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XXI – Nabuchodenasor
Nabuchodenasor steht für Vollendung, Ganzheit, Integration und das Erreichen eines umfassenderen Bewusstseins. Nach Nenbroto, dem Erwachen und dem inneren Ruf, kommt nun die Karte des abgeschlossenen Zyklus: Was lange entwickelt, geprüft, verloren, erkannt und neu begonnen wurde, findet zu einer vorläufigen Ganzheit zusammen.
Die Karte beschreibt den Zustand, in dem verschiedene Erfahrungen nicht mehr als voneinander getrennte Ereignisse erscheinen. Vergangenheit und Gegenwart, Erfolge und Niederlagen, Erkenntnisse und Fehler werden zu Teilen einer größeren Geschichte. Nabuchodenasor steht daher für Integration: Man nimmt das gesamte Erlebte an und erkennt darin einen Zusammenhang.
Es geht nicht darum, dass nun alles perfekt ist. Vollendung bedeutet hier vielmehr, dass ein wesentlicher Entwicklungsweg zu einem natürlichen Abschluss gekommen ist. Etwas ist gelernt worden. Eine bestimmte Form des Lebens, Denkens oder Handelns hat ihre Aufgabe erfüllt.
Nabuchodenasor kann deshalb auf Erfolg und Erfüllung hinweisen. Ein lange verfolgtes Ziel kann erreicht werden, ein Projekt kann abgeschlossen werden oder man erkennt, dass eine schwierige Lebensphase tatsächlich überwunden wurde.
Doch der tiefere Erfolg der Karte liegt nicht unbedingt im äußeren Ergebnis. Es geht um das Gefühl:
„Ich bin durch all das hindurchgegangen – und ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie zuvor.“
Die Karte steht damit für eine Form von Reife. Die Erfahrungen des gesamten Zyklus werden nicht einfach vergessen. Sie werden zu Wissen, Charakter und innerer Stabilität.
Nabuchodenasor besitzt außerdem eine starke Verbindung zu Welt und Ganzheit. Die eigene Entwicklung findet nicht isoliert statt. Man erkennt sich als Teil größerer Zusammenhänge – einer Familie, Gemeinschaft, Kultur, Geschichte oder Welt.
Das kann zu einem erweiterten Bewusstsein führen. Was früher nur aus der eigenen Perspektive betrachtet wurde, kann nun aus größerer Distanz verstanden werden. Man sieht nicht mehr nur den einzelnen Konflikt, sondern das gesamte Muster.
In einer Legung kann Nabuchodenasor deshalb für Abschluss, Erfolg, Reise, Welt, Integration und einen erfüllten Entwicklungszyklus stehen. Eine lange Angelegenheit kann zu ihrem Ende kommen. Ein Lebensabschnitt kann abgeschlossen werden, sodass ein neuer beginnen kann.
Auch das Thema Heimkehr kann hier symbolisch verstanden werden. Nach einem langen Weg kehrt man zu sich selbst zurück – allerdings nicht an den Ausgangspunkt. Man kommt zurück mit Erfahrungen, die vorher noch nicht vorhanden waren.
Die Schattenseite der Karte besteht in der Schwierigkeit, einen Zyklus tatsächlich abzuschließen. Man kann immer weiter nach dem nächsten Ziel suchen und dadurch übersehen, dass bereits etwas erreicht wurde.
Daraus können Rastlosigkeit und Perfektionismus entstehen. Man glaubt, erst dann vollständig zu sein, wenn noch ein weiteres Ziel erreicht wurde. Nabuchodenasor erinnert daran, dass Vollendung nicht bedeutet, dass nichts mehr fehlt. Sie bedeutet, das Vorhandene als vollständig genug anzuerkennen.
Eine weitere Schattenseite ist das Gefühl, über anderen zu stehen, weil man einen Entwicklungsweg durchlaufen hat. Aus Erkenntnis kann Stolz entstehen. Aus Ganzheit kann die Illusion entstehen, nun alle Antworten zu kennen.
