Das historische Rätsel um die Verwahrung des Sola Busca Tarot für 300 Jahre

Das Sola-Busca-Tarot gehört zu den größten historischen Rätseln der europäischen Kulturgeschichte. Obwohl das Deck um 1490–1491 entstand und als das älteste vollständig erhaltene Tarotdeck mit illustrierten Karten gilt, verschwand es nach seiner Entstehung für mehr als drei Jahrhunderte nahezu vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein. Die außergewöhnlich lange Phase seiner Verwahrung und Unsichtbarkeit wirft bis heute zahlreiche Fragen auf. Historische Quellen geben nur wenige Hinweise darauf, wo sich das Deck während dieser Zeit befand, wer Zugang dazu hatte und warum es niemals kopiert oder veröffentlicht wurde. Gerade diese lange verborgene Existenz trägt wesentlich zu seiner geheimnisvollen Aura bei.

Die ersten gesicherten Spuren führen in den kulturellen Kreis der italienischen Renaissance, insbesondere in das Spannungsfeld zwischen Venedig, Ferrara, Padua und den Marken. Dort existierten enge Verbindungen zwischen humanistischen Gelehrten, hermetischen Philosophen, Alchemisten, Kabbalisten und den Fürstenhöfen der Familie Este. Zahlreiche moderne Forscher vermuten deshalb, dass das Sola-Busca-Tarot ursprünglich nicht für den allgemeinen Spielgebrauch bestimmt war, sondern als luxuriöses Einzelstück oder als exklusives Lehr- und Meditationswerk für einen sehr kleinen Kreis gebildeter Auftraggeber entstand. Seine ungewöhnlich komplexe Bildsprache, die sich aus antiker Geschichte, Hermetik, Alchemie, Astrologie, Neuplatonismus und christlicher Mystik zusammensetzt, spricht gegen eine breite Nutzung und deutet auf eine hochgebildete Zielgruppe hin.

Nach dem Ende des 15. Jahrhunderts verliert sich jedoch jede eindeutige Spur des Decks. Weder Inventare bedeutender Bibliotheken noch die umfangreichen Kataloge der großen Renaissance-Sammlungen erwähnen das Sola-Busca-Tarot ausdrücklich. Auch in der Literatur über Tarot erscheint es über Jahrhunderte nicht. Während andere Tarotspiele immer wieder nachgedruckt und weiterentwickelt wurden, scheint das Sola-Busca-Deck vollständig aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden zu sein. Diese ungewöhnliche Stille hat zahlreiche Spekulationen hervorgerufen.

Eine der plausibelsten Erklärungen besteht darin, dass sich das Deck während dieser gesamten Zeit in einer privaten Adelsbibliothek oder Kunstsammlung befand. Renaissancefamilien wie die Este, die Gonzaga oder andere italienische Fürstenhäuser bewahrten zahlreiche Handschriften, Gemälde und wissenschaftliche Werke in ihren Privatarchiven auf, ohne dass diese jemals öffentlich zugänglich wurden. Solche Sammlungen gingen häufig durch Erbschaften, Heiraten oder politische Umbrüche in andere Privatbesitze über. Da Inventare oft unvollständig waren oder lediglich allgemeine Bezeichnungen verwendeten, konnte ein einzelnes Kartenspiel über Generationen hinweg nahezu unsichtbar bleiben.

Eine weitere Hypothese verbindet die lange Verwahrung mit dem außergewöhnlichen Inhalt des Decks. Viele moderne Interpretationen sehen im Sola-Busca-Tarot kein gewöhnliches Spiel, sondern ein komplexes ikonographisches Programm, das hermetische und alchemische Lehren verschlüsselt vermittelt. In einer Zeit, in der es immer wieder Spannungen zwischen kirchlicher Orthodoxie und esoterischen Strömungen gab, könnte eine bewusste Beschränkung des Zugangs sinnvoll gewesen sein. Allerdings existieren hierfür keine direkten historischen Belege. Es handelt sich um eine interpretative Möglichkeit, nicht um eine nachgewiesene Tatsache.

