Morena Poltronieri – Ernesto Fazioli – Sola Busca Tarot. An alchemical way in 78 paths

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Morena Poltronieri und Ernesto Fazioli – Sola Busca Tarot. An Alchemical Way in 78 Paths
Der Sola-Busca-Tarot als hermetisch-alchemischer Erkenntnisweg der Renaissance

Das Werk von Morena Poltronieri und Ernesto Fazioli stellt einen der konsequentesten Versuche dar, den Sola-Busca-Tarot als ein geschlossenes symbolisches System im Kontext der geistigen Kultur der italienischen Renaissance zu lesen. Dabei geht es nicht lediglich um eine ikonographische Entschlüsselung einzelner Karten, sondern um die Rekonstruktion eines kohärenten Denk- und Erfahrungsraumes, in dem Bild, Erkenntnis und Transformation untrennbar miteinander verbunden sind.

Der entscheidende interpretatorische Schritt der Autoren besteht darin, den Tarot nicht als statisches Bedeutungsarchiv zu begreifen, sondern als dynamisches Verfahren. Die 78 Karten erscheinen als ein „operativer Zyklus“, der den Betrachter nicht nur informiert, sondern verändert. In dieser Perspektive ist der Titel „An Alchemical Way in 78 Paths“ wörtlich zu nehmen: Jede Karte fungiert als ein eigenständiger Zugangspunkt, zugleich aber auch als Teil einer sequenziellen Ordnung, die eine innere Bewegung strukturiert.

Der Sola-Busca-Tarot und die visuelle Episteme der Renaissance

Um diese Lesart zu verstehen, ist die spezifische Bildkultur der Renaissance entscheidend. Bilder wurden im 15. Jahrhundert nicht primär als illustrative Ergänzungen von Texten verstanden, sondern als eigenständige Erkenntnismedien. In der Tradition der ars memoriae, wie sie etwa bei Giulio Camillo oder in den rhetorischen Schulen der Zeit gepflegt wurde, konnten Bilder als Speicher und Generatoren von Wissen fungieren.

Poltronieri und Fazioli implizieren, dass der Sola-Busca-Tarot in genau diesem Sinne gelesen werden kann: als ein visuelles Gedächtnissystem, das verschiedene Wissensbereiche – Geschichte, Mythologie, Astrologie, Ethik und Magie – in einer symbolischen Matrix zusammenführt. Die Karten sind nicht bloße Darstellungen, sondern „Gedankenräume“, in denen sich komplexe Bedeutungsfelder verdichten.

Hinzu tritt die in der Renaissance verbreitete Vorstellung einer Wirksamkeit von Bildern. In der sogenannten Bildmagie (magia imaginum) wurde angenommen, dass Bilder nicht nur repräsentieren, sondern reale Kräfte vermitteln oder aktivieren können. Diese Auffassung steht im Hintergrund der hermetischen Interpretation: Die Karten wirken nicht nur auf das Verständnis, sondern auf die Imagination – und damit auf die innere Struktur des Subjekts.

Der alchemische Prozess als Strukturprinzip

Die alchemische Lesart der 78 Karten ist bei Poltronieri und Fazioli nicht metaphorisch, sondern strukturell gemeint. Die Karten bilden kein loses Set von Allegorien, sondern entsprechen den Operationen eines opus alchymicum.

Dabei ist entscheidend, dass die klassische Vierphasenstruktur (Nigredo, Albedo, Citrinitas, Rubedo) nicht strikt linear auf einzelne Karten verteilt wird. Vielmehr durchziehen diese Qualitäten das gesamte Deck als wiederkehrende Modi. Bestimmte Karten verdichten jedoch jeweils charakteristische Momente:

Nigredo erscheint im Sola-Busca besonders intensiv in Szenen von Gewalt, Fragmentierung und Machtkampf. Anders als in späteren Tarottraditionen ist diese Phase nicht abstrahiert, sondern konkret historisiert: Kämpfer, Tyrannen, besiegte Figuren. Die Dunkelheit ist hier politisch und existentiell zugleich. Sie verweist auf die Desintegration von Ordnung, sowohl im Individuum als auch im Gemeinwesen.

Albedo manifestiert sich weniger als friedliche Harmonie, sondern als Prozess der Unterscheidung. Figuren, die Erkenntnis, Urteilskraft oder strategisches Denken verkörpern, stehen für eine Klärung, die durch Reflexion erreicht wird. Diese Phase ist eng mit der Renaissance-Idee der prudentia verbunden – einer praktischen Weisheit, die zwischen Möglichkeiten differenzieren kann.

Citrinitas, oft vernachlässigt in späteren alchemischen Systematisierungen, gewinnt hier besonderes Gewicht. Sie markiert das Auftreten eines „intelligiblen Lichts“. In den Karten lässt sich dies als zunehmende Integration von kosmischen, astrologischen oder göttlichen Referenzen lesen. Der Mensch erkennt sich als Teil einer größeren Ordnung.

Rubedo schließlich erscheint als Zustand der Verkörperung. Transformation bleibt nicht abstrakt, sondern manifestiert sich in Handlung, Herrschaft, Gestaltung. In dieser Phase verbinden sich virtus (Wirkkraft), sapientia (Weisheit) und potestas (Macht).

Die Trümpfe als Figuren der Virtus

Eine der originellsten Einsichten von Poltronieri und Fazioli liegt in der Deutung der Trümpfe als „Träger von Virtus“. Der lateinische Begriff meint nicht moralische Tugend im modernen Sinne, sondern eine wirksame Kraft, eine Qualität, die Handeln ermöglicht.