Gerade deshalb ist die eigentliche Reife dieser Karte mit Demut verbunden. Wer den gesamten Weg betrachtet, erkennt auch, wie viele Dinge außerhalb der eigenen Kontrolle lagen.
Die Beziehung zu Nenbroto ist besonders wichtig:
Nenbroto sagt: „Erwache und höre deinen Ruf.“
Nabuchodenasor sagt: „Erkenne, wohin dich dieser Ruf geführt hat.“
Nenbroto ist der Moment des Erwachens. Nabuchodenasor ist die Integration des gesamten Weges.
Damit schließt sich der große Zyklus:
I – Panfilio – Wille und Initiative
II – Postumio – Wissen und Erfahrung
III – Lenpio – Wachstum und Schöpfung
IV – Mario – Ordnung und Stabilität
V – Catulo – Werte und Lehre
VI – Tarquin Sesto – Wahl und Begehren
VII – Deo Tauro – Bewegung und Umsetzung
VIII – Nerone – Kraft und Selbstbeherrschung
IX – Falco – Rückzug und Erkenntnis
X – Venturio – Wandel und Schicksal
XI – Tulio – Gerechtigkeit und Konsequenz
XII – Carbone – Hingabe und Perspektivwechsel
XIII – Catone – Ende und Transformation
XIV – Bocho – Ausgleich und Integration
XV – Metelo – Begehren und Bindung
XVI – Olivo – Zusammenbruch und Befreiung
XVII – Ipeo – Hoffnung und Erneuerung
XVIII – Lentulo – Intuition und verborgene Wahrheit
XIX – Sabino – Klarheit und Lebensfreude
XX – Nenbroto – Erwachen und Berufung
XXI – Nabuchodenasor – Vollendung und Ganzheit
Nabuchodenasor ist damit der Abschluss des großen Entwicklungsbogens. Der Mensch hat gelernt zu wollen, zu wissen, zu erschaffen, zu entscheiden, zu handeln, sich selbst zu beherrschen, nach innen zu schauen, Wandel anzunehmen, Verantwortung zu übernehmen, loszulassen, sich zu verändern, zu hoffen, der eigenen Intuition zu folgen, Klarheit zu gewinnen und schließlich zu erwachen.
Nun geht es darum, all diese Erfahrungen zu einem Ganzen zu verbinden.
Und genau darin liegt die Besonderheit von XXI: Das Ende ist gleichzeitig die Voraussetzung für den nächsten Anfang. Sobald ein Zyklus vollständig integriert wurde, kann ein neuer Zyklus auf einer höheren Ebene beginnen.
Die zentrale Frage lautet:
„Kannst du deinen gesamten Weg annehmen – mit seinen Siegen, Verlusten, Fehlern und Erkenntnissen – und erkennen, wer du dadurch geworden bist?“
Für eine Legung lässt sich Nabuchodenasor auf Vollendung, Ganzheit, Abschluss, Erfolg, Integration, Erfüllung, Reife, Welt und Heimkehr verdichten. Als Schatten stehen Unfähigkeit zum Abschluss, Rastlosigkeit, Perfektionismus, Überheblichkeit und das Gefühl, niemals wirklich angekommen zu sein gegenüber.
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XXI – Nabuchodenasor
Nabuchodenasor, der einundzwanzigste und abschließende Trumpf, bezeichnet die Welt als vollendeten Zusammenhang. Nach dem Ruf des XX – Nenbroto ist die Seele nicht mehr aus der Welt herausgerufen, sondern in einer verwandelten Weise in sie zurückgestellt. Die Bewegung des gesamten Zyklus erreicht hier ihre äußerste Ausdehnung: Was zunächst als Trennung, Prüfung, Tod, Bindung, Zerstörung, Vision, Dunkelheit und Wiedergeburt erschien, wird nun als ein einziges Ganzes erkennbar.
In der späteren Tarotordnung entspricht XXI der Welt. Im Bild der Welt wird der Zyklus nicht durch ein Ende im Sinne eines Abbruchs abgeschlossen, sondern durch eine Form der Totalität. Die vier kosmischen Wesen an den Ecken, die zentrale Gestalt, der Kreis und die Bewegungsdynamik bilden gemeinsam eine Ikonographie, in der Himmel, Erde, Mensch und Zeit aufeinander bezogen sind.
