Die Empfängnis Alexanders des Großen nimmt in den hermetischen und symbolischen Deutungen des Sola-Busca-Tarots eine besondere Stellung ein, weil sie nicht lediglich als historisches oder mythologisches Ereignis verstanden wird, sondern als Chiffre für die Erschaffung eines außergewöhnlichen Menschen, dessen Herkunft zwischen menschlicher und göttlicher Sphäre angesiedelt ist. Peter Mark Adams und andere Vertreter einer hermetisch-alchemischen Interpretation des Sola Busca sehen in den zahlreichen Anspielungen auf Alexander nicht nur Hinweise auf den berühmtesten Feldherrn der Antike, sondern auf einen archetypischen Einweihungsweg, dessen Beginn bereits in den Legenden um seine Empfängnis angelegt ist. Die Geburt Alexanders erscheint damit als Symbol für die Inkarnation einer außergewöhnlichen geistigen Kraft, die dazu bestimmt ist, sowohl die materielle als auch die geistige Welt zu erobern.
Die historische Überlieferung berichtet, dass Alexander im Jahr 356 v. Chr. als Sohn des makedonischen Königs Philipp II. und der Königin Olympias geboren wurde. Bereits wenige Jahrzehnte nach seinem Tod entstanden jedoch zahlreiche Legenden, die seine Abstammung in den Bereich des Göttlichen erhoben. Besonders einflussreich wurde die sogenannte Alexander-Roman-Tradition, deren älteste Fassungen dem Pseudokallisthenes zugeschrieben werden. Dort wird erzählt, dass nicht Philipp, sondern der ägyptische Magier und letzte Pharao Nektanebos II. der eigentliche Vater Alexanders gewesen sei. Nektanebos erscheint als Meister der Astrologie, Magie und der heiligen Wissenschaften Ägyptens. Durch seine Kenntnisse der Sternenkonstellationen und magischen Rituale gewinnt er das Vertrauen der Königin Olympias.
Der Legende zufolge verkleidete sich Nektanebos mithilfe magischer Kunst als der Gott Ammon oder Zeus-Ammon, dessen Symbol der gehörnte Widder ist. In dieser göttlichen Gestalt besuchte er Olympias nachts und zeugte Alexander. Damit erhielt Alexander eine doppelte Abstammung: äußerlich blieb er Sohn des makedonischen Königs Philipp, innerlich jedoch galt er als Sohn einer göttlichen Macht. Diese Erzählung begründete den Anspruch Alexanders auf universale Herrschaft und machte ihn zum Bindeglied zwischen Himmel und Erde. Im Sola-Busca-Tarot besitzt diese Vorstellung eine tiefere symbolische Bedeutung, denn hier steht nicht die biologische Vaterschaft im Mittelpunkt, sondern die Idee, dass außergewöhnliche geistige Erkenntnis stets aus einer Verbindung des Irdischen mit dem Himmlischen hervorgeht.
Für hermetische Autoren verkörpert Nektanebos den Eingeweihten, der über das Wissen der Sterne verfügt und die Gesetze des Kosmos kennt. Seine Gestalt erinnert an den Magus, den Alchemisten oder den Hermetiker, der die verborgenen Kräfte der Natur beherrscht. Die Empfängnis Alexanders wird dadurch zum Bild einer spirituellen Initiation. Der Held wird nicht zufällig geboren, sondern entsteht aus einer bewussten Verbindung kosmischer Kräfte. In alchemischer Sprache entspricht dies der Coniunctio, der Vereinigung gegensätzlicher Prinzipien, aus der der Stein der Weisen oder der vollkommene Mensch hervorgeht.
Im Sola-Busca-Tarot wird Alexander daher weniger als historische Persönlichkeit verstanden als vielmehr als Verkörperung eines geistigen Prinzips. Seine Geburt symbolisiert das Erwachen eines höheren Bewusstseins, das dazu bestimmt ist, die Welt der Gegensätze zu überwinden. Die zahlreichen Krieger, Kaiser und antiken Helden der Großen Arkana erscheinen nicht bloß als militärische Herrscher, sondern als Stationen einer inneren Transformation. Alexanders Ursprung bildet den ersten Schritt dieser Entwicklung. Seine göttliche Empfängnis zeigt an, dass wahre Macht nicht aus weltlicher Herkunft entsteht, sondern aus einer höheren Ordnung des Kosmos.
Die astrologische Symbolik spielt dabei eine bedeutende Rolle. Nektanebos gilt in der Überlieferung als Astrologe, der den günstigsten Zeitpunkt für Alexanders Zeugung und Geburt berechnet. Dadurch wird Alexander selbst zu einem Kind der Sterne. Diese Vorstellung entspricht der Renaissance-Hermetik, nach der der Mensch unter bestimmten Planetenkonstellationen geboren wird und dadurch eine besondere Aufgabe im kosmischen Gefüge erhält. Im Sola Busca, dessen Bildsprache zahlreiche astrologische, planetarische und alchemische Motive enthält, verweist Alexanders Empfängnis daher auf die Idee eines Schicksals, das bereits vor der Geburt in den Sternen eingeschrieben ist.
Auch psychologisch besitzt diese Legende eine tiefere Bedeutung. Die göttliche Zeugung beschreibt die Geburt des heroischen Selbst. In der Sprache der Tiefenpsychologie könnte Alexander als Archetyp des Königs oder des Eroberers verstanden werden, dessen außergewöhnliche Fähigkeiten aus einer Verbindung des Bewusstseins mit transpersonalen Kräften hervorgehen. Die Erzählung von seiner Empfängnis beschreibt somit die Entstehung eines erweiterten Bewusstseins, das über gewöhnliche menschliche Möglichkeiten hinausweist.
Innerhalb der hermetischen Interpretation des Sola Busca wird die Empfängnis Alexanders außerdem als Hinweis auf den Ursprung der philosophischen Königsherrschaft verstanden. Alexander war Schüler des Aristoteles, doch seine mythische Abstammung verbindet ihn zugleich mit der ägyptischen Weisheit, den chaldäischen Sternenkünsten und der orphisch-pythagoreischen Tradition. Dadurch vereinigt seine Gestalt verschiedene Strömungen antiker Esoterik. Für Autoren wie Peter Mark Adams bildet Alexander deshalb den idealen Hermetiker-König, der weltliche Herrschaft mit geistiger Erkenntnis verbindet. Seine wundersame Empfängnis markiert den Beginn dieses Weges und verweist auf die Notwendigkeit, dass jede wahre Transformation mit einer inneren Geburt beginnt.
Insgesamt erscheint die Empfängnis Alexanders des Großen im hermetischen Deutungshorizont des Sola-Busca-Tarots als Symbol einer göttlich inspirierten Menschwerdung. Sie verbindet ägyptische Magie, griechische Mythologie, Astrologie, Alchemie und Einweihungstraditionen zu einem vielschichtigen Sinnbild der Geburt des spirituellen Helden. Alexander wird dadurch nicht allein zum historischen Welteroberer, sondern zum Bild des Menschen, der durch die Verbindung von kosmischer Weisheit und irdischer Existenz seine eigene innere Souveränität verwirklicht und den Weg der hermetischen Vollendung beschreitet.
