Der Ausstellungskatalog „Il segreto dei segreti. I tarocchi Sola Busca e la cultura ermetico-alchemica tra Marche e Veneto alla fine del Quattrocento“

Der Ausstellungskatalog „Il segreto dei segreti. I tarocchi Sola Busca e la cultura ermetico-alchemica tra Marche e Veneto alla fine del Quattrocento“ stellt einen entscheidenden Wendepunkt in der modernen Erforschung des Sola-Busca-Tarots dar. Er entstand anlässlich der Ausstellung in der Pinacoteca di Brera in Mailand (13./14. November 2012 bis 17. Februar 2013), nachdem der italienische Staat 2009 das vollständige Sola-Busca-Spiel erworben und der Brera-Sammlung zugeführt hatte. Mit dieser Erwerbung wurde ein bis dahin nur fragmentarisch zugängliches Werk erstmals in seiner Gesamtheit der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht, was eine Neubewertung sowohl der ikonographischen als auch der kulturhistorischen Dimension ermöglichte.

Der zentrale Gedanke des Katalogs besteht darin, das Sola-Busca-Spiel nicht als Vorläufer moderner Wahrsagekarten oder als bloßes Kartenspiel zu betrachten, sondern als ein außergewöhnliches Zeugnis der spätquattrocentesken humanistischen Kultur, in der Kunst, Mythologie, antike Geschichte, Hermetik, Alchemie, Astrologie und philosophische Spekulation miteinander verbunden waren. Der Titel „Il segreto dei segreti“ („Das Geheimnis der Geheimnisse“) verweist dabei auf die mittelalterlich-renascentistische Vorstellung eines verborgenen Wissens, einer sapientia occulta, die nicht offen ausgesprochen, sondern durch Bilder, Symbole und allegorische Verschlüsselungen vermittelt wird. In diesem Sinne lässt sich der Katalog selbst als Teil einer interpretativen Tradition verstehen, die versucht, diese verschlüsselte Wissensform nicht vollständig zu „entschlüsseln“, sondern ihre Struktur und ihre kulturelle Einbettung sichtbar zu machen.

Der Katalog untersucht besonders die Frage, warum die 78 Karten des Sola-Busca-Tarots eine derart ungewöhnliche Bildsprache besitzen. Während die meisten italienischen Tarotspiele des 15. Jahrhunderts relativ traditionelle Tugenden, Gestalten des christlichen Kosmos und höfische Vorstellungen zeigen, enthält das Sola-Busca-Spiel eine komplexe Folge von Figuren aus der Antike: Kaiser, Helden, Philosophen und mythische Gestalten. Diese Figuren erscheinen jedoch nicht als bloße Illustrationen historischer Personen, sondern als Träger symbolischer Bedeutungen, die in gelehrten humanistischen Kreisen verstanden werden konnten. Hinzu kommen zahlreiche Symbole, die mit alchemischen Vorstellungen verbunden werden können: Gefäße, Pflanzen, Tiere, kosmische Zeichen, Feuer-, Wasser- und Metallmotive sowie Bilder der Transformation und Verwandlung. Gerade diese Kombination aus historischer Maskierung und symbolischer Übercodierung macht die besondere Rätselhaftigkeit des Spiels aus.

Ein Hauptanliegen der Ausstellung war die Neubewertung der künstlerischen und historischen Herkunft des Spiels. Die Forschung im Umfeld des Katalogs führte zu einer stärkeren Verbindung mit dem Maler und Kupferstecher Nicola di maestro Antonio aus Ancona, der als möglicher Schöpfer der Kupferstiche identifiziert wurde. Der Künstler erscheint als eine außergewöhnliche Persönlichkeit des späten 15. Jahrhunderts, dessen Werk zwischen höfischer Kunst, gelehrter Symbolik und einer bewusst rätselhaften Bildsprache steht. In ihm verdichten sich die Übergänge zwischen Werkstattpraxis, humanistischer Bildung und experimenteller Bildfindung, die für die kulturelle Dynamik dieser Epoche charakteristisch sind.

Besonders wichtig ist dabei die regionale Einordnung: Der Katalog verortet die Entstehung des Spiels im kulturellen Spannungsfeld zwischen den Marken (Marche) und dem Venetien des späten 15. Jahrhunderts. Diese Regionen waren Zentren des Renaissance-Humanismus, in denen sich venezianische Buchkultur, antike Studien, platonische Philosophie und esoterische Wissensformen begegneten. Die Nähe zu Venedig als einem der wichtigsten Druck- und Wissenszentren Europas legt nahe, dass das Sola-Busca-Tarot in einem Milieu entstand, das sowohl von der Verbreitung antiker Texte als auch von der Rezeption arabisch-lateinischer Wissenschaftstraditionen geprägt war. Das Sola-Busca-Tarot erscheint in diesem Zusammenhang als Produkt einer Zeit, in der gelehrte Kreise antike Texte, Hieroglyphen, Astrologie und hermetische Philosophie als Wege zu einer tieferen Erkenntnis der Welt betrachteten.