Dass der letzte Trumpf der Sola-Busca-Folge den Namen Nabuchodenasor trägt, ist dabei von außerordentlicher Bedeutung. Nebukadnezar ist der große König, der Herrscher Babylons, der Eroberer, der Erbauer und zugleich derjenige, dessen Macht in der biblischen Überlieferung an der Grenze zwischen menschlicher Herrschaft und göttlicher Ordnung zerbricht. Gerade dadurch wird er zum geeigneten Träger der letzten Karte: Der Mann, der die Welt besitzen wollte, muss am Ende erkennen, dass die Welt nicht besessen werden kann.
Das Ende ist die Welt
XXI ist keine Karte des Verschwindens.
Sie ist eine Karte der Rückkehr.
Der Weg, der mit dem Verlust des Alten begann, endet nicht in einer Flucht aus der Welt, sondern in ihrer Wiedererkennung.
Die Welt ist dieselbe.
Aber die Seele ist eine andere.
Das ist der entscheidende Sinn der Vollendung.
Von Nenbroto zu Nabuchodenasor
XX hatte den Menschen aus dem Grab gerufen.
XXI zeigt, was danach geschieht.
Der Auferstandene bleibt nicht zwischen Leben und Tod stehen.
Er tritt in die Welt zurück.
Doch nun sieht er sie nicht mehr als Ansammlung getrennter Dinge.
Er sieht Zusammenhang.
Der Ruf hat ihn aus seiner alten Identität gelöst.
Die Welt gibt ihm nun einen größeren Ort.
Der Kreis
Das zentrale Symbol von XXI ist der Kreis.
Der Kreis besitzt weder Anfang noch Ende.
Er bezeichnet Totalität, Wiederkehr und Vollständigkeit.
Der Weg der Trümpfe war linear.
Die Erkenntnis ist es nicht.
Was als Ende erscheint, führt zurück zum Anfang.
Die Welt ist daher zugleich Abschluss und Ursprung.
Der kosmische Ring
Der Kreis kann als kosmische Sphäre gelesen werden.
Alles innerhalb des Kreises gehört zu einer Ordnung.
Die zentrale Gestalt bewegt sich darin frei.
Sie ist nicht gefangen.
Das ist entscheidend.
Ein Kreis kann Gefängnis sein.
Hier ist er Kosmos.
Die Begrenzung wird zur Form der Freiheit.
Der Mensch im Zentrum
Die zentrale Figur steht weder außerhalb der Welt noch über ihr.
Sie befindet sich in ihrem Mittelpunkt.
Das ist die vollendete Stellung des Menschen.
Nicht Herr über den Kosmos.
Nicht Sklave des Kosmos.
Mittelpunkt der Korrespondenz.
Der Mensch ist Mikrokosmos.
Mikrokosmos und Makrokosmos
Hier erreicht die hermetische Idee ihre höchste Klarheit.
Der Mensch enthält in sich Entsprechungen zur kosmischen Ordnung.
Was oben geschieht, besitzt ein Echo unten.
Was im Kosmos geordnet ist, findet im Menschen eine innere Entsprechung.
Die Vollendung besteht darin, diese Entsprechung bewusst zu leben.
Die vier Wesen
Die vier Figuren an den Ecken der Weltkarte – Mensch, Adler, Löwe und Stier – gehören zu einer uralten Symbolsprache.
Sie erscheinen in prophetischen und apokalyptischen Traditionen.
Sie können die vier Evangelisten symbolisieren.
Noch tiefer reichen jedoch ihre kosmischen Bedeutungen.
Sie repräsentieren die Vierheit der Welt.
Mensch.
Tier.
Luft.
Erde.
Bewusstsein.
Kraft.
Die Vierheit
Nach der langen Folge von Polaritäten entsteht nun eine stabile Vierheit.
Vier Richtungen.