Die historischen und mythologischen Figuren des Sola-Busca-Tarot werden so zu Exempla: nicht als moralische Vorbilder im didaktischen Sinne, sondern als Verdichtungen spezifischer Kräfte.

Alexander (ALECXANDRO M.) verkörpert nicht nur Eroberung, sondern die expansive Dynamik des Intellekts, der Grenzen überschreitet. Entscheidend ist dabei die Verbindung von militärischer Energie und philosophischer Bildung – ein klassisches Renaissance-Ideal.

Amone (Zeus-Ammon) verweist auf die Einheit verschiedener religiöser Traditionen und damit auf die hermetische Idee einer prisca theologia, einer ursprünglichen Weisheit, die allen Kulturen zugrunde liegt.

Natanabo (Nektanebos) fungiert als Figur des Magiers und Astrologen. Er steht für die Fähigkeit, die verborgenen Strukturen der Welt zu erkennen und aktiv zu nutzen. In ihm kulminiert das Ideal des Renaissance-Weisen, der Wissenschaft, Magie und Politik verbindet.

Diese Figuren sind nicht nur historische Referenzen, sondern funktionale Elemente eines Initiationsweges: Der Betrachter begegnet unterschiedlichen Formen von Macht, Erkenntnis und Irrtum – und muss sich zu ihnen verhalten.

Die kleinen Arkana als dynamisches System

Während viele Tarotinterpretationen die kleinen Arkana marginalisieren, sehen Poltronieri und Fazioli gerade in ihnen die operative Dimension des Decks. Sie strukturieren die konkreten Prozesse, durch die Transformation geschieht.

Die vier Farben lassen sich als Grundkräfte verstehen, die sowohl kosmisch als auch anthropologisch sind. Ihre Bedeutung ergibt sich nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel:

Stäbe repräsentieren die initiale Energie, den Impuls, der Bewegung erzeugt.
Schwerter stehen für Differenzierung und Konflikt – sie schneiden, trennen und klären.
Kelche ermöglichen Verbindung, Aufnahme und Transformation auf der Ebene der Seele.
Münzen verankern Prozesse in der materiellen Realität.

Die Zahlenkarten beschreiben dabei keine abstrakten Stufen, sondern konkrete Übergänge: von Möglichkeit zu Manifestation, von Einheit zu Vielheit, von Stabilität zu Krise und schließlich zu einer neuen Ordnung.

In dieser Perspektive lässt sich das gesamte Deck als eine Art „symbolischer Mechanismus“ lesen, in dem verschiedene Kräfte kombiniert, getrennt und wieder vereinigt werden.

Hermetik, Neuplatonismus und die Idee der Vermittlung

Die hermetische Dimension des Sola-Busca-Tarot zeigt sich besonders deutlich in der Vorstellung des Menschen als Mittlerwesen. Diese Idee ist zentral für Autoren wie Ficino, Pico oder Lazzarelli.

Der Mensch steht zwischen Himmel und Erde, Geist und Materie. Seine Aufgabe besteht nicht darin, sich aus der Welt zurückzuziehen, sondern die verschiedenen Ebenen miteinander zu verbinden. Erkenntnis ist daher immer auch Transformation.

Poltronieri und Fazioli legen nahe, dass der Sola-Busca-Tarot genau diese Vermittlungsfunktion visualisiert. Die Karten zeigen keine statische Hierarchie, sondern ein Netzwerk von Beziehungen. Jede Figur, jedes Symbol ist Teil eines größeren Zusammenhangs.

Der imaginale Raum und die Praxis der Betrachtung

Ein besonders fruchtbarer Zugang ergibt sich aus der Idee des imaginalen Raumes. Die Karten können als Schwellenbilder verstanden werden: Sie eröffnen einen Raum, in dem sich innere und äußere Realität überlagern.

Die Betrachtung einer Karte wird so zu einer Praxis. Der Betrachter ist nicht passiv, sondern beteiligt sich aktiv an der Bedeutungsbildung. In diesem Sinne fungiert der Tarot als ein Instrument der Selbstreflexion und der Imagination.

Diese Perspektive erlaubt es auch, den Sola-Busca-Tarot von rein historischen oder ikonographischen Fragestellungen zu lösen, ohne diese zu negieren. Er wird zu einem „Arbeitsgerät“ im hermetischen Sinne – ein Medium, durch das Erkenntnis erzeugt wird.

Einordnung im Forschungskontext

Im Vergleich zu anderen modernen Interpretationen – insbesondere zu Peter Mark Adams – zeigt sich eine unterschiedliche Gewichtung. Während Adams stärker auf rituelle Praxis, visuelle Kultur und Bewusstseinsveränderung fokussiert, betonen Poltronieri und Fazioli die innere Logik des symbolischen Systems.

Beide Ansätze lassen sich jedoch produktiv miteinander verbinden: Adams liefert den kulturhistorischen und performativen Kontext, Poltronieri und Fazioli die strukturelle und initiatische Grammatik.

Der Sola-Busca-Tarot erscheint so nicht als isoliertes Artefakt, sondern als Schnittpunkt verschiedener Renaissance-Diskurse: Hermetik, Alchemie, politische Theorie, Gedächtniskunst und Bildmagie.

In dieser erweiterten Perspektive wird verständlich, warum das Deck eine solche ikonographische Dichte besitzt. Es ist nicht einfach ein Kartenspiel, sondern ein komplexes Instrument der Welt- und Selbsterkenntnis – ein visuelles Kompendium jener Suche nach Einheit von Wissen, Macht und Transformation, die die Renaissance in besonderer Weise geprägt hat.