Die hermetisch-alchemische Dimension bildet den Kern des Katalogs. Dabei wird nicht behauptet, dass jede einzelne Karte eine eindeutige alchemische Chiffre besitzt, sondern untersucht wird, wie stark die Bildwelt des Spiels mit der Symbolsprache der Renaissance verbunden ist. Diese methodische Zurückhaltung ist zentral, da sie eine klare Trennung zwischen historisch plausiblen Kontexten und späteren Projektionen ermöglicht. Die Karten können aus dieser Perspektive als eine Art visuelles Kompendium betrachtet werden, in dem philosophische Vorstellungen über den Menschen, den Kosmos und die Möglichkeit einer inneren Verwandlung erscheinen. Besonders auffällig ist, dass viele Motive nicht isoliert stehen, sondern sich in Netzwerken von Bedeutungen entfalten, die auf Texte, Bilder und Diskurse der Zeit verweisen.

Der Bezug zur Alchemie liegt vor allem in der Idee der Transformation. Die alchemische Arbeit war im Renaissanceverständnis nicht nur eine technische Suche nach Gold, sondern auch ein Symbol für die Veredelung des Menschen. Der unvollkommene Stoff sollte gereinigt und in eine höhere Form überführt werden – ein Motiv, das auch in der humanistischen Vorstellung der perfectio hominis, der Vervollkommnung des Menschen, eine Rolle spielte. In diesem Sinne kann das Sola-Busca-Tarot als ein Medium verstanden werden, das nicht nur Wissen darstellt, sondern einen Prozess der Reflexion und Selbsterkenntnis anregt. Die Bildfolge könnte – zumindest hypothetisch – als eine Art initiatische Abfolge gelesen werden, in der verschiedene Stadien von Erkenntnis, Prüfung und Transformation angedeutet sind.

In dieser Hinsicht steht der Katalog nahe an einer Forschungslinie, die später auch Autoren wie Peter Mark Adams, Morena Poltronieri und Ernesto Fazioli sowie andere Sola-Busca-Interpreten weitergeführt haben: das Spiel als ein verschlüsseltes geistiges Werk zu verstehen, das Elemente des Hermetismus, Neuplatonismus und der Renaissance-Magie reflektiert. Allerdings bleibt die akademische Forschung vorsichtig und unterscheidet zwischen nachweisbaren historischen Zusammenhängen und späteren esoterischen Interpretationen. Gerade diese Spannung zwischen philologischer Strenge und interpretativer Offenheit macht die heutige Forschung zum Sola-Busca-Tarot besonders produktiv.

Ein weiterer wichtiger Punkt des Katalogs ist die Abgrenzung gegenüber der modernen Tarot-Wahrsagetradition. Das Sola-Busca-Tarot entstand rund zwei Jahrhunderte vor der französischen okkultistischen Tarot-Rezeption des 18. und 19. Jahrhunderts. Seine ursprüngliche Funktion lag nach heutiger Forschung eher im Bereich des intellektuellen Spiels, der Bildung und der symbolischen Kontemplation. Die Karten waren wahrscheinlich für ein gebildetes Publikum bestimmt, das Freude an Rätseln, Allegorien und gelehrten Anspielungen hatte. Damit rückt das Tarot in die Nähe anderer humanistischer Praktiken wie Emblembücher, allegorischer Dichtungen und gelehrter Spiele, die ebenfalls auf die aktive Mitwirkung des Betrachters angewiesen waren.

Der Katalog enthält neben wissenschaftlichen Essays auch die vollständige Wiedergabe der 78 Karten und stellt sie in den Kontext anderer Renaissancewerke. Dadurch wird sichtbar, dass das Sola-Busca-Spiel nicht isoliert entstanden ist, sondern Teil einer größeren Bildwelt war, die von antiken Münzen, humanistischen Handschriften, Triumphdarstellungen, astrologischen Diagrammen und allegorischen Kunstwerken geprägt wurde. Diese Kontextualisierung erlaubt es, einzelne Motive als Teil eines visuellen Vokabulars zu erkennen, das im kulturellen Gedächtnis der Zeit verankert war.

Für die heutige Sola-Busca-Forschung besitzt „Il segreto dei segreti“ deshalb eine besondere Bedeutung: Es verschiebt den Blick vom Tarot als Spielkarte hin zum Tarot als Renaissance-Kunstwerk und Träger einer komplexen Symbolsprache. Der Katalog bildet eine Brücke zwischen kunsthistorischer Forschung und der Untersuchung hermetischer Traditionen. Er gehört neben Arbeiten von Andrea Vitali, Ross Caldwell, Peter Mark Adams, Morena Poltronieri, Ernesto Fazioli und anderen zu den wichtigsten modernen Bezugspunkten für das Verständnis dieses einzigartigen Tarotspiels.

Aus einer hermetischen Binnenperspektive könnte man sagen: Das Sola-Busca-Tarot erscheint hier als ein „Buch ohne Worte“, ein liber mutus, dessen Bilder nicht nur Wissen darstellen, sondern den Betrachter zur inneren Betrachtung und zur Suche nach verborgenen Zusammenhängen führen sollen. Gerade in dieser Perspektive wird deutlich, dass das Spiel weniger als statisches Bedeutungsreservoir denn als dynamisches Erkenntnisinstrument verstanden werden kann. Die Karten fungieren als Auslöser eines Denkprozesses, der zwischen Anschauung, Interpretation und Selbstreflexion oszilliert. Genau diese Verbindung von Kunst, Mysterium und Erkenntnis ist der eigentliche Kern des „Segreto dei Segreti“.