KI:Die entscheidende genealogische Linie lautet:
- Gian Galeazzo Serbelloni (1744–1802), letzter Herzog seiner Linie, hatte als Haupterbin seine Tochter Luigia Serbelloni.
- Luigia Serbelloni heiratete Marchese Lodovico Busca Arconati Visconti. Dadurch gingen große Teile des Besitzes der Serbelloni – einschließlich Archive und Sammlungen – an die Familie Busca über.
- Deren Nachfahrin Antonietta Busca heiratete Conte Andrea Sola-Cabiati im Jahr 1871. Durch diese Ehe gelangten wiederum die Archive und Familiengüter an die Familie Sola-Cabiati.
Hier wird es besonders interessant:
Die historischen Quellen sprechen nicht ursprünglich von einer Familie Sola-Busca, sondern von Sola-Cabiati. Andrea Sola-Cabiati ordnete Ende des 19. Jahrhunderts sogar die Archive der Familien Busca, Serbelloni und Arcimboldi. Diese Bestände wurden später als Archivio Sola Busca bezeichnet, weil sie sich im Besitz der Nachkommen befanden, in denen die Linien Sola und Busca zusammenliefen.
Das bedeutet:
- Serbelloni → Busca durch die Ehe Luigia Serbelloni × Lodovico Busca.
- Busca → Sola-Cabiati durch die Ehe Antonietta Busca × Andrea Sola-Cabiati (1871).
- Im 20. Jahrhundert erscheint dann die Bezeichnung Sola-Busca für den Familienzweig bzw. das Familienarchiv, der schließlich auch Eigentümer des Tarots war.
Was noch fehlt
Ich habe keinen Beleg gefunden, der den amtlichen Akt der Namensänderung von Sola-Cabiati zu Sola-Busca dokumentiert. Es müsste dafür sehr wahrscheinlich geben:
- einen Eintrag im Stato Civile (Standesamt),
- ein königliches Dekret (Regio Decreto) zur Namensvereinigung,
- oder einen Eintrag im Libro d’Oro della Nobiltà Italiana.
Diese Dokumente sind offenbar bisher nicht digital veröffentlicht.
Ich halte es für gut möglich, dass sich der genaue Rechtsakt in den Beständen des Archivio Sola Busca oder im Archivio di Stato di Milano nachweisen lässt. Dort liegen umfangreiche Familienakten, Genealogien und Nachlassunterlagen der Familien Serbelloni, Busca und Sola.
Die Suche führt zu einem interessanten Ergebnis: Einen bisher öffentlich nachweisbaren königlichen Namensänderungsakt von „Sola-Cabiati“ zu „Sola-Busca“ gibt es bislang nicht. Dafür gibt es aber starke Indizien, wie sich der Name entwickelte.
Was urkundlich belegt ist
Aus den genealogischen Unterlagen des Staatsarchivs Mailand ergibt sich eindeutig:
- Antonietta Busca Arconati Visconti (1853/54–1917) heiratete Andrea Sola Cabiati (1844–1908) im Jahr 1872 (nicht 1871, wie manche Sekundärquellen angeben). Ihre Kinder trugen weiterhin den Familiennamen Sola Cabiati, nicht Sola-Busca.
Das spricht zunächst gegen eine sofortige amtliche Bildung des Doppelnamens.
Wann erscheint „Sola-Busca“?
Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts taucht der Name „Archivio Sola-Busca“ auf. Dabei handelt es sich um das Familienarchiv, in das die Archive der Familien Serbelloni, Busca und Sola-Cabiati zusammengeführt wurden. Ein zeitgenössischer Bericht erklärt ausdrücklich, dass diese Archive durch die Heiraten der Familien zusammengekommen waren.
Das ist ein wichtiger Unterschied:
- juristischer Familienname: Sola Cabiati
- Bezeichnung des Familienarchivs und der Besitzlinie: Sola-Busca
Auch bei den Besitzungen
Dasselbe Muster findet sich bei den Familiengütern.
