Im Sola-Busca-Tarot ist Henosis kein ausdrücklich verwendeter Begriff der historischen Quellen zum Kartenspiel, aber er eignet sich sehr gut als hermetisch-neuplatonischer Deutungsbegriff, besonders wenn man den Sola Busca als einen alchemisch-initiativen Bilderweg liest. Eine solche Lesart verbindet sich mit Interpretationen, die den Tarot als symbolischen Transformationsprozess verstehen, wie sie etwa bei Ludovico Lazzarelli, in der Renaissance-Hermetik und in späteren tiefenpsychologischen Ansätzen vorkommen.
Im Sinne der Henosis wäre der Sola Busca nicht nur eine Abfolge von Tugenden, Helden, Herrschern und mythologischen Figuren, sondern ein Weg der Rückkehr des Menschen zu seinem göttlichen Ursprung.
Der Grundgedanke:
Der Mensch beginnt im Zustand der Trennung:
- getrennt von seiner wahren göttlichen Natur,
- gefangen in den Gegensätzen der Welt,
- beherrscht von Leidenschaften, Begierden, Unwissenheit und Schicksal.
Der Weg durch die Karten ist dann eine Einweihungsreise, in der diese Trennung schrittweise überwunden wird.
Die Henosis-Struktur im Sola Busca
1. Der Anfang: der unerweckte Mensch
Die frühen Karten können als Darstellung des Menschen in der gewöhnlichen Welt gelesen werden:
- Macht,
- Kampf,
- Ruhm,
- Besitz,
- intellektuelle Fähigkeiten,
- Leidenschaften.
Der Mensch bewegt sich zunächst noch in der Sphäre der Vielheit. Er identifiziert sich mit Rollen und äußeren Formen.
2. Der Weg der Reinigung (Katharsis)
Im neuplatonischen Sinne muss die Seele gereinigt werden. Im Sola Busca erscheinen viele Figuren als Träger von Prüfungen:
- Helden wie Herkules oder Perseus stehen für die Überwindung chaotischer Kräfte.
- Kriegerische Figuren zeigen die Auseinandersetzung mit inneren und äußeren Mächten.
- Opfer- und Todessymbolik verweist auf die notwendige Auflösung des alten Selbst.
Das entspricht dem alchemischen Prinzip:
solve et coagula
(auflösen und neu verbinden).
Das alte Ich muss sterben, damit eine höhere Identität entstehen kann.
3. Die Begegnung mit dem verborgenen göttlichen Prinzip
Im hermetischen Denken der Renaissance besitzt der Mensch einen göttlichen Funken (scintilla divina). Die Einweihung bedeutet nicht, etwas Fremdes zu erwerben, sondern etwas Verdecktes wiederzufinden.
Henosis bedeutet daher:
Nicht: „Der Mensch wird Gott.“
Sondern: „Der Mensch erkennt seine immer bestehende Teilhabe am Göttlichen.“
4. Die alchemische Hochzeit
Viele Sola-Busca-Motive lassen sich mit der alchemischen Symbolik verbinden:
- Vereinigung männlicher und weiblicher Prinzipien,
- Sonne und Mond,
- Geist und Materie,
- oben und unten.
Das erinnert an die hermetische Formel:
„Quod est superius est sicut quod inferius“
„Das Obere ist wie das Untere.“
Die Henosis ist die Aufhebung dieser Gegensätze in einer höheren Einheit.
5. Das Ziel: Rückkehr zum Einen
In einer neuplatonischen Lesart wäre die letzte Stufe nicht einfach „Erfolg“ oder „Weisheit“, sondern eine Bewusstseinsverwandlung:
Der Mensch erkennt:
- Das Göttliche ist nicht außerhalb seiner selbst.
- Die sichtbare Welt ist ein Symbol einer unsichtbaren Ordnung.
- Die Seele kehrt zu ihrem Ursprung zurück.
Das entspricht Plotins Beschreibung der Ekstasis: Die Seele wird so vollkommen eins mit dem Einen, dass die gewöhnliche Trennung von Ich und Welt verschwindet.
Verbindung zu Jung
Aus einer jungianischen Perspektive könnte Henosis im Sola Busca als Symbol der Individuation erscheinen:
- Die zersplitterten Persönlichkeitsanteile werden integriert.
- Schatten, Triebe und Gegensätze werden bewusst gemacht.
- Das Selbst als Ganzheit tritt hervor.
Der Unterschied:
- Plotin spricht von der Rückkehr zum transzendenten Einen.
- Jung spricht von der Verwirklichung des Selbst als psychischer Ganzheit.
Kurzform:
Henosis im Sola-Busca-Tarot bedeutet die verborgene Struktur einer Einweihungsreise: Die Seele durchläuft Kampf, Prüfung, Tod und Transformation, bis sie die Trennung zwischen Mensch und göttlichem Ursprung überwindet und ihre Einheit mit dem Einen erkennt.
Gerade im Zusammenhang mit Lazzarelli, Renaissance-Hermetik, Orphik, Chaldäischen Orakeln und neuplatonischer Philosophie ist Henosis einer der Schlüsselbegriffe, um den Sola Busca als einen Weg der inneren Vergöttlichung (theosis) zu lesen.
