Der abnehmende Mond in Karte XII im Sola Busca Tarot

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Die Karte XII – CARBONE im Sola-Busca-Tarot gehört zu den besonders rätselhaften Darstellungen des Decks, weil sie eine Verbindung zwischen einer scheinbar historischen Figur, astrologischen Symbolen und einer tiefen kosmologischen Bildsprache herstellt. Der Name Carbone verweist auf den römischen Politiker und Volkstribunen Gaius Papirius Carbo, eine Gestalt aus der späten römischen Republik, doch im Sola Busca wird diese historische Person nicht im Sinne eines Porträts dargestellt. Wie bei den meisten Figuren des Decks wird der Name zu einem Träger einer viel umfassenderen symbolischen Konstruktion. Carbone steht nicht nur für eine historische Persönlichkeit, sondern für einen Zustand der Seele, eine kosmische Phase und einen bestimmten Typus von Wandlung.

Besonders auffällig ist auf der Karte der abnehmende Mond. Dieses Motiv ist von außerordentlicher Bedeutung, weil der Mond in der Renaissance nicht lediglich ein astronomisches Zeichen war, sondern eine lebendige kosmische Kraft innerhalb der astrologischen Weltordnung. Der Mond war die Sphäre des Wandels, der Geburt und des Verfalls, des Wassers, der Seele, der Erinnerung und der Imagination. Die Mondphase zeigte den Rhythmus kosmischer Kräfte an. Ein abnehmender Mond bezeichnet dabei nicht einfach Schwäche oder Verlust, sondern eine notwendige Phase der Rückführung und Transformation.

Der abnehmende Mond steht im Gegensatz zum zunehmenden Mond. Während der zunehmende Mond den Aufbau, die Vermehrung, die Entstehung und die Ausdehnung symbolisiert, verweist der abnehmende Mond auf den Weg zurück: auf Reinigung, Auflösung, Abgabe und Rückkehr zum Ursprung. In der hermetischen und alchemischen Symbolsprache entspricht dies dem Prinzip des Solve – der Auflösung der äußeren Form, damit die verborgene geistige Essenz freigesetzt werden kann.

Der Name Carbone besitzt dabei selbst eine starke symbolische Resonanz. „Carbo“ bedeutet im Lateinischen Kohle, verkohltes Holz, Glutrest. Kohle ist ein Stoff des Übergangs: Sie ist nicht mehr Holz, aber noch nicht vollständig Asche. Sie enthält gespeicherte Feuerkraft. Gerade in der alchemischen Symbolik ist Kohle ein wichtiges Bild für einen Zustand zwischen Tod und neuer Geburt. Das alte Material ist geschwärzt und scheinbar tot, doch in ihm bleibt die Möglichkeit des Feuers verborgen.

Diese Verbindung ist für Karte XII außerordentlich bedeutsam: Carbone ist der Zustand der schwarzen Phase der Transformation, der nigredo der Alchemie. Die Nigredo bezeichnet die erste Stufe des alchemischen Werkes: die Zersetzung, Schwärzung und Auflösung der alten Gestalt. Der Stoff muss „sterben“, bevor eine neue Form entstehen kann. Der abnehmende Mond verstärkt genau dieses Motiv: Das Licht zieht sich zurück, die äußere Erscheinung nimmt ab, aber im Inneren beginnt ein verborgener Prozess.

In diesem Zusammenhang besitzt der Mond auch eine enge Beziehung zur alchemischen Luna. Die Luna ist das Prinzip der Seele, der Feuchtigkeit und der Empfänglichkeit. Sie steht dem Sol, der Sonne, gegenüber. Während die Sonne das unveränderliche geistige Prinzip symbolisiert, zeigt der Mond die bewegliche, wandelbare Seite der Wirklichkeit. Ein abnehmender Mond kann daher bedeuten, dass die Seele sich von den äußeren Erscheinungen löst und in einen inneren Wandlungsprozess eintritt.

Die Karte XII – Carbone kann deshalb als Darstellung eines Mondrituals der Auflösung verstanden werden. Der Mensch befindet sich in einer Zwischenphase: Das alte Selbst verliert seine Kraft, aber das neue Selbst ist noch nicht geboren. Es ist ein Zustand der Schwelle, ähnlich den antiken Mysterien, in denen der Eingeweihte symbolisch sterben musste, bevor er eine höhere Erkenntnis erlangen konnte.

Hier entsteht eine wichtige Verbindung zu den Mysterienreligionen der Antike, insbesondere zu den Vorstellungen, die im Umfeld des Mithraskultes, des Neuplatonismus und der hermetischen Tradition wirksam waren. In diesen Systemen war der Mond die unterste Planetensphäre und zugleich das Tor zwischen der sichtbaren Welt und der unsichtbaren kosmischen Ordnung. Die Seele steigt durch die Sphären hinab in die Welt der Materie und muss den Weg zurück nach oben wieder antreten. Der Mond ist dabei die Grenze zwischen Himmel und Erde.

Die Karte Carbone kann daher als eine Darstellung des Abstiegs in die „mondhafte“ Welt der Veränderlichkeit verstanden werden. Der Mensch muss durch die Zone des Wandels hindurchgehen, um zur höheren Ordnung zurückzufinden. Der abnehmende Mond zeigt den Moment, in dem die Bindung an die äußere Welt schwächer wird.

Auch astrologisch besitzt der abnehmende Mond eine besondere Bedeutung. In der Renaissanceastrologie galt die Mondphase als entscheidend für die Qualität von Handlungen. Der abnehmende Mond war eine Zeit des Beendens, Entfernens, Reinigens und Zurücknehmens. Man begann weniger neue Projekte, sondern vollendete, löste oder entfernte. Übertragen auf die Seele bedeutet dies: Der Mensch muss Ballast abwerfen.

Im Kontext des Sola-Busca-Zyklus ist Carbone deshalb eine Karte des Rückzugs und der inneren Vorbereitung. Die großen Gestalten der vorhergehenden Karten verkörpern oft Macht, Herrschaft, Krieg, Ruhm und politische Handlung. Carbone führt in eine andere Dimension: in die verborgenen Prozesse, die nicht sichtbar sind. Es geht nicht mehr um äußere Größe, sondern um eine innere Umwandlung.

Eine besonders interessante Verbindung ergibt sich zur späteren Tarotkarte XII, Der Gehängte. Obwohl die Sola-Busca-Karte nicht einfach mit dieser späteren Karte gleichgesetzt werden darf, gibt es eine symbolische Nähe. Der Gehängte steht für Umkehrung, Stillstand und die Aufgabe der gewöhnlichen Perspektive. Carbone mit seinem abnehmenden Mond steht ebenfalls für einen Zustand, in dem die normale Aktivität zurücktritt und eine verborgene Transformation beginnt.

Im Rahmen einer hermetischen Lesart könnte Carbone XII daher folgendermaßen verstanden werden:

Carbone ist die Kohle vor dem neuen Feuer.
Der abnehmende Mond ist das Licht, das sich zurückzieht, damit ein inneres Licht entstehen kann.
Die Karte zeigt den notwendigen Tod einer alten Form, bevor eine neue Gestalt geboren werden kann.

Gerade diese Verbindung von Name, Materialsymbolik, Mondphase und alchemischer Transformation macht Carbone XII zu einer der tiefsten Karten des Sola-Busca-Tarots. Sie verkörpert nicht das Ende, sondern die verborgene Vorbereitung auf einen neuen kosmischen Zyklus. Der abnehmende Mond ist hier kein Zeichen des Verlustes, sondern das Zeichen einer geheimen Reifung im Dunkeln.