Giordano Berti – Le Carte di Corte. Gioco e magia alla corte degli Estensi (1987) – die Bedeutung für das Sola-Busca-Tarot

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Das 1987 erschienene Werk „Le Carte di Corte. I Tarocchi: gioco e magia alla corte degli Estensi“ gehört zu den frühen grundlegenden Forschungsarbeiten, die das Tarot aus seinem rein esoterischen Nachleben herauslösten und wieder in seinen ursprünglichen kulturellen Zusammenhang der italienischen Renaissance stellten. Der Band entstand als wissenschaftlicher Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in Ferrara, die sich mit der Rolle der Tarotkarten am Hof der Este beschäftigte, und wurde von Giordano Berti und Andrea Vitali herausgegeben. Ausstellung und Katalog markieren einen entscheidenden Moment in der Tarotforschung, da sie die Karten nicht mehr ausschließlich als Instrumente der Wahrsagerei oder als Träger späterer okkulter Systeme betrachteten, sondern als komplexe Kunstwerke und als Ausdruck einer höfischen Kultur, in der Spiel, Kunst, Philosophie, Astrologie, Mythologie und Magie eng miteinander verflochten waren.

Der Ausgangspunkt des Werkes ist der Hof der Este-Dynastie in Ferrara, eines der bedeutendsten Zentren der italienischen Renaissance. Ferrara war im 15. und frühen 16. Jahrhundert ein Ort intensiver humanistischer Bildung, an dem Künstler, Literaten, Philosophen und Gelehrte zusammenwirkten. In dieser kulturellen Konstellation verschmolzen antike Überlieferungen, christliche Vorstellungen, astrologische Spekulationen, Naturphilosophie und allegorische Kunst zu einer vielschichtigen geistigen Welt. Die Tarotkarten erscheinen in diesem Kontext als Teil einer höfischen Bildkultur, die weit über den bloßen Spielcharakter hinausging. Sie konnten als kleine, in sich geschlossene Bilderzyklen verstanden werden, die Vorstellungen von Tugend, Macht, Schicksal, kosmischer Ordnung und menschlicher Entwicklung visualisierten.

Besondere Bedeutung innerhalb des Bandes kommt dem Beitrag Giordano Bertis über das Sola‑Busca-Tarot zu. Berti nähert sich diesem außergewöhnlichen Deck zunächst aus kunsthistorischer und historischer Perspektive und stellt die Frage nach seiner Stellung innerhalb der Entwicklung der Renaissance-Tarotkarten. Dabei wird deutlich, dass sich das Sola‑Busca grundlegend von früheren italienischen Tarotspielen wie den Visconti-Sforza-Karten unterscheidet. Während diese überwiegend allegorische Figuren zeigen—Kaiser, Papst, Tod, Gerechtigkeit, Stärke oder den Eremiten—entfaltet das Sola‑Busca eine Welt benannter historischer, mythologischer und symbolischer Gestalten.

Die Karten tragen Namen aus der Antike und der Geschichte, darunter Herrscher, Feldherren und mythologische Figuren, wodurch der Eindruck einer humanistischen Bildergalerie entsteht. Das Spiel erscheint wie eine visuelle Enzyklopädie der Renaissance, in der historische Erinnerung, moralische Belehrung und symbolische Bedeutung miteinander verbunden sind. Für Berti ist dies ein typisches Merkmal der Epoche: Die Beschäftigung mit der Antike dient nicht nur der Gelehrsamkeit, sondern wird zu einem Medium der Selbsterkenntnis und der Reflexion menschlicher Möglichkeiten.

Ein wesentlicher Aspekt seiner Analyse ist die enge Verbindung von Kunst und Gelehrsamkeit. Das Sola‑Busca entstand in einer Zeit, in der Bilder als Träger komplexer Bedeutungen fungierten. Humanistische Künstler und Auftraggeber arbeiteten mit Symbolen, Allegorien und gelehrten Anspielungen, die für ein entsprechend gebildetes Publikum lesbar waren. Ein Werk wie das Sola‑Busca konnte daher zugleich Spiel, Kunstobjekt und intellektuelle Herausforderung sein. In dieser Hinsicht verweist das Deck auf eine Form visueller Kultur, die nicht auf unmittelbare Verständlichkeit zielte, sondern auf Deutung, Reflexion und gelehrte Partizipation.

Hier setzt auch eine weiterführende Interpretation an, die sich bereits aus Bertis Ansatz ergibt: Das Sola‑Busca kann als ein Übergangsphänomen zwischen mittelalterlicher Allegorie und frühneuzeitlicher Emblematik verstanden werden. Die Karten sind nicht nur Darstellungen, sondern Denkfiguren, deren Bedeutung sich im Zusammenspiel von Bild, Name und kulturellem Wissen erschließt. Sie fungieren gewissermaßen als Exempla im Sinne des humanistischen Bildungsprogramms, das die Geschichte der Antike als moralischen und philosophischen Erfahrungsraum begreift.