Vier Elemente.
Vier Jahreszeiten.
Vier Himmelsrichtungen.
Vier Prinzipien.
Die Welt ist nicht homogen.
Ihre Einheit besteht aus geordneter Vielheit.
Nabuchodenasor und Babylon
Der Name Nabuchodenasor führt unmittelbar nach Babylon.
Babylon ist die Stadt der Größe.
Der Ort des Turmes.
Der Ort der Macht.
Der Ort der astronomischen Beobachtung.
Der Ort der Gärten.
Der Ort der imperialen Ordnung.
Damit versammelt Nabuchodenasor nahezu alle großen Motive des Zyklus.
Turm.
Herrschaft.
Himmel.
Wissen.
Stadt.
Natur.
Exil.
Rückkehr.
Der große Herrscher
Nabuchodenasor verkörpert zunächst den Menschen, der die Welt beherrschen möchte.
Er baut.
Erobert.
Ordnet.
Verfügt.
Er macht die Welt zu einem Ausdruck seines Willens.
Damit steht er nahe bei Metelo und Olivo.
Doch am Ende wird gerade diese Haltung transformiert.
Die Demütigung des Königs
In der biblischen Erzählung wird Nebukadnezar von Gott gedemütigt.
Er verliert seine menschliche Selbstgewissheit und lebt zeitweise wie ein Tier.
Diese Episode ist für XXI von großer Bedeutung.
Der König muss seine Identifikation mit seiner Macht verlieren.
Er muss erfahren:
Ich bin nicht mein Reich.
Die Lektion des Wahnsinns
Die königliche Identität zerbricht.
Der Mensch wird auf eine elementare Existenz zurückgeführt.
Er verliert seine symbolische Höhe.
Das erinnert an den Turm.
Doch nun geschieht der Einsturz nicht am Gebäude.
Er geschieht im Bewusstsein des Herrschers.
Vom König zum Menschen
Nabuchodenasor muss Mensch werden, bevor er wieder König sein kann.
Das ist die eigentliche Initiation.
Er muss seine Tierhaftigkeit erkennen.
Er muss seine Begrenztheit erfahren.
Er muss die Abhängigkeit vom kosmischen Ganzen akzeptieren.
Erst danach kann Ordnung entstehen.
Der Baum
In der Erzählung von Nebukadnezars Traum erscheint der große Baum, der die Welt überragt und schließlich gefällt wird.
Dieses Bild verbindet sich auf faszinierende Weise mit der gesamten Trumpffolge.
Olivo war der Baum.
Nabuchodenasor ist erneut der große Baum.
Die vertikale Überdehnung wird wiederholt.
Aber XXI zeigt ihre Integration.
Der Baum muss nicht als Symbol der Größe zerstört werden.
Er muss als Teil des kosmischen Ganzen verstanden werden.
Der Traum des Königs
Der Traum ist entscheidend.
Nabuchodenasor erhält Bilder, die er selbst nicht vollständig versteht.
Damit kehrt die Mondwelt zurück.
Aber jetzt befindet sich der Traum innerhalb einer größeren Ordnung.
Der König muss erkennen, dass seine Träume nicht seinem Willen gehören.
Sie kommen aus einer tieferen Quelle.
Daniel
In der biblischen Erzählung ist es Daniel, der die Träume deutet.
Damit entsteht eine bemerkenswerte Gegenüberstellung:
Nabuchodenasor besitzt Macht.
Daniel besitzt Deutung.
Der König kann die Welt beherrschen.
Der Weise kann ihre Zeichen lesen.
Damit wird die Hierarchie von Macht und Erkenntnis umgekehrt.
Die Welt als Text
Das ist eine der tiefsten hermetischen Ideen.
Die Welt ist lesbar.
Nicht nur sichtbar.
Sie ist symbolisch strukturiert.
Sterne.
Träume.
Tiere.
Könige.
Pflanzen.
Zahlen.
Zyklen.
Alles kann als Ausdruck einer tieferen Ordnung erscheinen.
XXI ist der Moment, in dem die gesamte Welt zum Kosmogramm wird.
