Channeling im Sola Busca Tarot – eine esoterische und ikonologische Betrachtung

Das Sola Busca Tarot (entstanden um 1491 in Norditalien) ist eines der rätselhaftesten Tarotwerke der Renaissance. Es unterscheidet sich deutlich von späteren Tarottraditionen, weil seine 78 Karten nicht nur allegorische Tugenden und Laster darstellen, sondern ein komplexes Geflecht aus antiker Mythologie, Hermetik, Alchemie, Astrologie, Neuplatonismus und esoterischer Philosophie bilden. Der moderne Begriff „Channeling“ stammt zwar nicht aus der Renaissance, doch lässt sich das Sola Busca Tarot aus einer heutigen esoterischen Perspektive als ein Instrument verstehen, das eine Form von „Übermittlung“ oder „Vermittlung“ zwischen menschlichem Bewusstsein und transpersonalen Ebenen symbolisiert.

Im engeren historischen Sinn bedeutet Channeling die Vorstellung, dass ein Mensch als Kanal (channel) für eine nicht-alltägliche Intelligenz, ein geistiges Wesen, eine archetypische Kraft oder eine höhere Bewusstseinsebene dient. In der Renaissance existierten ähnliche Konzepte unter anderen Namen: inspiratio, furor divinus (göttliche Begeisterung), enthousiasmos, mantische Eingebung, daimonische Vermittlung oder die Tätigkeit des Genius. Besonders im platonischen und neuplatonischen Denken galt der Mensch nicht als Erfinder aller Erkenntnis, sondern als Empfänger und Übersetzer höherer Wirklichkeiten.

Gerade hier besitzt das Sola Busca Tarot eine bemerkenswerte Nähe zu Vorstellungen, die später mit Channeling verbunden wurden. Die Figuren der Karten erscheinen häufig nicht als gewöhnliche historische Personen, sondern als Träger von Funktionen und kosmischen Rollen. Viele Motive beziehen sich auf antike Herrscher, Philosophen, Götter, Helden und mythische Gestalten. Sie können als archetypische „Stimmen“ verstanden werden, durch die sich bestimmte geistige Prinzipien ausdrücken.

Ein wichtiges Element ist die Rolle des Vermittlers. In der platonischen Tradition nimmt der Daimon eine Zwischenstellung zwischen Göttern und Menschen ein. In Platons Denken, besonders im Dialog Symposion, ist Eros ein Daimon, der zwischen der göttlichen und der menschlichen Welt vermittelt. Auch die Vorstellung eines persönlichen Genius oder eines inspirierenden Geistes war in der Renaissance weit verbreitet. Der kreative Mensch empfängt Erkenntnis nicht ausschließlich durch logisches Denken, sondern durch eine Öffnung gegenüber unsichtbaren geistigen Kräften.

Im Kontext des Sola Busca Tarot kann das Kartenbild deshalb als eine Art symbolischer Kommunikationsraum betrachtet werden. Die Karte ist nicht nur ein Bild, sondern ein Medium, das eine Beziehung zwischen Betrachter und Symbolwelt herstellt. Der Nutzer des Decks „liest“ nicht lediglich Bedeutungen aus einer festen Ordnung heraus, sondern tritt in einen Dialog mit Bildern, Archetypen und mythologischen Strukturen.

Diese Vorstellung ähnelt modernen Konzepten der aktiven Imagination bei Carl Gustav Jung. Jung betrachtete Bilder aus dem Unbewussten nicht als bloße Fantasieprodukte, sondern als autonome psychische Inhalte, die eine eigene Dynamik besitzen können. Ein Bild kann den Menschen „ansprechen“, Antworten erzeugen und einen inneren Dialog auslösen. Aus einer tiefenpsychologischen Perspektive wäre das Sola Busca Tarot daher weniger ein Kanal zu äußeren Wesenheiten, sondern ein Medium zur Begegnung mit den archetypischen Tiefenschichten der Psyche.