Ein besonders faszinierender Aspekt ist die Frage nach der hermetischen und alchemischen Dimension des Sola‑Busca. Berti gehört zu denjenigen Forschern, die darauf aufmerksam machen, dass das Deck nicht vollständig verstanden werden kann, wenn man es lediglich als Spielkarten betrachtet. Die Bildsprache enthält zahlreiche Elemente, die auf die geistige Welt der Renaissance verweisen: Vorstellungen von Transformation, die Beziehung zwischen Mensch und Kosmos, symbolische Verdichtungen von Macht, Schicksal und Erkenntnis sowie mögliche Anspielungen auf alchemische Prozesse. In der Renaissance wurde Alchemie nicht nur als technische Praxis verstanden, sondern als philosophische Lehre über Wandlung, Reinigung und die Vervollkommnung des Menschen.

Berti selbst bleibt in dieser Hinsicht methodisch vorsichtig und vermeidet es, das Sola‑Busca vorschnell als geschlossenes hermetisches System zu interpretieren. Gerade diese Zurückhaltung erweist sich jedoch als produktiv, da sie den historischen Horizont offenlegt, innerhalb dessen solche Deutungen überhaupt erst sinnvoll werden. Spätere Forscher wie Peter Mark Adams, Morena Poltronieri oder Ernesto Fazioli konnten an diese Grundlage anknüpfen und die Frage weiterverfolgen, ob das Deck als eine Art hermetischer Bilderweg gelesen werden kann.

In diesem Zusammenhang gewinnt auch die Figur des Ludovico Lazzarelli besondere Bedeutung. Als Vertreter einer christlich geprägten Hermetik verband er das Corpus Hermeticum mit neuplatonischem und christlichem Denken und entwickelte die Vorstellung einer geistigen Transformation des Menschen durch Erkenntnis. Seine Schrift „Crater Hermetis“ steht exemplarisch für diese Strömung. Die Hypothese, dass das Sola‑Busca in einem ähnlichen geistigen Umfeld entstanden sein könnte, erscheint vor diesem Hintergrund plausibel, auch wenn direkte Belege schwer zu erbringen sind. Entscheidender ist, dass das Deck in eine Kultur eingebettet ist, in der Bilder als Medien der Erkenntnis verstanden wurden und sichtbare Formen auf unsichtbare Wahrheiten verweisen konnten.

Auffällig ist dabei, dass die Symbolik des Sola‑Busca zwar eine kosmologische Tiefe andeutet, jedoch keine strikt systematische astrologische Ordnung erkennen lässt. Dies spricht dafür, dass es sich weniger um ein geschlossenes Lehrsystem als um eine offene, polyvalente Symbolstruktur handelt. Eine solche Struktur entspricht der hermetischen Vorstellung eines gestuften Wissens, das sich nur demjenigen erschließt, der über die entsprechende Bildung verfügt. Das Deck bewegt sich somit zwischen Spiel, Meditation und intellektueller Reflexion.

Die Einbettung in den Hof der Este ist dabei konstitutiv. Der Hof fungierte als Schnittstelle zwischen Kunstproduktion, politischer Repräsentation und intellektueller Innovation. Tarotkarten konnten in diesem Kontext nicht nur der Unterhaltung dienen, sondern auch als Ausdruck eines bestimmten Weltverständnisses, in dem Macht, Tugend, Fortuna und kosmische Ordnung symbolisch vermittelt wurden. Zugleich verweist die technische Ausführung des Sola‑Busca als Kupferstichserie auf eine veränderte mediale Situation. Im Unterschied zu den handgemalten Luxusdecks deutet die Reproduzierbarkeit auf eine breitere, wenn auch weiterhin gebildete Nutzerschicht hin und positioniert das Deck an der Schwelle zwischen höfischer Kunst und frühneuzeitlicher Druckkultur.

Die Stärke von „Le Carte di Corte“ liegt letztlich darin, dass das Werk keine einfache esoterische Erklärung anbietet, sondern den historischen und kulturellen Boden freilegt, auf dem differenzierte Interpretationen möglich werden. Es zeigt, dass Renaissance-Tarotkarten aus einer Welt stammen, in der die Grenzen zwischen Kunst, Spiel, Philosophie, Religion, Magie und Naturwissenschaft durchlässig waren. „Magie“ bezeichnet dabei weniger eine Praxis im modernen Sinne als vielmehr eine Form von Naturphilosophie und kosmologischem Denken.

Für die Sola‑Busca-Forschung besitzt der Band daher eine zentrale Stellung. Er bildet die Brücke zwischen klassischer Tarotgeschichte und moderner symbolischer Interpretation und macht deutlich, dass das Deck nur im Kontext der italienischen Renaissance verstanden werden kann: im Spannungsfeld von Humanismus, Antikenrezeption, Neuplatonismus, Hermetik, Astrologie und Alchemie. Bertis Leistung besteht darin, dieses komplexe Geflecht sichtbar zu machen, ohne es vorschnell zu systematisieren. Gerade darin liegt die nachhaltige Bedeutung seines Ansatzes: Das Sola‑Busca erscheint nicht als isoliertes Kuriosum, sondern als Knotenpunkt einer Epoche, in der Bilder als Träger von Wissen, Reflexion und Erkenntnis fungierten.