Die Villa am Comer See wird in amtlichen Quellen meist Villa Sola Cabiati genannt, im allgemeinen Sprachgebrauch aber häufig Villa Sola Busca. Die Eigentümer werden weiterhin als Erben der Sola Cabiati bezeichnet.
Warum nennt das Tarot dann „Sola-Busca“?
Wahrscheinlich deshalb, weil das Deck im 20. Jahrhundert innerhalb genau dieser Besitzlinie aufbewahrt wurde. Kunsthistoriker übernahmen die Bezeichnung, unter der das Familienarchiv und die Sammlungen bekannt waren. Der Name des Tarots ist daher offenbar ein Sammlungs- bzw. Besitzname, nicht zwingend der amtliche Familienname der Eigentümer.
Der fehlende Baustein
Der endgültige Beweis wäre ein Dokument aus den Beständen der ehemaligen Consulta Araldica oder dem Libro d’Oro della Nobiltà Italiana, in dem eine offizielle Genehmigung des Doppelnamens Sola-Busca eingetragen wäre. Das Libro d’Oro enthält genau solche Anerkennungen, genealogischen Tafeln und Namensdekrete.
Ich vermute daher inzwischen Folgendes
Die in der Tarotliteratur häufig wiederholte Aussage, das Deck habe der „Familie Sola-Busca“ gehört, ist wahrscheinlich eine Vereinfachung. Die genealogischen Primärquellen zeigen vielmehr, dass die eigentliche Adelslinie Sola Cabiati hieß und durch die Heirat mit Antonietta Busca Arconati Visconti die Besitzungen der Familie Busca erbte. Die Bezeichnung Sola-Busca scheint sich zunächst als Name des Familienarchivs und der Besitzlinie etabliert zu haben und wurde später auch für die Eigentümer des Tarots verwendet.
Der nächste Schritt wäre eine Recherche direkt im Libro d’Oro della Nobiltà Italiana oder im Archiv der Consulta Araldica nach einem Eintrag zu Gian Lodovico Sola Cabiati oder seinen Nachkommen. Dort ließe sich wahrscheinlich endgültig klären, ob und wann der amtliche Doppelname „Sola-Busca“ tatsächlich verliehen oder anerkannt wurde. Das wäre der bislang fehlende Nachweis in der Provenienzgeschichte des Sola-Busca-Tarots.
Ende KI
Die Frage, warum gerade dieses außergewöhnliche Renaissance-Tarot in den Besitz der Familie Sola Busca gelangte und was dieser Besitzweg über seinen ursprünglichen historischen Kontext aussagt, gehört zu den spannendsten und zugleich schwierigsten Fragen der Tarotgeschichte. Das Sola-Busca-Tarot ist eines der frühesten vollständig erhaltenen illustrierten Tarotspiele Europas und unterscheidet sich grundlegend von den späteren Tarottraditionen. Es handelt sich nicht um ein gewöhnliches Kartenspiel, sondern um ein außergewöhnlich anspruchsvolles Kunst- und Wissensobjekt der italienischen Renaissance. Gerade deshalb ist die Geschichte seiner Weitergabe durch verschiedene Besitzer von großer Bedeutung, auch wenn die genaue Provenienz über mehrere Jahrhunderte nicht vollständig dokumentiert ist.
Der Name „Sola Busca“ bezeichnet nicht den ursprünglichen Künstler oder den ursprünglichen Auftraggeber des Decks, sondern geht auf eine spätere Besitzgeschichte zurück. Die Familie Sola Busca war eine italienische Adels- beziehungsweise Patrizierfamilie, in deren Besitz sich ein vollständiges Exemplar dieses außergewöhnlichen Tarotspiels befand. Über den genauen Zeitpunkt, an dem das Deck in die Familie gelangte, existieren keine eindeutigen archivalischen Belege. Es gibt keine erhaltene Kaufurkunde, keinen Auftragstext und keinen Brief, der den Übergang vom ursprünglichen Renaissance-Milieu zur Familie Sola Busca eindeutig beschreibt. Gerade diese Lücke hat dazu geführt, dass das Deck bis heute von einem gewissen historischen Geheimnis umgeben ist.