Die Welt als Ganzes
Während XVIII noch einzelne Zeichen deutete, erkennt XXI den Zusammenhang zwischen ihnen.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Der Anfänger fragt:
Was bedeutet dieses Symbol?
Der Eingeweihte fragt:
Wie hängen alle Symbole miteinander zusammen?
Die Welt ist nicht ein Wörterbuch einzelner Zeichen.
Sie ist ein Satz.
Das Ende der Fragmentierung
Metelo hatte die Welt in Besitzstücke zerlegt.
Olivo hatte die vertikale Ordnung zerstört.
Lentulo hatte die Wahrnehmung fragmentiert.
Nenbroto hatte die Vergangenheit wieder zusammengeführt.
Nabuchodenasor führt nun die Welt selbst zusammen.
Die Fragmente werden Ganzheit.
Die kosmische Harmonie
Harmonie bedeutet nicht Abwesenheit von Gegensätzen.
Der Kreis enthält Gegensätze.
Licht und Schatten.
Leben und Tod.
Mensch und Tier.
Himmel und Erde.
Männlich und weiblich.
Das Ganze ist vollständig, weil es diese Gegensätze enthält.
Die Welt und das Eine
Neuplatonisch ist das entscheidende Motiv die Rückkehr vom Vielen zum Einen.
Doch das Eine vernichtet die Vielheit nicht.
Es ist ihr Ursprung.
Die Welt bleibt vielfältig.
Aber ihre Vielheit wird transparent für ihre Einheit.
Der Eingeweihte sieht nicht nur die Dinge.
Er sieht das Eine in den Dingen.
Die Schönheit der Welt
Daraus entsteht eine andere Form von Schönheit.
Die Welt ist nicht vollkommen, weil alles gleich ist.
Sie ist vollkommen, weil jedes Ding seinen Ort besitzt.
Der Löwe ist Löwe.
Der Stier ist Stier.
Der Mensch ist Mensch.
Der Adler ist Adler.
Die Ordnung besteht in der rechten Beziehung.
Das Ende der Herrschaft
Nabuchodenasor lernt schließlich, dass Herrschaft über die Welt nicht dasselbe ist wie Verständnis der Welt.
Der König kann Grenzen ziehen.
Er kann Städte bauen.
Er kann Völker unterwerfen.
Aber er kann nicht das Gesetz des Kosmos verändern.
Das ist seine Demütigung.
Und zugleich seine Befreiung.
Die Freiheit des Königs
Erst wenn der König erkennt, dass er nicht absolut ist, wird seine Herrschaft möglich.
Denn dann muss er die Welt nicht mehr seinem Ego unterwerfen.
Er kann ihr dienen.
Das ist die höchste Form von Königtum.
Nicht Besitz.
Verantwortung.
Der innere König
Hermetisch wird daraus der rex interior.
Der innere König ist das zentrierte Bewusstsein.
Er beherrscht nicht seine Psyche durch Unterdrückung.
Er ordnet sie.
Zorn.
Begehren.
Intellekt.
Körper.
Erinnerung.
Instinkt.
Alle erhalten ihren Platz.
Das ist Weltordnung im Inneren.
Die vier Elemente der Seele
Man könnte die vier Wesen der Weltkarte daher als psychische Kräfte lesen.
Der Stier:
Körper und Erdverbundenheit.
Der Löwe:
Kraft und Wille.
Der Adler:
geistige Erhebung.
Der Mensch:
Bewusstsein und Vermittlung.
Die vollendete Seele integriert alle vier.
Die Rückkehr des Körpers
Die Weltkarte ist keine reine Geisteskarte.
Sie ist körperlich.
Sie zeigt Erde.
Natur.
Tiere.
Raum.
Bewegung.
Damit wird die gesamte Reise vollendet:
Die Seele steigt auf.
Aber sie kehrt zurück.
Das Ziel ist nicht Entkörperung.
Das Ziel ist Inkarnation des Erkannten.
Das Fleisch als Tempel
In einer höheren hermetischen Lesart wird der Körper selbst zum Tempel.
