlesen, etwas entdecken, Buch zuklappen – und drei Tage später beim Zähneputzen plötzlich denken:
Moment. Dieses Gefäß …
Das Sola Busca ist eben kein Tarot, das brav auf seinem Stuhl sitzt und wartet, bis man seine Bedeutung abgefragt hat.
Es rasselt mit Rüstungen.
Es zündet Feuer an.
Es holt Alexander den Großen aus der Überlieferung.
Es stellt Saturn in die Ecke.
Es verteilt geheimnisvolle Behälter im Raum.
Und dann schaut es zu, was man daraus macht.
„Das Sola Busca Tarot Band I – Die Großen Arcana“ lädt damit zu einer ungewöhnlichen Reise in eine Bildwelt ein, die gelehrt und wild, historisch und geheimnisvoll zugleich wirkt. Ein Buch für Tarotfans, Geschichtsnerds, Mythologie-Sammler, Symboljäger und alle Menschen, die beim Anblick eines 500 Jahre alten Kartenmotivs lieber fragen „Was zur Hölle passiert hier?“ als sich mit einer Drei-Wörter-Bedeutung zufriedenzugeben.
Und ganz nebenbei lernt man dabei vielleicht eine wichtige Sache:
Wenn dir in einem Renaissance-Tarot ein bewaffneter antiker Herrscher, Saturn und ein verdächtig bedeutungsvolles Gefäß gleichzeitig begegnen, solltest du vermutlich nicht weitergehen.
Du solltest genauer hinschauen.