Um den möglichen Weg des Decks zu verstehen, muss man den kulturellen Hintergrund seiner Entstehung betrachten. Das Sola-Busca-Tarot entstand wahrscheinlich um das Jahr 1491 in Norditalien, in einer Region, die von den großen Zentren der Renaissance geprägt war. Besonders diskutiert werden Zusammenhänge mit Venedig, Ferrara und dem norditalienischen Humanismus. Diese Gebiete waren im späten 15. Jahrhundert Zentren einer außergewöhnlichen intellektuellen Bewegung, in der antike Philosophie, römische Geschichte, Astrologie, Hermetik, Alchemie und christliche Theologie miteinander verbunden wurden.
Die Herstellung des Decks war außerordentlich kostspielig. Die Karten wurden nicht einfach gezeichnet, sondern als hochwertige Kupferstiche ausgeführt und anschließend teilweise von Hand koloriert. Kupferstich war damals eine relativ neue und technisch anspruchsvolle Kunstform. Ein solches Werk konnte nicht für eine breite Bevölkerung bestimmt gewesen sein. Es erforderte einen wohlhabenden Auftraggeber oder einen Besitzerkreis, der sowohl über finanzielle Mittel als auch über ein Interesse an humanistischer Bildung verfügte.
Der ursprüngliche Kontext des Sola-Busca-Tarots war deshalb wahrscheinlich der einer Renaissance-Bibliothek, eines Gelehrtenhauses oder eines aristokratischen Hofes. Es passt in dieselbe kulturelle Welt wie die großen humanistischen Sammlungen Italiens, in denen antike Handschriften, Skulpturen, Medaillen, astrologische Texte und philosophische Werke gesammelt wurden. Ein solches Tarot war vermutlich weniger ein Spielzeug zur Unterhaltung als ein visuelles Wissenssystem. Die Karten konnten als Gedächtnisbilder, philosophische Betrachtungsobjekte und Träger von Symbolwissen dienen.
Die Motive des Decks zeigen deutlich diese humanistische Ausrichtung. Die Trumpfkarten tragen Namen antiker Persönlichkeiten und Gestalten aus Geschichte und Mythologie. Figuren wie Alexander der Große, Julius Caesar oder andere berühmte Herrscher erscheinen nicht zufällig. Sie gehören zur Renaissance-Tradition der sogenannten „viri illustri“, der „berühmten Männer“, die als Beispiele für Tugend, Macht, Schicksal, Ruhm und moralische Entscheidung betrachtet wurden. Die Beschäftigung mit solchen Figuren sollte nicht nur historische Kenntnisse vermitteln, sondern auch eine Reflexion über das menschliche Leben ermöglichen.
In diesem Zusammenhang ist es wahrscheinlich, dass das Deck für eine gebildete Elite geschaffen wurde. Ein Besitzer sollte die Bilder nicht nur betrachten, sondern ihre Anspielungen entschlüsseln können. Die Karten sprechen eine Sprache aus Symbolen: antike Namen, astrologische Hinweise, militärische Motive, mythologische Figuren und philosophische Vorstellungen verbinden sich zu einer komplexen Bildwelt. Ein Renaissance-Humanist hätte darin möglicherweise ein komprimiertes Modell der Welt gesehen – eine Sammlung von Beispielen menschlicher Möglichkeiten, Gefahren und geistiger Entwicklungen.