Nicht weil er vollkommen wäre.
Sondern weil er Träger der kosmischen Korrespondenz ist.
Die Sonne scheint auf ihn.
Der Mond beeinflusst ihn.
Die Erde trägt ihn.
Der Geist bewegt ihn.
Der Mensch steht zwischen den Sphären.
Das Ganze und der Einzelne
XXI löst die Spannung zwischen Individuum und Kosmos.
Der Einzelne verschwindet nicht.
Er wird Teil des Ganzen.
Das ist etwas anderes.
Eine Note verliert ihre Identität nicht, wenn sie Teil einer Harmonie wird.
Sie erhält dadurch erst ihre Funktion.
Der Kreis und die Zeit
Der Kreis ist auch Zeit.
Geburt.
Wachstum.
Tod.
Wiederkehr.
Die Kartenfolge scheint linear.
Doch ihre Bedeutung ist zyklisch.
Am Ende kehrt man an den Anfang zurück.
Aber auf einer anderen Ebene.
Das Ende als Anfang
XXI ist deshalb nicht „die letzte Karte“ im einfachen Sinn.
Es ist die Schwelle zu einer neuen Runde.
Was abgeschlossen wurde, kann erneut beginnen.
Doch der Mensch, der den Zyklus erneut betritt, ist nicht derselbe.
Er besitzt Erinnerung.
Er besitzt Erfahrung.
Er besitzt Unterscheidung.
Die Welt als Initiationskreis
Die gesamte Folge kann nun als Initiationskreis verstanden werden.
Der Mensch tritt ein.
Er verliert seine alte Identität.
Er begegnet Tod und Schatten.
Er erkennt Bindung.
Er erlebt Zerstörung.
Er findet Orientierung.
Er verliert sich in der Nacht.
Er findet das Licht.
Er wird gerufen.
Er kehrt zurück.
Und schließlich erkennt er:
Der Weg war die Welt.
Nabuchodenasor als letzter Spiegel
Der letzte Trumpf zeigt damit noch einmal die zentrale Versuchung des gesamten Zyklus:
den Wunsch, das Ganze zu besitzen.
Nabuchodenasor wollte ein Weltreich.
Der Eingeweihte könnte versucht sein, ein Weltwissen zu besitzen.
Beides ist dieselbe Hybris.
Das Ganze kann nicht besessen werden.
Man kann nur an ihm teilnehmen.
Das Wissen des Ganzen
Die höchste Erkenntnis ist daher nicht:
„Ich kenne alles.“
Sondern:
„Ich kenne meinen Ort im Ganzen.“
Das ist eine vollkommen andere Form von Wissen.
Sie ist bescheidener.
Und gerade deshalb umfassender.
Die Welt als Spiegel
Die Welt spiegelt den Menschen.
Aber nun spiegelt der Mensch auch die Welt.
Mikrokosmos und Makrokosmos werden gegenseitig lesbar.
Die äußere Ordnung wird zur inneren Ordnung.
Die innere Ordnung wird zur Weise, die äußere Welt zu sehen.
Die vollendete Korrespondenz
Hier erfüllt sich die hermetische Tabula Smaragdina:
Was oben ist, entspricht dem, was unten ist.
Was innen geschieht, findet sein Echo außen.
Was im Kosmos geschieht, kann im Menschen erkannt werden.
Der Kreis schließt sich.
Die Welt und die Wahrheit
Die Wahrheit ist nun nicht mehr verborgen.
Aber sie ist auch nicht auf eine einzige Formel reduzierbar.
Sie ist Ganzheit.
Das bedeutet:
Mehrere Perspektiven können wahr sein.
Mehrere Ebenen können gleichzeitig existieren.
Mythos.
Geschichte.
Kosmos.
Psyche.
Geist.
Körper.
Symbol.
Alle gehören zusammen.
Der Eingeweihte als Weltbürger
Die vollendete Seele wird nicht weltfremd.
Sie wird weltfähig.
Sie kann im Alltag stehen, ohne das Unsichtbare zu vergessen.