Die alchemistische Dimension des Sola Busca verstärkt diese Interpretation. Die Alchemie arbeitete mit der Idee, dass sichtbare Materie und unsichtbare geistige Prozesse miteinander verbunden sind. Symbole, Metalle, Planeten und mythologische Figuren waren Ausdruck innerer Transformation. Der Alchemist „empfing“ Erkenntnis durch die Betrachtung von Bildern und Zeichen. Das Tarot kann in diesem Sinne als ein visuelles alchemistisches Labor verstanden werden, in dem Bewusstsein und Symbol miteinander reagieren.

Besonders auffällig ist die starke Präsenz von Figuren wie Alexander dem Großen, antiken Königen, Philosophen und mythischen Helden. Diese Gestalten erscheinen nicht nur als historische Personen, sondern als Träger bestimmter geistiger Kräfte: Macht, Erkenntnis, Initiation, Opfer, Transformation oder kosmische Ordnung. Der Betrachter begegnet also nicht einer Biografie, sondern einem archetypischen Wesen.

Die späteren okkulten Tarottraditionen des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelten diese Idee weiter. Autoren wie Éliphas Lévi und Mitglieder des Hermetic Order of the Golden Dawn interpretierten Tarotkarten zunehmend als Zugang zu verborgenen geistigen Lehren. Obwohl das Sola Busca Tarot ursprünglich nicht als modernes Channeling-System geschaffen wurde, wurde es durch diese späteren Entwicklungen in eine Tradition eingeordnet, in der Bilder als Träger okkulter Kommunikation verstanden werden.

Ein besonders interessantes Motiv ist die Vorstellung, dass der Künstler selbst eine Art „Kanal“ gewesen sein könnte. Die unbekannten Schöpfer des Sola Busca Tarot integrierten eine enorme Menge an Wissen: klassische Mythologie, astrologische Symbolik, philosophische Anspielungen und alchemistische Prozesse. Die Komplexität des Decks lässt vermuten, dass es für eine gebildete Renaissance-Elite geschaffen wurde, die in Symbolen eine Sprache höherer Erkenntnis sah.

Aus dieser Sicht kann das Sola Busca Tarot als eine Form von Renaissance-Channeling verstanden werden – nicht im Sinne moderner Medien, die Botschaften von Geistwesen empfangen, sondern als Prozess der Übermittlung kultureller, philosophischer und archetypischer Bedeutungen durch Bilder. Die Karten fungieren als Schwellenobjekte zwischen sichtbarer Welt und imaginaler Welt.

Hier entsteht eine Verbindung zu Henry Corbins Begriff des mundus imaginalis, der imaginalen Welt. Diese Welt ist weder reine materielle Realität noch bloße subjektive Fantasie, sondern ein symbolischer Zwischenbereich, in dem geistige Formen erscheinen können. Übertragen auf das Sola Busca Tarot wäre jede Karte ein Zugang zu einer solchen imaginalen Gestaltwelt.

Das „Channeling“ des Sola Busca Tarot besteht somit weniger darin, dass eine äußere Stimme durch den Menschen spricht, sondern darin, dass der Mensch durch konzentrierte Betrachtung eine Beziehung zu einer tieferen symbolischen Ordnung aufnimmt. Die Karten werden zu einem Medium zwischen Bewusstsein und Unbewusstem, zwischen Geschichte und Mythos, zwischen menschlicher Erfahrung und archetypischen Formen.

In einer modernen esoterischen Interpretation könnte man sagen: Das Sola Busca Tarot ist kein Orakel im einfachen Sinne, sondern ein Bilderkanal zur Renaissance-Welt des verborgenen Wissens. Seine Figuren sprechen nicht mit einer einzigen Stimme, sondern öffnen einen Raum, in dem verschiedene Ebenen von Bedeutung miteinander kommunizieren – philosophisch, psychologisch, mythologisch und spirituell.