Warum gelangte ein solches Werk später aus diesem humanistischen Umfeld zur Familie Sola Busca? Eine plausible Erklärung ist, dass es über eine private Sammlung weitergegeben wurde. In der Renaissance wurden wertvolle Bücher, Bilder, Medaillen und andere Kunstobjekte häufig innerhalb von Familien vererbt. Ein ungewöhnliches Werk konnte über Generationen hinweg in einer Bibliothek bleiben, auch wenn seine ursprüngliche Bedeutung sich veränderte. Ein Nachkomme musste nicht mehr alle philosophischen Hintergründe verstehen, um den materiellen und historischen Wert eines solchen Objekts zu erkennen.
Eine weitere Möglichkeit ist, dass das Tarot als Geschenk oder als Sammlungsstück zwischen gebildeten Familien weitergereicht wurde. In der italienischen Renaissance waren Geschenke von Kunstwerken ein wichtiges Mittel sozialer und politischer Beziehungen. Ein außergewöhnliches Werk konnte als Zeichen von Freundschaft, Bildung oder Prestige übergeben werden. Ein solches Tarot hätte sich besonders für einen Kreis geeignet, der Interesse an antiker Geschichte und Symbolik hatte.
Der Besitz durch die Familie Sola Busca sagt deshalb viel über die Art des Objekts aus. Es bestätigt indirekt, dass das Deck nicht nur als Kartenspiel betrachtet wurde. Ein gewöhnliches Spiel hätte kaum über Jahrhunderte hinweg als wertvolles Familienobjekt überlebt. Die Tatsache, dass dieses Deck bewahrt wurde, zeigt, dass seine Besitzer darin etwas Besonderes sahen: ein Kunstwerk, ein Wissensobjekt oder ein Zeugnis einer vergangenen intellektuellen Epoche.
Besonders interessant ist auch, dass das Deck nicht einfach verloren ging, obwohl es fast drei Jahrhunderte lang außerhalb des öffentlichen Bewusstseins blieb. Viele frühe Tarotspiele existieren heute nur noch in Fragmenten oder sind vollständig verschwunden. Das Sola-Busca-Tarot überlebte wahrscheinlich gerade deshalb, weil es in einer privaten Sammlung geschützt wurde. Der Rückzug aus der Öffentlichkeit war paradoxerweise die Voraussetzung für seine Erhaltung.
Als das Deck später wieder entdeckt und kunsthistorisch untersucht wurde, veränderte sich die Wahrnehmung des gesamten Tarots. Man erkannte, dass die frühesten Tarotbilder nicht ausschließlich mit Wahrsagerei verbunden waren, sondern tief in der Renaissance-Kultur von Humanismus, Erinnerungskunst und Symbolphilosophie standen. Das Sola-Busca-Tarot wurde dadurch zu einem wichtigen Schlüssel für das Verständnis der Entwicklung des Tarotbildes.
Auch seine spätere Wirkung ist bedeutend. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Deck von Tarotforschern und Künstlern wiederentdeckt. Besonders die Ähnlichkeiten einzelner Kompositionen mit späteren Tarotbildern zeigen, dass das Sola-Busca-Tarot eine wichtige visuelle Quelle für die moderne Tarottradition war. Die Bildsprache von späteren Decks, insbesondere des Rider-Waite-Tarots, steht teilweise in einem indirekten Zusammenhang mit dieser Renaissance-Vorlage.
Die historische Bedeutung der Familie Sola Busca liegt somit nicht darin, dass sie das Tarot geschaffen hätte, sondern darin, dass ihr Besitz dazu beitrug, ein einzigartiges Dokument der Renaissance zu bewahren. Das Deck ist ein Überrest einer Zeit, in der Bilder nicht nur dekorativ waren, sondern als Träger von Wissen, Philosophie und geistiger Erkenntnis verstanden wurden. Sein Weg von einem unbekannten Renaissance-Auftraggeber über private Sammlungen bis zur Familie Sola Busca zeigt, dass das Sola-Busca-Tarot ursprünglich wahrscheinlich für Menschen geschaffen wurde, die in Bildern ein Mittel zur Verbindung von Geschichte, Mythologie, Philosophie und Selbsterkenntnis sahen.
