Partizipatorische Imagination – Mundus Imaginalis im Sola Busca Tarot

Das Konzept der Participatory Imagination (partizipatorische Imagination) und der von Henry Corbin geprägte Begriff des Mundus Imaginalis bieten einen modernen hermeneutischen Zugang, um das Sola Busca Tarot nicht nur als historische Bildersammlung oder als Vorläufer des modernen Tarot zu betrachten, sondern als eine symbolische Erfahrungswelt, in der Bilder, Archetypen und Bewusstsein in eine wechselseitige Beziehung treten. Das Sola Busca Tarot, entstanden vermutlich in den 1490er Jahren in Norditalien, gehört zu den frühesten vollständig illustrierten Tarotspielen und unterscheidet sich von späteren Tarotsystemen dadurch, dass seine Karten eine komplexe Folge von mythologischen, historischen und esoterischen Figuren darstellen. Es kann daher als eine Art visuelles Erkenntnisinstrument verstanden werden, in dem der Betrachter nicht nur Bedeutungen entschlüsselt, sondern in einen imaginativen Dialog mit den Bildern eintritt.

Der Begriff Mundus Imaginalis stammt aus der Forschung von Henry Corbin, der ihn vor allem aus der islamischen Philosophie und Mystik, insbesondere aus der Tradition von Ibn Arabi und der schiitischen Imaginationstheologie entwickelte. Corbin unterschied zwischen der rein materiellen Welt (mundus sensibilis) und der abstrakten geistigen Welt (mundus intelligibilis) eine dritte ontologische Ebene: die imaginale Welt (mundus imaginalis). Diese Welt ist nicht bloße Fantasie oder subjektive Einbildung, sondern eine Zwischenwirklichkeit, in der geistige Inhalte Gestalt annehmen können. Symbole, Engel, archetypische Figuren und visionäre Bilder besitzen dort eine eigene Wirklichkeitsebene.

Übertragen auf das Sola Busca Tarot bedeutet dies, dass die Kartenbilder nicht lediglich Illustrationen bereits bekannter Ideen sind. Sie können als imaginale Tore verstanden werden, durch die der Betrachter mit einer symbolischen Realität in Beziehung tritt. Die Figuren – etwa Alexander der Große, mythologische Helden, antike Philosophen, astrologische Wesen und allegorische Gestalten – erscheinen dann nicht nur als historische oder literarische Referenzen, sondern als lebendige Formen des Bewusstseins. Sie verkörpern psychische, kosmische und spirituelle Kräfte, die durch die Betrachtung aktiviert werden können.

Die Participatory Imagination geht noch einen Schritt weiter. Sie steht in Verbindung mit neueren Ansätzen der Tiefenpsychologie, der transpersonalen Psychologie und der partizipatorischen Weltanschauung, wie sie etwa von Jorge N. Ferrer vertreten wurde. Dabei wird Imagination nicht als rein innerer Vorgang eines isolierten Ichs betrachtet, sondern als ein Beziehungsereignis zwischen Mensch, Bild und Welt. Das Bild wird nicht einfach vom Menschen erzeugt und kontrolliert; vielmehr entsteht im imaginativen Prozess eine Begegnung, in der das Bild eine gewisse Eigenaktivität entfalten kann.

Diese Vorstellung besitzt große Nähe zur Methode der Aktiven Imagination von Carl Gustav Jung. Jung betrachtete innere Bilder nicht als bloße Fantasieprodukte, sondern als Ausdruck einer tieferen psychischen Realität. In der aktiven Imagination tritt der Mensch in einen bewussten Dialog mit inneren Gestalten, Symbolen und archetypischen Figuren. Beim Sola Busca Tarot könnte eine solche Arbeit bedeuten, eine Karte nicht nur zu interpretieren, sondern mit ihr in einen imaginativen Dialog einzutreten: Was sagt die Figur? Welche Haltung nimmt sie ein? Welche Transformation fordert sie vom Betrachter?

Der Unterschied zwischen Aktiver Imagination und Participatory Imagination liegt vor allem in der philosophischen Grundannahme. Bei Jung bleibt der Schwerpunkt stärker auf der Psyche und dem Individuum: Die Bilder entstehen aus den Tiefenschichten des kollektiven Unbewussten. Die partizipatorische Perspektive erweitert dies, indem sie annimmt, dass der Mensch nicht allein Produzent der Bedeutung ist. Die Bedeutung entsteht in einer dynamischen Begegnung zwischen Bewusstsein, Symbol, kulturellem Gedächtnis und möglicherweise einer transpersonalen Dimension.

Das Sola Busca Tarot eignet sich besonders für diesen Ansatz, weil seine Kartenwelt keine einfache lineare Erzählung bildet. Die Motive wirken wie Fragmente einer Renaissance-Mysterienlandschaft, in der platonische Philosophie, Hermetik, Astrologie, Alchemie, antike Mythologie und christliche Symbolik miteinander verschmelzen. Der Betrachter bewegt sich durch eine symbolische Kosmologie, ähnlich wie ein Initiand durch eine Folge von Bildern und Prüfungen. Die Karten können als Schwellen verstanden werden, an denen sich ein Übergang zwischen gewöhnlichem Bewusstsein und imaginaler Erfahrung vollzieht.

Besonders bedeutsam ist hierbei die Rolle der Renaissance-Imagination. In der neuplatonischen Tradition von Marsilio Ficino wurde die Imagination als Vermittlungsinstanz zwischen Mensch und Kosmos verstanden. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, kosmische Kräfte aufzunehmen und durch Bilder, Symbole und Rituale wirksam werden zu lassen. Die Vorstellung einer „magischen“ oder „kosmischen“ Imagination war in der Renaissance weit verbreitet und bildete einen geistigen Hintergrund, vor dem Werke wie das Sola Busca Tarot entstanden sein könnten.

Aus dieser Perspektive erscheint das Sola Busca Tarot als ein imaginales Laboratorium. Jede Karte stellt eine Begegnungszone dar: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Mythos und Psychologie, Kosmos und Individuum. Die Figuren sind keine starren Zeichen mit festen Bedeutungen, sondern lebendige symbolische Wesenheiten innerhalb eines imaginalen Raumes. Der Nutzer oder Betrachter nimmt nicht nur Informationen auf, sondern beteiligt sich an einem kreativen Erkenntnisprozess.

Die Idee der Participatory Imagination im Sola Busca Tarot kann deshalb als eine moderne Weiterentwicklung jener Renaissance-Auffassung verstanden werden, dass Bilder Träger von Kräften und Erkenntnisformen sein können. Die Karten funktionieren weniger wie ein Wörterbuch symbolischer Bedeutungen, sondern eher wie ein Dialograum zwischen menschlichem Bewusstsein und einer tieferen symbolischen Ordnung. Der Betrachter wird zum Teilnehmer eines Prozesses, in dem sich Bedeutung ereignet.

Im Sinne Corbins wäre das Sola Busca Tarot somit kein bloßes Fantasieprodukt, sondern ein Zugang zum mundus imaginalis: einer Zwischenwelt, in der mythologische Figuren, archetypische Gestalten und kosmische Symbole eine eigene Wirklichkeit besitzen. Im Sinne der Participatory Imagination ist diese Welt jedoch nicht vollständig unabhängig vom Menschen, sondern entsteht in der lebendigen Beziehung zwischen Bild und Bewusstsein. Das Tarot wird dadurch nicht nur gelesen – es wird erfahren. Es wird zu einem Medium einer imaginativen Begegnung, in der der Mensch mit einer symbolischen Welt kommuniziert, die ihn zugleich spiegelt und verwandelt.