Sie kann das Unsichtbare erkennen, ohne den Alltag zu verachten.
Sie kann Macht besitzen, ohne sich mit Macht zu identifizieren.
Sie kann Wissen besitzen, ohne sich für den Ursprung des Wissens zu halten.
Die Aufhebung der Trennung
Damit verschwindet die grundlegende Dualität:
Himmel gegen Erde.
Geist gegen Materie.
Mensch gegen Natur.
Innen gegen Außen.
Leben gegen Tod.
Diese Gegensätze verschwinden nicht.
Sie werden durchlässig.
Das ist die Vollendung.
Der Mensch im Zentrum des Kreises
Der Mensch im Zentrum ist deshalb kein Herrscher.
Er ist ein Vermittler.
Er verbindet.
Er übersetzt.
Er erkennt.
Er antwortet.
Er verkörpert.
Das ist die höchste Stellung des Menschen.
Die Welt als Tempel
Am Ende wird die Welt selbst zum Tempel.
Nicht weil sie frei von Leid wäre.
Sondern weil alles in ihr auf Beziehung verweist.
Jedes Ding besitzt seinen Ort.
Jede Bewegung ihre Zeit.
Jedes Leben seine Grenze.
Jeder Tod seinen Übergang.
Der Kosmos wird zum heiligen Zusammenhang.
Die Erinnerung an den Turm
Und doch bleibt Babel.
Der Turm ist nicht vergessen.
Gerade deshalb ist Nabuchodenasor der passende letzte Name.
Der Weg zur Vollendung besteht nicht darin, die eigene Hybris zu vergessen.
Er besteht darin, sie zu durchschauen.
Wer seinen Turm kennt, muss keinen neuen bauen.
Die Rückkehr des Königs
Nabuchodenasor kehrt als König zurück.
Aber ein anderer König.
Nicht derjenige, der sagt:
„Dies alles gehört mir.“
Sondern derjenige, der erkennt:
„Ich gehöre diesem Ganzen an.“
Das ist die eigentliche Umkehrung.
Die Welt ohne Besitz
Damit vollendet sich die Bewegung von XV.
Metelo fragte:
Was gehört mir?
XXI antwortet:
Du gehörst dem Ganzen.
Das ist keine Erniedrigung.
Es ist Befreiung.
Denn was dem Ganzen gehört, muss nicht mehr verteidigt werden.
Die Welt ohne Angst
Auch die Mondangst wird verwandelt.
Wenn die Welt als Ganzes verstanden wird, verliert das Unbekannte seine absolute Fremdheit.
Es gibt weiterhin Tod.
Es gibt weiterhin Dunkelheit.
Aber sie sind Teil des Kreises.
Sie sind nicht mehr das Gegenteil des Lebens.
Die Welt als lebendiger Organismus
Hermetisch ist der Kosmos ein lebendiges Ganzes.
Nicht Maschine.
Nicht bloße Ansammlung.
Ein Organismus.
Der Mensch ist darin nicht zufälliger Zuschauer.
Er ist ein Teil, der das Ganze erkennen kann.
Das ist vielleicht die höchste Würde des Menschen.
Das Sehen des Ganzen
Ipeo hatte gelehrt, zum Stern zu sehen.
Lentulo hatte gelehrt, dem Mond zu misstrauen.
Sabino hatte das Licht gebracht.
Nenbroto hatte gerufen.
Nabuchodenasor zeigt nun, wohin all dieses Sehen, Misstrauen, Erwachen und Antworten geführt haben:
zur Fähigkeit, die Welt als Ganzes zu sehen.
Der Kreis schließt sich
Damit ist die große Bewegung vollendet:
Vom Besitz zur Teilhabe.
Von der Macht zur Verantwortung.
Von der Konstruktion zur Korrespondenz.
Von der Fragmentierung zur Ganzheit.
Vom Ich zum Kosmos.
Und schließlich:
Vom Kosmos zur Erkenntnis des Einen.