Ebenso wird diskutiert, ob das Deck ursprünglich als einzigartiges Kunstwerk geschaffen wurde. Jede Karte ist aufwendig von Hand koloriert, mit außergewöhnlicher Detailgenauigkeit ausgeführt und in ihrer Bildsprache erheblich komplexer als die meisten zeitgenössischen Tarotspiele. Der materielle Wert allein hätte bereits ausgereicht, um eine sorgfältige Aufbewahrung in einer privaten Kunstkammer zu rechtfertigen. Hinzu kommt, dass Luxusobjekte der Renaissance häufig nicht öffentlich gezeigt wurden, sondern ausschließlich ausgewählten Gästen oder Familienmitgliedern zugänglich waren.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts tritt das Sola-Busca-Tarot wieder eindeutig in Erscheinung. Es gelangte in den Besitz der Familie Sola Busca, nach der das Deck heute benannt ist. Über die Jahrhunderte davor ist jedoch nicht bekannt, wann oder auf welchem Weg die Familie das Werk erhielt. Der Name „Sola Busca“ bezeichnet daher nicht die ursprünglichen Auftraggeber oder Schöpfer des Decks, sondern seine letzten bekannten privaten Eigentümer. Auch diese Besitzgeschichte enthält erhebliche Lücken, die bislang nicht vollständig geschlossen werden konnten.

Einen Wendepunkt markierte das Jahr 1907, als das Deck erstmals vollständig fotografisch reproduziert wurde. Diese Veröffentlichung machte das bis dahin nahezu unbekannte Werk erstmals einem größeren Kreis von Kunsthistorikern, Sammlern und später auch Tarotforschern zugänglich. Ironischerweise hatte diese Publikation weitreichende Folgen für die Geschichte des Tarot insgesamt. Es gilt heute als sehr wahrscheinlich, dass die Designerin Pamela Colman Smith bei der Gestaltung der Kleinen Arkana des späteren Rider–Waite–Smith Tarot auf die Fotografien des Sola-Busca-Tarots zurückgreifen konnte. Dadurch beeinflusste ein jahrhundertelang verborgenes Renaissancewerk indirekt das heute weltweit bekannteste Tarotdeck.

Seit dem späten 20. Jahrhundert hat sich die kunsthistorische Forschung intensiv mit der Rekonstruktion der verlorenen Besitzgeschichte beschäftigt. Wissenschaftler untersuchen Wappen, Besitzvermerke, Inventare, Familienarchive und stilistische Zusammenhänge, um die Wanderung des Decks zwischen dem späten 15. und dem 19. Jahrhundert nachzuvollziehen. Dennoch bleibt dieser Zeitraum weitgehend im Dunkeln. Es gibt bislang keine lückenlose Provenienz, die erklärt, wo das Sola-Busca-Tarot über rund 300 Jahre aufbewahrt wurde.

Gerade diese historische Lücke macht einen wesentlichen Teil seiner Faszination aus. Das Sola-Busca-Tarot erscheint dadurch nicht nur als außergewöhnliches Kunstwerk der italienischen Renaissance, sondern auch als ein nahezu vollständig verborgenes Zeugnis hermetischer Gelehrsamkeit, das mehrere Jahrhunderte außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung überdauerte. Seine Wiederentdeckung wirkte deshalb wie die Öffnung einer Zeitkapsel: Ein nahezu unverändert erhaltenes Werk des ausgehenden Quattrocento trat nach Jahrhunderten der Unsichtbarkeit wieder ans Licht und eröffnete der modernen Forschung einen einzigartigen Einblick in die Bildwelt, Symbolik und Geistesgeschichte der italienischen Renaissance. Zugleich bleibt die Frage, wer das Deck über drei Jahrhunderte bewahrte und aus welchen Gründen es der Öffentlichkeit entzogen blieb, eines der faszinierendsten ungelösten Rätsel der Tarotgeschichte.