XXI – Nabuchodenasor als Weltenschwelle
XXI – Nabuchodenasor bezeichnet die Vollendung des Weges nicht als Flucht aus der Welt, sondern als Wiederkehr in die Welt als Ganzes. Der Name des babylonischen Königs ist dafür von besonderer Präzision: Nabuchodenasor verkörpert zunächst den Herrscher, der durch Macht, Baukunst und kosmische Größe die Welt seinem Willen unterwerfen möchte; doch gerade seine Demütigung macht ihn zum Bild einer höheren Erkenntnis, in der der Mensch begreift, dass er nicht Herr des Ganzen, sondern Teil seiner Ordnung ist. Nach dem Turm des Olivo kehrt die Hybris in Gestalt des Königs wieder, doch nun wird nicht mehr das Gebäude zerstört, sondern die Identifikation des Bewusstseins mit seiner eigenen Macht. Der König muss erfahren, dass er nicht sein Reich ist. In dieser Erniedrigung liegt seine Wiedergeburt. Die Weltkarte, die später dem XXI. Trumpf entspricht, fasst diesen Vorgang in den Kreis der kosmischen Totalität: die zentrale Gestalt, die vier Wesen, die Sphäre und die Bewegung bilden eine Ordnung, in der Mensch, Tier, Himmel und Erde nicht mehr gegeneinander stehen, sondern als verschiedene Ausdrucksweisen eines Ganzen erscheinen. Hermetisch verwirklicht sich hier die Korrespondenz von Makrokosmos und Mikrokosmos; neuplatonisch die Rückkehr der Vielheit in die erkennbare Einheit ihres Ursprungs. Der Eingeweihte erkennt nicht mehr nur einzelne Zeichen, sondern den Zusammenhang der Zeichen selbst. Die Welt wird zum Kosmogramm, zum lebendigen Text, in dem Sterne, Tiere, Träume, Körper, Geschichte, Natur und Geist aufeinander verweisen. Das bedeutet nicht, dass die Gegensätze verschwinden. Der Kreis enthält sie alle: Leben und Tod, Licht und Dunkelheit, Körper und Geist, Mensch und Tier, Anfang und Ende. Vollendung ist nicht Homogenität, sondern geordnete Vielheit. Gerade deshalb ist die zentrale Figur kein Herrscher über die Welt, sondern ihr Vermittler. Sie steht im Zentrum, ohne das Ganze zu besitzen. Sie nimmt teil, erkennt, verbindet und verkörpert. Die eigentliche Umkehrung des gesamten Weges liegt darin, dass die Frage des Metelo – was gehört mir? – am Ende ihre Antwort erhält: Nicht die Welt gehört dem Menschen; der Mensch gehört der Welt. Nabuchodenasor führt damit zurück zu Babylon, zum Turm, zum Traum, zum König und zur Demütigung, aber auf einer höheren Ebene. Was einst als Herrschaftsanspruch erschien, wird zu Verantwortung; was als Besitz erschien, wird zu Teilhabe; was als vertikale Überhöhung begann, wird zur Einordnung in die kosmische Harmonie. Die vier Wesen des Kreises erinnern daran, dass der Mensch nur einer unter den kosmischen Polen ist und seine Würde gerade darin liegt, zwischen ihnen vermitteln zu können. Die Sonne hat ihn sichtbar gemacht, das Gericht hat ihn geweckt, die Welt gibt ihm nun seinen Ort. Der Weg endet deshalb nicht mit dem Aufstieg zum Himmel, sondern mit der Erkenntnis, dass Himmel und Erde bereits miteinander verbunden sind. Das Ganze kann nicht besessen werden. Es kann nur erkannt, bewohnt und verkörpert werden. In diesem Sinn ist XXI nicht das Ende der Reise, sondern ihre Rückkehr in den Ursprung: Der Kreis schließt sich, und gerade dadurch öffnet er sich erneut. Was am Anfang als einzelne, voneinander getrennte Gestalten erschien, wird nun als ein einziger Kosmos gelesen. Der Eingeweihte hat nicht die Welt verlassen; er hat gelernt, in ihr das Eine zu erkennen.
